Deutschland braucht 2026 einen Vorsorgegipfel
23.02.2026

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2026 wird ein Prüfstein für unseren Sozialstaat. Die Babyboomer gehen Schritt für Schritt in Rente, der Fachkräftemangel verschärft sich, die Beitragssätze in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung steigen in kurzen Abständen und in der gesetzlichen Rentenversicherung sind Steigerungen absehbar.
Und trotzdem erweckt die Politik häufig den Eindruck: „Wir bekommen das mit ein paar Stellschrauben schon hin.“ Ich halte das für eine gefährliche Illusion. Deutschland braucht 2026 keinen weiteren Regierungsstreit und keine neue Kommission. Wir brauchen einen Vorsorgegipfel, der sich ehrlich macht und am Ende konkrete und vor allem schnelle Entscheidungen bringt.
Schönwetter-Rhetorik statt Realität
In der öffentlichen Debatte reden wir uns die Lage gern schön. Kleinere Anpassungen werden als große Reform verkauft. Beitragserhöhungen in der GKV oder Pflegeversicherung werden als „alternativlos“ präsentiert, ohne dass offen gesagt wird, was das für die Jüngeren oder für die deutsche Wirtschaft bedeutet. Zugleich wächst die Zahl versicherungsfremder Leistungen in der gesetzlichen Rente weiter – also politisch gewollte Ausgaben, die eigentlich aus Steuern finanziert werden müssten. Die demografische Schieflage kennen wir seit Jahrzehnten. Wir haben also kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Mut- und Ehrlichkeitsproblem.
Was Ehrlichkeit bedeutet
Ehrlichkeit heißt für mich erstens, offen über das Rentenniveau zu reden. Wir müssen klar sagen, was die gesetzliche Rente realistisch in den nächsten Jahrzehnten leisten kann und wo betriebliche und private Vorsorge unverzichtbar sind. Wer suggeriert, der Staat könne dauerhaft alle Lücken schließen, nimmt die Menschen nicht ernst. Ehrlichkeit heißt zweitens, versicherungsfremde Leistungen in der Rente, aber auch in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung ehrlich zu beziffern und Schritt für Schritt abzubauen. Wenn der Sozialstaat immer mehr politisch motivierte Aufgaben übernimmt, ohne die Finanzierung transparent zu machen, werden die Beitragszahler schleichend überfordert. Ehrlichkeit heißt drittens: Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger klar anzusprechen und einzufordern. In Form von betrieblicher Altersversorgung, ergänzender privater Vorsorge und zusätzlichem Schutz bei Krankheit und Pflege. Das ist nicht der Rückzug des Staates, sondern die Voraussetzung dafür, dass er das wirklich Notwendige dauerhaft leisten kann. So zu tun, als ließe sich alles halten wie bisher, ist nicht sozial und es ist unehrlich. Und ja: Diese Ehrlichkeit kann Wählerstimmen kosten. Aber wer in der Sozialpolitik nur bis zur nächsten Wahl denkt, handelt auf Kosten der nächsten Generationen.
Was ein echter Vorsorgegipfel 2026 leisten muss
Ein Vorsorgegipfel, der diesen Namen verdient, darf nicht in Silos denken. Rente, Krankenversicherung, Pflege, betriebliche und private Vorsorge gehören zusammen. Die zentrale Frage lautet: Was übernimmt der Staat, was leisten Arbeitgeber und was liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen? Ich sehe drei Handlungsfelder:
- Altersvorsorge – alle Säulen zusammen denken In der gesetzlichen Rente müssen wir klarstellen, welche Zusagen dauerhaft finanzierbar sind und wie wir versicherungsfremde Leistungen begrenzen. Die betriebliche Altersversorgung muss weniger bürokratisch und planbarer werden, damit mehr Arbeitgeber und Arbeitnehmer sie nutzen. Und die private Vorsorge braucht verlässliche, langfristige Rahmenbedingungen, die nicht alle paar Jahre geändert werden.
- Gesetzliche Krankenversicherung – Gesundheitskosten als Teil der Vorsorge Wer über Vorsorge spricht, darf die GKV nicht ausklammern. Steigende Gesundheitskosten treffen die Menschen im Erwerbsleben genauso wie im Alter. Wir brauchen eine offene Diskussion, welche Leistungen die Solidargemeinschaft dauerhaft finanzieren kann. Und wo Prävention, betriebliche Gesundheitsangebote oder private Zusatzlösungen entlasten.
- Pflege – das unterschätzte Vorsorgerisiko Die soziale Pflegeversicherung ist ein elementarer Baustein unseres Systems. Jedoch war sie nie als Vollkaskoschutz gedacht. Wir sollten ehrlich sagen, welche Leistungen realistisch zu erwarten sind und wie betriebliche oder private Pflegevorsorge gezielt ergänzt werden können. Gerade hier ist die Lücke zwischen Erwartung und Realität gefährlich groß. Und besonders in der Pflege kann über den Aufbau von kapitalgedeckter privater Zusatzvorsorge noch sehr viel erreicht werden. Hier lässt uns die Demografie noch eine Chance, wenn wir sofort damit anfangen.
Zu einem solchen Vorsorgegipfel gehören klare Ziele und Kennzahlen: etwa Zielquoten für bAV-Abdeckung, volkswirtschaftlich tragbare Obergrenzen für Beitragssätze und realistische Spannbreiten für das Sicherungsniveau. Am Ende muss ein verbindlicher Maßnahmenplan stehen, mit Zeitachsen und Verantwortlichkeiten. Und die Ergebnisse müssen so kommuniziert werden, dass Bürgerinnen und Bürger ihre persönliche Vorsorge darauf aufbauen können.
Die Rolle der Versicherungsbranche
Wir aus und in der Versicherungsbranche sind dabei nicht Zuschauer, sondern Mitverantwortliche. Demografie- und Langlebigkeitsrisiken können wir nicht wegdiskutieren, aber helfen, sie tragfähig abzusichern. Wir bringen langfristige Kapitalanlagekompetenz ein, Erfahrung in der betrieblichen und privaten Vorsorge, in Gesundheits- und Pflegelösungen. Gleichzeitig müssen aber auch wir ehrlicher werden: Produkte verständlicher machen, Kosten fair kalkulieren und Risiken transparent erklären. Denn ein ehrlicher Vorsorgegipfel braucht auch ehrliche Partner aus unserer Branche.
Klartext zum Schluss
Deutschland kann sich kein weiteres Jahr der Vorsorge-Illusionen leisten. 2026 darf nicht das nächste Jahr der Beruhigungsformeln werden, sondern muss Startpunkt für eine ehrliche, belastbare Gesamtstrategie sein. Es ist besser, heute Stimmen zu riskieren, als in zehn Jahren erklären zu müssen, warum wir eine ganze Generation in falscher Sicherheit gewiegt haben.
Ein Beitrag von Dr. Guido Bader, Vorstandsvorsitzender Stuttgarter Lebensversicherung a.G. & stellv. Vorstandsvorsitzender Süddeutsche Krankenversicherung a.G.

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