„Reputation lässt sich nicht regulieren!“

07.02.2013

finanzwelt sprach mit OVB-Chef Michael Rentmeister über die gesetzliche Regulierung der Finanzbranche und das Image der Anlageberatung in Deutschland.

finanzwelt: Herr Rentmeister, Sie sind jetzt seit etwas mehr als einem Jahr Vorstandsvorsitzender der OVB. Wie sind Sie vor einem Jahr an die neue Aufgabe herangegangen?

Rentmeister: Ich habe zunächst eine Bestandsaufnahme gemacht und mich mit den Ursprüngen des Unternehmens beschäftigt. Wenn ein Unternehmen wie die OVB mehr als 42 Jahre am Markt erfolgreich ist, dann liegen seine Qualitäten nicht nur in den vergangenen Jahren, sondern haben ihren Ursprung in der Grundsubstanz: dem Unternehmens- Geschäftsmodell. Genau auf diese Stärken konzentrieren wir uns jetzt. Ich hätte als Brancheninsider nicht gedacht, welch hohe Qualität die OVB auszeichnet.

finanzwelt: Die OVB ist derzeit in 14 Ländern Europas vertreten. Planen Sie, in weitere Länder zu expandieren?

Rentmeister: Wir beobachten die Chancen für einen Markteintritt in neue Länder fortlaufend. Selbstverständlich sind wir daran interessiert, in Länder zu expandieren, in denen die regulatorischen Rahmenbedingungen stimmen, Wirtschaftswachstum herrscht und der Bedarf an Versicherungsprodukten steigt. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, sehen wir grundsätzlich gute Möglichkeiten, mit unserem Geschäftsmodell weiter international zu expandieren.

finanzwelt: In Deutschland müssen freie Vermittler seit Jahresbeginn aufgrund der Novellierung des Finanzanlagenvermittler-und Vermögensanlagenrechts gesteigerte Anforderungen im Bereich Informations-, Beratungs- und Dokumentationspflichten erfüllen. Halten Sie die neuen Vorschriften für sinnvoll?

Rentmeister: Wir erwarten, dass die neuen Rahmenbedingungen zu einer weiteren, qualitativen Verbesserung auch in der Anlageberatung führen –wie dies bei der Regulierung der Versicherungsvermittlung geschehen ist – und die professionell ausgebildeten und arbeitenden Berater damit weiter gestärkt werden. Grundsätzlich ist jetzt die Frage zu stellen, ob das auch absehbar hohe EU-Reformtempo – auch mit Blick auf den Verbraucherschutz – wirklich nützlich ist. Aus unserer Sicht wäre es sinnvoll, regelmäßig einen Blick in den Rückspiegel zu werfen und genau zu prüfen, ob und was konkret durch eine neue Regulierung bewirkt wurde. Eine überbordende Regulierung führt auf Dauer zu einer sinkenden Anzahl von Finanzberatern und somit zu einer Unterversorgung der Bevölkerung in puncto Risiko- und Altersvorsorge, was gesellschaftlich unverantwortlich ist. In Skandinavien und Großbritannien ist bereits der Beweis erbracht worden, dass Überregulierung nicht zu weiteren Qualitätsverbesserungen in der Finanzberatung beiträgt, sondern zu einer weiter steigenden Unterversorgung der Menschen führt. Das Entscheidende für die erfolgreiche Arbeit eines Finanzberaters lässt sich überhaupt nicht regulieren: Das ist seine Reputation, die für seine langfristige Tätigkeit existenziell ist. Schon alleine deshalb wird ein Berater alles daran setzen, seine Kunden kompetent und themenübergreifend zu beraten.

finanzwelt: Was wäre für Sie ein angemessener Zeitraum, um die Wirkungsweise von Gesetzen beurteilen zu können?

Rentmeister: Vier bis fünf Jahre. Das hängt auch vom Umfang der regulatorischen Maßnahmen ab: Wurde nur ein wenig am Kurs geändert oder gab es größere Veränderungen? Voraussetzung dafür ist natürlich, dass von der Politik bereits im Zuge der Gesetzgebung Messgrößen definiert werden, an denen sich der Erfolg einer Maßnahme ablesen lässt. Ich glaube, dass die Einführung der Vermittlerrichtlinie ein wirklicher Meilenstein gewesen ist. Sie hat unsere Branche herausgefordert, letztendlich aber qualitativ gestärkt. Ob die Reform des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) hingegen tatsächlich für mehr Transparenz und somit für mehr Verbraucherschutz gesorgt hat, muss angezweifelt werden.

finanzwelt: Seit kurzem ist die OVB Mitglied im Votum-Verband. Welche Gründe gab es für den Beitritt?

Rentmeister: Wir wollten ein Zeichen setzen. Da das Vertrauen der Menschen in die Finanzbranche leider gesunken ist, wollen wir unsere Position als Vermittler auch im Rahmen eines so wichtigen Verbands wie Votum deutlich machen und damit der Branche insgesamt mehr Gehör verschaffen. Eines ist klar: Wir müssen uns systematisch mit unseren Kritikern auseinandersetzen. Wenn wir als Branche das Vertrauen der Menschen in unsere Dienstleistung wieder dauerhaft stärken wollen, müssen wir uns in jeder möglichen Form transparent darstellen. Außerdem dürfen wir nicht versuchen, uns ständig neue Nischen zu zimmern, die Außenstehende nicht nachvollziehen können. Selbst wenn es sachliche Gründe dafür gibt. Ein gutes Beispiel hierfür ist die „Alte-Hasen-Regelung“ im Zusammenhang mit der Einführung des § 34f Gewerbeordnung (GewO), die man durchaus wieder gegen unsere Branche verwenden kann.

finanzwelt: Ist das Image der Finanzberatung im europäischen Ausland besser als in Deutschland?

Rentmeister: Ja, definitiv. In den anderen europäischen Ländern, in denen wir tätig sind, genießen die Dienstleistung der Allfinanzberatung und der Beruf des Finanzberaters nach unserer Erfahrung höheres Ansehen.

finanzwelt: Betrachten Sie es als Aufgabe eines Finanzvertriebs, den Wissensstand der Bevölkerung in Sachen Geldanlage zu verbessern?

Rentmeister: Natürlich möchten wir einen Beitrag dazu leisten. Eigenes Wissen in puncto Finanzen ist schließlich eine hervorragende Grundlage für eine individuell passende Altersvorsorge und einen dauerhaften Vermögensaufbau. Deshalb vermitteln wir beispielsweise in Osteuropa Fachwissen zur Geldanlage durch Vorträge an Universitäten. Das würden wir auch gern in Deutschland tun. Allerdings müsste dann gesellschaftlicher Konsens bestehen, dass ein Finanzexperte nicht nur ein Thema repräsentiert, sondern immer auch ein Unternehmen. Diesen Konsens gibt es allerdings hierzulande derzeit nicht. Vielmehr wird in solchen Fällen meist unterstellt, dass es nur um Verkaufsförderung geht. Auf der anderen Seite wird besonders in Deutschland auch viel Falsches über unsere Branche und die Sachverhalte selbst von sogenannten Fachleuten verbreitet. Wir als Branche müssen ungerechtfertigter Kritik wirkungsvoll begegnen. Wenn z.B. im Fernsehen gefragt wird, ob man seine Altersvorsorge zugunsten aktueller finanzieller Engpässe auflösen soll und eine sogenannte Expertin mit dem Argument einer aktuell geringen Rendite von Altersvorsorgeprodukten zustimmt, dann ist dies absolut unverantwortlich und darf von uns nicht unwidersprochen bleiben.

(Das Gespräch führten Dorothee Schöneich und Kim Brodtmann)