„Ego first! Führen in Zeiten von Narzissmus, Machtspielen und Manipulation“

20.05.2026

Narzissmus-Experte und Buchautor Dr. Pablo Hagemeyer. Foto: © Dr. Pablo Hagemeyer

Exklusiv

Wie kann man Ego-Dynamiken in Firmen auch konstruktiv nutzen?

Hagemeyer: Narzisstische Energie kann in Krisenzeiten durchaus stabilisieren durch ehrliche, klare Ansagen, Entschlossenheit, Charisma. Das muss aber authentisch sein. Nicht pseudomäßig, nicht aufgesetzt. Es muss um was gehen, was die Mitarbeiter auch anschlussfähig macht. Was sie identifiziert. Worin sie sich selbst wiederfinden. Die Frage ist, wie Organisationen Rahmenbedingungen schaffen, die diese Energie nutzen, ohne in die Schattenseite einer top-down-Struktur zu geraten. Das gelingt durch starke Governance mit Compliance-Strukturen, interne Kontrollgremien, durch gesunde Teamkulturen mit geteilter Verantwortung, gelebten Werten und psychologischer Sicherheit.

Dabei geht Sicherheit immer vor Wohlbefinden und vor Sozialinterkation. Ich meine damit auch die Sicherheit vor einem zu großen Ego in der Abteilung. Sicherheit vor einem übersteuerten Ego. Räume für offene Reflexion, in denen narzisstische Dynamiken benannt werden dürfen, sind kulturelle Schutzmaßnahmen. Nicht Verdrängung, sondern bewusste Auseinandersetzung führt weiter. Das Narzisstische in uns allen ins Erleben bringen, statt es zu verteufeln. Es nutzen, wo es hilft, es begrenzen, wo es stört und ja, auch da, wo es zerstört.

Was ist abschließend Ihr wichtigster Rat für den Umgang mit Managern mit starken Egos?

Hagemeyer: Kennen Sie sich tatsächlich selbst? Wissen Sie wirklich, was sie fühlen und denken, wenn sie etwas „doof“ oder „scheiße“ finden, sich „unwohl“ fühlen und es abwehren? Also das undifferenzierte Gefühl lieber unterdrücken, statt es ins Erleben zu bringen? Mein Hinweis an die zu großen Egos ist: Introspektion macht langfristig erfolgreicher und klüger. Wer die eigenen narzisstischen Anteile so genau wie nur möglich reflektiert – und wir alle haben sie –, wird weniger anfällig für die Verlockungen und Manipulationen, die starke Egos auf uns ausüben oder die wir uns selbst einbilden. Wird weniger verbittern, sich weniger ärgern, wird das Leben nicht nur als Kampf verstehen.

Missverstehen wir nicht unseren Narzissmus als pauschal schlecht, nein, denn er ist hilfreich und hinderlich zugleich. Daher schauen Sie immer auf alle Seiten einer Persönlichkeit. Besonders auf die gegensätzlichen. Auch die eigenen. Wer nur die Sonnenseite sieht, verbrennt sich an der Hybris, hinterlässt verbrannte Erde, ertrinkt an der eigenen Naivität, oder bleibt allein oder zumindest einsam und voller Sehnsucht nach einem Lebensmenschen und voller panischer Angst, ihn zu verlieren. Wer nur die Schattenseite sieht, rabattiert vor lauter Selbstzweifel die eigenen Kompetenzen. Die Kunst liegt im bewussten Blick auf alle Seiten, und in der Fähigkeit, klar und empathisch dranzubleiben. Dann können wir auch irgendwann unseren Narzissmus aufgeben und bessere Menschen werden. (mho)