Wer setzt den neuen Kurs?

02.04.2013

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Sind Schiffsfonds bei Anlegern und Vertrieben dauerhaft „verbrannt?" „Krisengipfel"; „Umdenken angesagt"; „Keine Besserung in Sicht"; „Schiffsfondsmarkt zum Erliegen gekommen":

Vier Überschriften aus 15 Monaten Berichterstattung in finanzwelt über Schiffsbeteiligungen. Seit 2008 nirgendwo ein Silberstreif am Horizont. Macher und Berater dieses ehemaligen „Darlings" der geschlossenen Fonds laufen seitdem mit hängenden Köpfen auf Branchentreffs herum. Ist wirklich kein Ende der Misere in Sicht? Wir fragten nach.

_ finanzwelt diskutierte mit Branchenexperten:_

  • Nikolas H. Dierkes, Vorstand MCE Schiffskapital AG MCE ist ein Emissionshaus im Bereich geschlossene Fonds, das Portfoliofonds für Schiffsinvestments anbietet. Bei den MCE Portfoliofonds handelt es sich um eine aktiv gemanagte Fondsserie, die auf dem Investmentfonds-Prinzip aufbaut.
  • Nils Lorentzen, Geschäftsführer Deutsche Fonds Research GmbH (DFR) Die DFR wurde 2006 als Tochter der Salomon Invest GmbH gegründet. Das unabhängige Analysehaus hat rund 95 % der öffentlich angebotenen Schiffsbeteiligungen erfasst.
  • Michael Rathmann, Inhaber Mira GmbH & Co. KG Das Unternehmen ist ein Spezialvertrieb für Schiffsbeteiligungen und Logistik mit ausschließlichem Internetvertrieb. Rathmann ist in vielen Schiffsgesellschaften als Beirat und Beiratsvorsitzender vertreten.

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finanzwelt:** Die Negativmeldungen von den Schiffsmärkten reißen nicht ab, Charter und Frachtraten sind am Boden. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Rathmann: Ich denke, dass die Schiffsbranche noch eine ganze Weile durch die Krise segeln wird. Dennoch bin ich verhalten optimistisch, weil derzeit sehr viel Tonnage vom Markt verschwindet. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres sind 39 Containerschiffe verschrottet worden. Das ist deutlichmehr als im Vergleichszeitraum 2012. In der Größenklasse bis 3.000 TEU wird sich die weltweite Flotte in diesem Jahr um 60 bis 80 Schiffe verringern, die Neubauablieferungen eingerechnet. Insgesamt rechnet die Containerschiffsreederei MAERSK mit bis zu 400.000 TEU, die 2013 verschrottet werden. Das führt zu einer Marktbereinigung, die den Schiffen helfen wird, die die Krise mit Hilfe von Betriebsfortführungskonzepten bislang überstanden haben.

Lorentzen: Grundsätzlich glaube ich, dass sich der Markt wieder erholen wird, allerdings nicht vor Mitte 2014. Es gibt immer noch ein großes Interesse von Investoren an Schiffsfonds. Derzeit traut sich aber niemand, den ersten Mikado-Stab zu ziehen. Ein Problem ist, dass wir einen deutlich unterbewerteten Zweitmarkt haben. Die Anteile werden zu sehr niedrigen Preisen verkauft, teilweise ist sogar der Schrottwert höher.

finanzwelt: Herr Dierkes, MCE war im vergangenen Jahr Marktführer im Segment der Schiffsbeteiligungen. 2012 wurden insgesamt 258 Mio. Euro Eigenkapital in Schiffsfonds investiert, die MCE-Zweitmarktfonds haben fast ein Viertel davon eingeworben. Wie hat das in einem so schwierigen Marktumfeld funktioniert?

Dierkes: Mit unseren Portfolio-Fonds haben wir einen anderen Ansatz als klassische Ein-Schiff-Gesellschaften. Wer auf dem Zweitmarkt investiert, kann auf eine gewisse Historie, auf Zahlen zurückgreifen. Wir investieren überwiegend in Schiffsbeteiligungen mit Containerschiffen, die langfristig verchartert sind. Wir wollen nicht den Gesamtmarkt abdecken, sondern gezielt Fonds auswählen, die zu unserer Portfoliostrategie passen.

finanzwelt: Kaufen Sie die Anteile auf klassischen Zweitmarktplattformen?

Dierkes: Unsere Bezugsquellen sind Zweitmarktplattformen und Reedereien. Derzeit wollen viele Anleger aus ihren Schiffsfonds aussteigen. Wir können gar nicht alles absorbieren, was an Anteilen angeboten wird. Bei der Auswahl sondieren wir nicht nach Emissionshäusern, denn fast jedes Emissionshaus hat sowohl gut- als auch schlechtlaufende Fonds.

finanzwelt: Sehen Sie die Gefahr, dass große Schiffsinitiatoren künftig ausfallenwerden?

Rathmann: Ich kann mir nicht vorstellen, dass eines der namhaften Emissionshäuser sang- und klanglos vom Markt verschwindet. Dadurch, dass die großen Häuser ihre eigenen Treuhandgesellschaften und damit die Fonds verwalten, haben sie noch mindestens ein Standbein. Nur Neuemissionen werden viele nicht mehr vornehmen.

Dierkes: Angesichts des schwierigen Marktumfeldes wird in vielen Emissionshäusern überlegt, ob es Sinn macht, die neuen gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, die interne Organisation umzustrukturieren und Geld in die Hand zu nehmen, um neue Fonds zu emittieren. Die Initiatoren fragen sich, ob sie Anleger und Vertriebe noch für neue Schiffsfonds gewinnen können. Etliche Akteure werden sich zurückhalten, keine Zulassung als Kapitalverwaltungsgesellschaft (KVG) bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beantragen und erst mal abwarten, ob und wann die Schiffsmärkte sich wieder erholen. Ich bezweifle aber, dass wir jemals wieder so eine Boom-Phase erleben werden wie vor der Krise.

finanzwelt: Gelegentlich meinen Chefs von Emissionshäusern, dass Schiffsfonds ausschließlich unter einer Krise des Marktes leiden, nicht auch unter einer Krise des Managements. Teilen Sie diese Einschätzung?

Rathmann: Der Markt ist nicht ausschließlich von den Emissionshäusern kaputtgemacht worden. Auch die Reedereien haben dazu beigetragen, indem sie zu viele Schiffe geordert haben. Die Banken haben ebenfalls eine Mitschuld. In der Euphorie vor Ausbruch der Krise haben sie nahezu alles finanziert, was auch nur annähernd schwimmfähig war. Es wurden Schiffe finanziert, bei denen von vornherein klar war, dass das nicht funktionieren konnte. Die Banken waren von einer gewissen Gier befallen.

Lorentzen: Jeder wollte damals an Schiffen verdienen. Es ist schwierig, da jemandem den schwarzen Peter zuzuschieben. Eine Zeitlang sind Schiffsbeteiligungen wie geschnitten Brot verkauft worden, es gab eine extrem hohe Nachfrage. Dementsprechend mussten immer mehr Fonds emittiert werden, zudem waren einige schwarze Schafe im Markt. Diese Probleme muss die Branche jetzt erst einmal auskurieren. Wenn das geschehen ist, wird es auch wieder Erstmarktfonds geben. Ich habe die Hoffnung, dass alle Beteiligten aus der Krise gelernt haben.

finanzwelt: Als die Krise ausbrach, waren viele Berater verschreckt. Siewollten erst mal die Entwicklung der Schiffsmärkte abwarten oder sind auf andere Assetklassen umgestiegen. Hat sich daran etwas geändert?

Lorentzen: Aus meiner Sicht nicht. Wie die Emissionshäuser stehen auch die Vertriebe derzeit vor großen Veränderungen durch die gesetzliche Neuordnung des Vermittlerrechts. Sie müssen entscheiden, in welcher Form sie ihr Geschäft künftig weiterführen wollen, ob sie sich einem Haftungsdach anschließen oder nicht. Erst wenn die Vertriebe das geklärt haben, werden sie wieder aktiv werden.

Rathmann: Durch die Regulierung wird es eine qualitativ verbesserte Vertriebslandschaft geben, die Beratungskultur wird sich positiv verändern. Früher war das Motto häufig: „Gestern war ich Fensterputzer, heute bin ich Anlageberater!“ Es waren Berater am Markt, die Mühe hatten, das Wort Schiffsbeteiligung zu buchstabieren. Die haben völlig kritiklos Schiffsfonds vertrieben und sich da drangehängt, wo es die höchsten Provisionen gab. Das wird sich zugunsten der Anleger nachhaltig verbessern.

finanzwelt: Ist das dauerhafte Engagement der Banken Voraussetzung dafür, dass private Investoren wieder in Schiffsfonds investieren?

Rathmann: Es wäre ein falsches Signal, wenn die Banken jetzt sagenwürden: „Schiff war gestern!“ Solide konzipierte Schiffe haben immer ihre Marktberechtigung. Wenn sich der Markt wieder beruhigt hat, werden die Banken wieder Schiffe finanzieren, wenn auch nicht mehr mit einem so hohen Fremdkapitalanteil, wie es in der Vergangenheit der Fall war.

Lorentzen: Ich denke auch, dass die Banken zurückkommen werden. Und auch diejenigen Anleger, die das Fondsmodell verstanden haben, werden wieder in Schiffe investieren. Wenn sich ein Asset wirtschaftlich lohnt, gibt es immer Interesse von Anlegern. Das werden die Banken nicht an sich vorüberziehen lassen. Es wird ein „Revival“ geben.

Dierkes: Anleger haben meistens nicht nur ein Schiff im Portfolio, sondern mehrere. Oftmals ist wenigstens ein Schiff dabei, das nicht so gut läuft, schlimmstenfalls insolvent ist. Diese Anleger werden nicht so leicht zu motivieren sein, nochmals in Schiffe zu investieren. Es ist aber nicht so, dass jeder Anleger in Deutschland, der die finanzielle Möglichkeit hat, in Schiffe zu investieren, auch tatsächlich ein Schiff im Portfolio hat. Von daher gibt es auf Anlegerseite weiterhin Potenzial.

finanzwelt: Bundeswirtschaftsminister Rösler (FDP) hat die Forderung zurückgewiesen, über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Überbrückungskredite oder komplette Schiffsfinanzierungen zu gewähren. Erhält die Schiffsbranche genug Rückendeckung aus der Politik?

Rathmann: Nein, da hätte von Seiten der Politik wesentlich mehr gemacht werden können. Schließlich sind viele Arbeitsplätze gefährdet, nicht nur auf See, sondern auch an Land. Latent sind in Deutschland 50.000 bis 60.000 Jobs betroffen. Dieses Risiko wird von der Politik nicht wahrgenommen. Dafür habe ich kein Verständnis.

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Das Gespräch führten Dieter E. Jansen und Kim Brodtmann_

Roundtable Schiffsfonds - Printausgabe 02/2013