Selektion statt Schlagzeilen
18.06.2026

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Schlagzeilen bestimmen heute den Markt – während Fundamentaldaten erst später eingepreist werden. Deswegen führen geopolitische Schocks, politische Unsicherheit und themenbezogene Kursanstiege, beispielsweise im Bereich der Künstlichen Intelligenz, oftmals kurzfristig zu starken Kursschwankungen. Für Anleger bedeutet das: Heute ist die eigentliche Herausforderung nicht Schnelligkeit, sondern Disziplin. Es geht also darum, mit Aktien gezielt attraktiv vergütete Risiken einzugehen, die auch in turbulenten Marktphasen robust bleiben. Genau hier setzten aktive ETFs an.
Wo liegt der Mehrwert?
Der Begriff „Aktiver ETF“ deckt ein breites Spektrum ab. Viele Produkte orientieren sich sehr eng an ihren Benchmarks und weisen nur geringe Abweichungen sowie einen niedrigen Tracking Error auf – sie werden oft als „Passive Plus“ oder „Shy Active“ bezeichnet. Am anderen Ende des Spektrums stehen Strategien mit starker Überzeugung, die sich jedoch nur begrenzt am Benchmark-Risiko orientieren.
Warum sollten Anleger zu diesen Produkten greifen, statt zu traditionellen Aktienfonds oder passiven Index-Trackern? Die Anlageklasse verbindet die strukturellen Vorteile, die Anleger von ETFs erwarten – Liquidität, Transparenz und Kosteneffizienz – mit einem klar definierten, wiederholbaren Aktienauswahlprozess. Der Unterschied zu klassischen Index Trackern ist dabei die Selektivität: Aktive ETFs können jeden Bestandteil des Referenzindex unabhängig von den Fundamentaldaten auswählen. Gleichzeitig – und anders als bei traditionellen aktiven Fonds – bietet die ETF-Struktur einen täglichen Einblick in die Portfolios und Risikomerkmale. Dadurch können Anleger leichter nachvollziehen, wie Entscheidungen im Laufe der Zeit getroffen werden. Aktive ETFs reagieren also nicht impulsiv auf Marktnachrichten, sondern setzen die zugrundeliegenden Überzeugungen innerhalb eines disziplinierten Rahmens um. Das heißt aber nicht, dass die Fondsmanager nicht trotzdem schnell reagieren können. Das passiert beispielsweise, wenn das Research ergibt, dass ein Titel wahrscheinlich schwächeln wird, obwohl er die festgelegten Risikoparameter erfüllt.
Das richtige Maß an „aktiv“
Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge reicht ein hoher aktiv gemanagter Anteil im Portfolio allein nicht aus. Die besten Ergebnisse werden mit Strategien erzielt, die ihr Aktivitätsniveau konstant halten, anstatt ihr Risiko als Reaktion auf Marktvolatilität nach oben oder unten anzupassen. Ein auf Fundamentaldaten beruhender Anlageansatz, dem ein branchenbezogenes quantitatives Rahmenwerk zugrunde liegt, ist unseres Erachtens daher die effektivste Strategie. In unserem hauseigenen Ansatz wird jede Aktie im direkten Vergleich mit den Wettbewerbern bewertet und nach drei Kernthemen ein geordnet: Qualität, Wert und Katalysator. Die Gewichtung wird dabei je nach Branche angepasst, um die tatsächlichen Renditetreiber abzubilden. Dementsprechend werden die Faktoren in unterschiedlichen Branchen auch unterschiedlich bewertet. Dieser Bottom-up-Prozess wird systematisch und in regelmäßigen Abständen auf das gesamte Universum an gewendet. So stellen wir sicher, dass wir auf Veränderungen der Fundamentaldaten reagieren – und nicht nur auf kurzfristige Kursschwankungen. Dabei sorgt die quantitative Analyse für Messbarkeit, Konsistenz und Vergleichbarkeit. Die Fundamentalanalyse ergänzt gleichzeitig Urteilsvermögen und schafft ein Bewusstsein für Risiken, wenn Geschäftsmodelle, Wettbewerbsdynamiken oder Governance tiefere Einblicke erfordern.
In guten wie in schlechten Zeiten
Eine wichtige Frage in Zeiten geopolitischer Unsicherheit ist natürlich, wie aktive ETFs in Krisenzeiten mit hoher kurzfristiger Volatilität und unter Marktstress performen. Die Vergangenheit zeigt, dass auch auf bedeutende geopolitische Ereignisse im Laufe der Zeit oft positive Aktienmarktrenditen folgen. Durch den regelbasierten Bottom-up-Ansatz aktiver ETFs können Manager genau prüfen, wie sich Schocks auf die Fundamentaldaten – also Gewinne, Kapitalallokation und Geschäftsdynamik – der infrage kommenden Unternehmen auswirken. Titel, bei denen die Analysten Alarm schlagen, können auch zwischen den planmäßig stattfindenden Überprüfungen aus dem Portfolio entfernt werden. In der Regel verändert sich die Marktabdeckung des Portfolios dadurch nicht wesentlich In Haussephasen, insbesondere bei engen, themenorientierten Kursanstiegen, verlagert sich der Fokus darauf, unbeabsichtigte Konzentrationen zu vermeiden und sicherzustellen, dass steigende Kurse bei Portfoliounternehmen durch Verbesserungen bei Qualität, Bewertung und glaubwürdigen Katalysatoren gestützt werden. Wo dies nicht der Fall ist, wer den bei den halbjährlichen Bottom-up-Portfolio-Neugewichtungen die potenziellen Underperformer aussortiert – selbst wenn die Marktdynamik stark bleibt.
Aktive ETFs werden zunehmend anhand der Qualität ihrer Prozesse beurteilt und nicht mehr nach ihren Labels. Für professionelle Anleger und Intermediäre besteht der entscheidende Unterschied darin, ob eine Strategie eine konsistente Titelauswahl, ein transparentes Risikomanagement und einen klar definierten Entscheidungsrahmen bietet, der sich über verschiedene Marktphasen bewährt. In einem Umfeld, das von Schlagzeilen und kurzfristiger Volatilität geprägt ist, dürften Ansätze, die weiterhin auf Fundamentaldaten und Disziplin basieren, relevanter sein als solche, die lediglich auf Marktgeräusche reagieren.
Ein Gastbeitrag von Chris Lo, Head of Research Enhanced Equities und ETF Portfolio Manager, Columbia Threadneedle Investments

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