Komplexität navigieren, Chancen nutzen

24.06.2026

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Während geopolitische Entwicklungen weltweit für Unsicherheit sorgen, gibt es Dynamiken, die Europa aus unserer Sicht weiterhin zu einem attraktiven Markt für aktive Investoren machen.

Nach mehr als einem Jahrzehnt nahezu ungebrochener Kapitalzuflüsse in die US-Märkte beginnt sich das Bild zu verändern. Inzwischen sorgt die politische Unsicherheit in den USA zunehmend für Unbehagen bei Investoren. Viele hinterfragen die hohe Konzentration in ihren Portfolios. Das bedeutet nicht, dass Europa automatisch der einzige Profiteur möglicher Umschichtungen wird. Dennoch zeigte sich bereits in den ersten beiden Monaten dieses Jahres, welches Potenzial eine solche Kapitalrotation für europäische Märkte entfalten kann.

Am Anfang jeder Abwägung steht die Frage nach der Bewertung. Europäische Aktien handeln im Vergleich zu vielen anderen Märkten näher an ihren langfristigen Durchschnittsbewertungen und weiterhin mit einem deutlichen Abschlag gegenüber den USA. Gleichzeitig ist die Marktkonzentration geringer: Die zehn größten Unternehmen machen in Europa rund 15 % des Index aus, in den USA dagegen etwa 43 %. Hinzu kommt, dass europäische Unternehmen heute deutlich internationaler aufgestellt sind. Weniger als die Hälfte ihrer Umsätze wird innerhalb Europas erzielt. Das reduziert die Abhängigkeit von einzelnen wirtschaftlichen Entwicklungen.

Das geopolitische Umfeld sorgt allerdings nicht nur für zusätzliche Komplexität, sondern schafft auch neue strukturelle Chancen. Der Kurswechsel der USA in den Bereichen Handel, Verteidigung und internationale Zusammenarbeit zwingt Europa dazu, seine strategische Position neu zu definieren. Sichtbar wird das in höheren Verteidigungsausgaben, einem stärkeren Fokus auf Energiesicherheit und resilientere Lieferketten sowie einer aktiveren Fiskalpolitik – besonders in Deutschland und auf EU-Ebene.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um kurzfristige Reaktionen auf aktuelle Krisen. Vielmehr sehen wir den Beginn eines strukturellen Investitionszyklus, der sich über Jahre erstrecken dürfte. Gleichzeitig sorgen Zölle, Spannungen im Nahen Osten und die Konkurrenz zwischen den USA und China für höhere Marktvolatilität. Für Investoren mit einem langfristigen Fokus auf Unternehmensqualität können solche Marktverwerfungen attraktive Einstiegsmöglichkeiten schaffen.

Der Investment Case für Europa bleibt differenziert. Auf der positiven Seite stehen attraktive Bewertungen, steigende Investitionen in Verteidigung, Elektrifizierung und digitale Infrastruktur sowie ein Bankensektor, der profitabler und besser kapitalisiert ist als zu irgendeinem Zeitpunkt seit der Finanzkrise. Gleichzeitig bleiben Herausforderungen bestehen. Die strukturellen Wachstumssorgen in Deutschland, Großbritannien und Frankreich sind nicht verschwunden. Regulatorische Belastungen beeinträchtigen in einigen Branchen die Wettbewerbsfähigkeit. Zudem liegen Energiekosten weiterhin über dem US-Niveau.

Auch die internationale Umsatzbasis europäischer Unternehmen birgt Risiken. Eine Abschwächung in China oder den USA würde sich direkt auf viele europäische Unternehmen auswirken. Allerdings sind viele dieser Herausforderungen bekannt und dürften bereits weitgehend in den Bewertungen berücksichtigt sein. Gleichzeitig scheint die Europäische Kommission zunehmend bereit zu sein, die heimische Industrie aktiver zu schützen. Die Stahlindustrie liefert hierfür ein Beispiel.

Die Unterschiede zwischen Sektoren nehmen spürbar zu. Besonders Finanzwerte – vor allem Banken – bleiben aus unserer Sicht attraktiv. Höhere Zinsen, stärkere Kapitalausstattung, Konsolidierung innerhalb der Branche und die Rückkehr signifikanter Kapitalausschüttungen haben das Ertragsprofil europäischer Banken grundlegend verändert. Trotzdem erscheinen die Bewertungen weiterhin moderat.

Ein weiteres zentrales Investmentthema bleibt die Elektrifizierung und Energieinfrastruktur. Dekarbonisierung, steigender Strombedarf und die wachsende Nachfrage durch KI-Rechenzentren treiben diesen Trend langfristig an. Dadurch entstehen über Jahre hinweg hohe Investitionen in Stromnetze, Energieerzeugung und Speicherlösungen. Europa verfügt zudem über wichtige Positionen innerhalb der Halbleiter-Wertschöpfungskette. Auch Industrieunternehmen mit Bezug zu Infrastruktur, Verteidigung und Lieferketteninvestitionen erscheinen gut positioniert.

In anderen Bereichen bleibt das Bild gemischter. Konsumnahe Sektoren leiden unter schwacher Stimmung und strukturellem Druck. Telekommunikation und Teile der Chemiebranche kämpfen mit regulatorischen Einschränkungen oder begrenzter Preissetzungsmacht. Gleichzeitig hat die KI-bezogene Marktstimmung bei einigen Unternehmen zu deutlichen Neubewertungen geführt – teilweise ohne entsprechende Verschlechterung der Ertragsentwicklung. Für langfristig orientierte Investoren entstehen dadurch selektive Chancen.

Die geopolitische Unsicherheit – insbesondere die Schließung der Straße von Hormus – belastet den Ausblick vieler Branchen. Entweder entspannen sich die Störungen und der Welthandel normalisiert sich wieder. Oder die Unsicherheit hält länger an und verstärkt Inflationsdruck sowie Wachstumsrisiken.

Unabhängig davon sehen wir weiterhin überzeugende strukturelle Investmentthemen in Europa. Marktverwerfungen könnten aktiven Managern zusätzliche Chancen eröffnen – vorausgesetzt, die Portfolios sind gezielt und diszipliniert positioniert. Zusammen mit möglichen Kapitalumschichtungen spricht vieles dafür, dass europäische Aktien auch künftig ein Marktumfeld bieten, in dem ein geduldiger und researchbasierter Investmentansatz nachhaltigen Mehrwert schaffen kann.

Ein Beitrag von Niall Gallagher, Manager des Jupiter European Select, Jupiter Asset Management