„Die Deutsche Krankheit ist, dass wir alles penibel kontrollieren müssen“
26.02.2026

Buchautor Dr. Kai Lucks
Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten ganze Schlüsselbranchen verloren, vom Flugzeugbau über die Kommunikationsindustrie bis hin zur Foto- und Kernkrafttechnologie. In seinem neuen Buch „Der Gau: Wie Deutschland seine führenden Industrien vernichtet“ enthüllt Dr. Kai Lucks die Hintergründe. Der Insider hat über 50 Jahre Erfahrung in der Großindustrie und arbeitete 35 Jahre als Siemens-Manager. Im Interview spricht Dr. Kai Lucks über zentrale Inhalte seines Buches, das Muster hinter den Untergängen von Schlüsselindustrien und welche Weichen jetzt gestellt werden müssen, damit Deutschland seine Stellung behaupten kann.
finanzwelt: Herr Dr. Lucks, Sie sprechen in Ihrem Buch von einem regelrechten „Gau“ für die deutsche Industrie. Was war für Sie der Auslöser, dieses Buch zu schreiben?
Kai Lucks: In meinem über 50-jährigen Berufsleben habe ich viele Unternehmens-Untergänge selbst erlebt. Das waren bittere Erfahrungen. Das hat mich wütend gemacht, besonders wenn ich persönlich mit arroganten Managern zu tun hatte, die über jahrzehntelanges Fehlverhalten ein Unternehmen in Grund und Boden fahren konnten, ohne dass jemand eingegriffen hat.
finanzwelt: Sie haben über 35 Jahre bei Siemens gearbeitet und die industrielle Entwicklung Deutschlands hautnah miterlebt. In welchen Momenten haben Sie erstmals systemische Fehlentwicklungen erkannt ?
Lucks: Die habe ich aus nächster Nähe bei Siemens erlebt und auch mitgelitten. So der Untergang der General-Purpose-Computer-Industrie und der Kommunikations-Industrie. Das waren keine Zufälle und machte mich darauf aufmerksam, mir dies in den volkswirtschaftlich besonders wertvollen wissensbasierten Industrien genauer anzusehen
finanzwelt: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Deutschland ganze Schlüsselbranchen verloren hat, vom Flugzeugbau über die Kommunikationstechnik bis hin zur Kernkraft. Gibt es ein Muster hinter diesen Untergängen?
Lucks: In den USA wurde einmal eine branchenübergreifende Untersuchung angestellt, die sich aber nur auf Managementfehler erstreckte. Ich wollte es als Technik-Historiker genauer wissen und habe mir deshalb alle Beteiligten näher angesehen, in den Unternehmen, im Unternehmensumfeld und in der Politik. Ergebnis: Schuldige fanden sich überall. Auch übergeordnete Gründe, etwa aus den Weltkriegen, fanden sich. Wenn es ein Muster gab, dann dieses: Es mussten mehrere belastende Faktoren zusammenkommen, um einen Konzern zu zerstören. Denn Unternehmen sind bei vernünftiger Handhabung, Weitsicht und in Friedenszeiten ziemlich resilient.
finanzwelt: Sie kritisieren unter anderem Überregulierung, Verwaltungsaufwand und kurzfristige politische Entscheidungen. Was müsste geschehen, um wieder mehr unternehmerische Dynamik zuzulassen?
Lucks: In Ihrer klugen Frage liegt schon die Antwort. Die Deutsche Krankheit ist, dass wir alles ganz genau wissen und penibel kontrollieren müssen. Das belastet Unternehmen und hält sie von ihrer eigentlichen Arbeit ab. Hinzu kommt, dass wir zu schnell hinschmeißen, wenn sich größere Probleme zeigen. Uns fehlt dann der Mut, das Durchhaltevermögen, die Kraft, das Steuer herumzureißen. Wir sehen nahe Probleme übergroß, aber ferner liegende große Chancen nehmen wir nicht wahr. Die Beispiele in meinem Buch zeigen auch Übergriffe der Politik, in der Meinung, Minister wüssten es besser als die betreffenden Unternehmer. So werden in der Politik nach Stimmungslage Beschlüsse zum Ausstieg gefällt und auch Branchen getötet, in denen wir weltweit führend sind. Ohne sachliche Gründe. Ohne Kenntnisse und Visionen, dass sich am Horizont ganz neue Lösungen bieten und damit langfristige Perspektiven für hochwertige Arbeitsplätze, die große Breitewirkungen haben.
finanzwelt: Deutschland galt lange als Land der Ingenieure und Innovationen. Welche industriellen Werte oder Denkweisen sind uns in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen und wie ließen sie sich Ihrer Meinung nach wiederbeleben?
Lucks: Uns ist die Technik-Affinität verloren gegangen. In Deutschland regieren die Verwalter der Vergangenheit, oft auch in unseren Konzernen. Wo finden Sie noch Techniker, Forscher und Erfinder in den Vorstandsetagen der DAX - Unternehmen? Seit 1973 wurde kein Technologie-Konzern mehr gegründet, zuletzt die SAP. Stattdessen haben wir Angst vor Technologien. Wenn etwas Neues am Horizont erscheint, suchen wir zuerst die Probleme: Technikfolgeabschätzung nennt sich das. Und wenn wir Probleme finden, dann hören wir lieber mit dem Neuen auf. Warum drehen wir das nicht grundsätzlich um: erst die Chancen sehen und loslegen. Mit der Erfahrung, dass neue Technologien eine solche Vielfalt an Lösungen bieten, dass auch Probleme gelöst werden können.
finanzwelt: Zum Abschluss: Trotz aller Kritik, sehen Sie noch Hoffnung für die deutsche Industrie? Welche Weichen müssten jetzt gestellt werden, damit Deutschland seine Stellung behaupten kann?
Lucks: Deutschland befindet sich nicht erst seit 2018 in einer Abwärtsspirale. Die strukturelle Schrumpfung begann schon in den 1970er Jahren. Wir erleben keinen kurzfristigen Einbruch, sondern einen 50-jährigen Trend der schleichenden Deindustrialisierung. Die Innovationsmaschine stottert seit 30 Jahren. Wir haben die technologischen Plattformen des 21. Jahrhunderts verpasst. Für die Umkehrung dieser Entwicklung reichen keine Predigten. Es reicht auch keine Legislaturperiode. Wir müssen Fähigkeit zum totalen Wandel entwickeln, um mehr Geld zu machen. Ohne Cash können wir unseren Sozialstaat nicht ernähren. Für diesen Kulturwandel reicht eine Legislaturperiode nicht aus. Wir brauchen eine Aufbruchsstimmung, die alle Mitmenschen erreicht alle begeistert. (mho)

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