„Bei der BU sollte nicht der Preis im Fokus stehen“

17.06.2026

Laura Sinner / Foto: © LV 1871

Der Markt für Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU) steht unter Druck: steigender Wettbewerb, sinkende Preise und gleichzeitig ein wachsender Absicherungsbedarf. Im Interview mit finanzwelt erklärt Laura Sinner, Biometrie-Expertin der LV 1871, warum bei der BU nicht der Preis, sondern Stabilität und Produktqualität entscheidend sind, wie sich die LV 1871 im Wettbewerb positioniert und welche Trends insbesondere bei jungen Zielgruppen sichtbar werden.

finanzwelt: Frau Sinner, welche Trends kennzeichnen aktuell den Markt für Berufsunfähigkeits-Versicherungen in Deutschland?

Laura Sinner: Der Markt ist aktuell stark vom Preisdruck geprägt. Bei einem existenziellen und langfristigen Thema wie der BU sollte jedoch nicht der Preis im Fokus stehen, sondern die Finanzstärke des Versicherers und die damit einhergehende Beitragsstabilität sowie die Qualität des Produkts.

finanzwelt: Wie ist die LV 1871 im Bereich BU aufgestellt? Wie unterscheiden Sie sich vor allem im Wettbewerb von anderen Gesellschaften?

Sinner: Für uns stehen bei der BU konsequent Stabilität und Qualität vor Preis. Entscheidend sind solide Kennzahlen wie hohe Solvenzquoten, eine stabile Bilanz sowie eine geringe Stornoquote. Ergänzt wird das durch eine saubere Risikoprüfung, was das Kollektiv langfristig stabil hält. Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit richten wir uns stärker an nachhaltigen Mitgliederinteressen aus als an kurzfristigen Marktimpulsen. Gleichzeitig setzen wir konsequent auf Kundennutzen: Unsere Produkte bieten hohe Flexibilität und eröffnen Geschäftspartnern zahlreiche Ansatzpunkte für Beratung, Upgrades und Cross-Selling. Dafür haben wir spezifische Lösungen für unterschiedliche Zielgruppen entwickelt. Mit der Schüler-BU ab 6 Jahren haben wir seit einiger Zeit ein völlig neues Segment im Maklermarkt erschlossen. Für die junge Zielgruppe wie Schüler, Azubis, Studenten, für MINT- und für Kammerberufe bieten wir maßgeschneiderte Konzepte mit klaren Differenzierungsmerkmalen.

finanzwelt: Im Frühjahr haben Sie ein Update Ihrer Golden BU gezielt für Menschen in Kammerberufen sowie junge Leute durchgeführt. Was genau wurde optimiert?

Sinner: Wir adressieren gezielt die Absicherungslücke bei Kammerberufen, deren Versorgungswerke häufig erst bei voller Berufsunfähigkeit leisten. Zentrale Neuerung ist mehr Flexibilität, insbesondere Leistungen aus Versorgungswerken werden bei Nachversicherungs- und Karrieregarantien nicht mehr angerechnet, wodurch höhere Absicherungen in einem Vertrag möglich sind. Neue zielgruppengerechte Nachversicherungsanlässe erleichtern Anpassungen. Gleichzeitig wurde die Leistungsprüfung vereinfacht, etwa durch Verzicht auf Umorganisation und die Anerkennung der Berufsunfähigkeit durch Versorgungswerke ab 50 Jahren. Auch für Schüler, Azubis und Studierende haben wir nachgeschärft. Die Zukunftsgarantie umfasst jetzt 45 Möglichkeiten zur Vertragsgestaltung. Neue Ereignisse sind dabei die Vollendung des 15. Lebensjahres oder die Übernahme der Versicherungsnehmereigenschaft vor Vollendung des 25. Lebensjahres. Neu hinzu kommt die Möglichkeit des Inflationsschutzes für den Leistungsfall sowie die klare Definition der dual Studierenden. Zudem haben wir allgemein nun eine noch familienfreundliche Ausgestaltung der Teilzeitklausel durch Ergänzung einer Günstigerprüfung für den Kunden. Für alle gibt es eine zusätzliche Nachversicherungsoption ab dem dritten Versicherungsjahr – für junge Leute, die bei Vertragsbeginn nicht älter als 30 Jahre alt waren, entfällt sogar die Wartezeit. Die Karrieregarantie greift jetzt bereits vor dem Erreichen der Obergrenze der Nachversicherungsgarantie. Darüber hinaus können etablierte Gründer ihre BU-Rente bei stabiler Gewinnsteigerung nach drei Jahren deutlich erhöhen.

finanzwelt: Wie hat sich das BU-Geschäft bei der LV 1871 im vergangenen Jahr entwickelt?

Sinner: Der Anteil der BU am Neugeschäft lag bei knapp 30 %. Die Nachfrage steigt weiter, insbesondere weil viele Kunden das Thema frühzeitig angehen und bereits in jungen Jahren ihren Gesundheitszustand sichern.

finanzwelt: Die finanzielle Absicherung von Frauen ist Ihnen persönlich sehr wichtig. Was sind die größten Unterschiede bei der BU-Absicherung von Frauen und Männern? Und was ist Ihre Produkt-Antwort darauf?

Sinner: Laut Financial Freedom Report 2025 sorgen sich 43,5 % der befragten Frauen darum, im Laufe ihres Arbeitslebens länger beruflich auszufallen. Bei Männern liegt dieser Wert mit 30,7 % deutlich niedriger. Damit zeigen Frauen ein höheres Risikobewusstsein, sind aber deutlich seltener abgesichert. Diese Lücke macht den Beratungsbedarf besonders sichtbar. Unsere Antwort darauf: Wir ermöglichen Frauen wie Männern Anpassungen bei zentralen Lebensereignissen wie Heirat, Geburt, Wiedereinstieg nach Elternzeit oder Wechsel zwischen Teil- und Vollzeit. So bleibt der Schutz über den gesamten Lebensverlauf flexibel und individuell anpassbar.

finanzwelt: Welche Rolle spielt für Sie der Maklervertrieb? Welche Vorteile bieten Sie den Vermittlern?

Sinner: Gerade Makler haben den langfristigen Kundennutzen sowie die Begleitung ihrer Kunden im Fokus und nicht den schnellen Abschluss. Sie analysieren die Kundensituation individuell und können die Qualität eines Anbieters fundiert bewerten. Deshalb spielen sie in der BU-Beratung auch eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Wir bieten Maklern vor allem Verlässlichkeit: Stabilität im Leistungsfall reduziert Eskalationen und stärkt die Beratungssicherheit gegenüber Kunden. Gleichzeitig schaffen wir Planbarkeit über viele Jahre, was die Bestandsarbeit erleichtert und die Kundenbeziehung stabil hält. Hinzu kommt unser Gegenseitigkeitsprinzip, das eine langfristige, nahbare und partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe unterstützt.

finanzwelt: Wie ist Ihr Ausblick für den weiteren Jahresverlauf?

Sinner: Das Potenzial in der BU bleibt hoch, weil Berufsunfähigkeit eine der größten Gefahren für die finanzielle Unabhängigkeit ist. (mho)