Warum viele Anleger mit ETFs Geld verlieren
24.03.2026

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ETFs gelten heute als Wundermittel für den Vermögensaufbau. Sie haben den privaten Vermögensaufbau in den vergangenen Jahren stark verändert. Ohne hohe Gebühren holt man sich eine Vielzahl unterschiedlicher Aktien oder anderer Finanzprodukte ins eigene Depot. Die Medien und Verbraucherschützer vermitteln seit Jahren ein eindeutiges Bild. Durch den Erwerb börsengehandelter Indexfonds lässt sich das Risiko global streuen und gleichzeitig auf die hohen Kosten traditioneller Fondsmanager verzichten.
Ein langfristiger und renditeorientierter Vermögensaufbau scheint auf diese Weise nahezu unkompliziert realisierbar. ETFs sind der beste Weg, um sein Erspartes langfristig zu vermehren. ETF sind für viele Menschen zum Synonym für Geldanlage geworden. In der Praxis zeigt sich jedoch ein erstaunliches Bild. Viele Anleger nutzen ETFs zwar, erzielen damit aber trotzdem nicht die Ergebnisse, die eigentlich möglich wären. Das liegt meist nicht am Produkt selbst, sondern an typischen Verhaltensfehlern.
Die Ursprünge des passiven Investierens
Die Idee hinter dem passiven Investieren ist nicht neu. In den 1950er und 1960er Jahren vollzog sich in der akademischen Finanzwissenschaft eine bahnbrechende Entwicklung. Harry Markowitz legte mit seiner modernen Portfoliotheorie den Grundstein, indem er mathematisch fundiert nachwies, dass eine maximal breite Streuung das Anlagerisiko signifikant minimiert. Darauf aufbauend prägte der Ökonom Eugene Fama die Markteffizienzhypothese. Diese Theorie besagt, dass gerade die großen und liquiden Finanzmärkte überaus effizient arbeiten. Sämtliche verfügbaren Informationen werden derart rasant in die Kurse eingepreist, dass es auf Dauer nahezu unmöglich ist, den breiten Markt durch die gezielte Auswahl von Einzelaktien systematisch zu schlagen. Die Idee des passiven Investments war geboren und das traditionelle aktive Management, das durch tiefgehende Analysen stets lukrative Einzelwerte identifizieren wollte, geriet dadurch wissenschaftlich unter Druck.
Bogles Heuhaufen und der schwierige Start einer Idee
Auf exakt diesem theoretischen Fundament entwickelte John Bogle im Jahr 1976 einen für die damalige Zeit revolutionären Ansatz. Er transferierte die akademischen Erkenntnisse in die Anlagepraxis und folgerte, dass die fundamentale Aktienauswahl in effizienten Märkten meist ins Leere läuft. „Suchen Sie nicht die Nadel im Heuhaufen. Kaufen Sie einfach den ganzen Heuhaufen!“, so lautete sein damals revolutionärer Ansatz.
Durch die vollständige Abbildung eines Marktindex entstand der erste klassische Indexfonds. Dabei wird bewusst in Kauf genommen, dass man mit passivem Investieren den Markt per Definition niemals schlagen kann. In den ersten Jahren fand dieser passive Ansatz jedoch kaum Beachtung und erntete in der etablierten Finanzbranche sogar reichlich Spott. Das Konzept wurde als unamerikanisch abgetan, da man sich scheinbar kampflos mit dem bloßen Marktdurchschnitt zufriedengab und auf die traditionelle Jagd nach Spitzenrenditen verzichtete.
Die strukturelle Veränderung durch börsengehandelte Fonds
Die ursprüngliche Philosophie Bogles basierte auf einem langfristigen Anlagehorizont. Ein klassischer Indexfonds wird in der Regel einmal täglich über die emittierende Investmentgesellschaft gehandelt, was eine disziplinierte Haltedauer fördert. Als im Jahr 1993 der erste Exchange Traded Fund (börsengehandelter Fonds) in den USA auf den Markt kam, veränderte sich jedoch ein wesentliches Merkmal der passiven Anlage.
Obwohl das grundlegende Prinzip der Marktabbildung erhalten blieb, ermöglichte die neu geschaffene Börsennotierung nun einen fortlaufenden Handel in Echtzeit. Genau diese jederzeitige Liquidität betrachtete der Begründer der Indexfonds in seinen späten Jahren kritisch. Die ständige Handelbarkeit wandelt ein ursprünglich auf Langfristigkeit ausgelegtes Instrument potenziell in ein Vehikel für kurzfristige Spekulationen. Anleger werden durch die einfache technische Verfügbarkeit dazu verleitet, Marktbewegungen antizipieren zu wollen.
Verhaltensökonomische Fallstricke
In der täglichen Beratungspraxis lässt sich sehr deutlich beobachten, wie die moderne Finanztechnologie den Wertpapierhandel verändert hat. Sie hat den Prozess drastisch vereinfacht und das Depot quasi direkt in die Hosentasche der Anleger verlagert. Ein kurzer Handgriff auf dem Smartphone reicht heute aus, um weitreichende finanzielle Entscheidungen in Sekundenschnelle umzusetzen. Diese ständige und mühelose Verfügbarkeit von ETFs erweist sich jedoch oft als zweischneidiges Schwert. Anstatt eine rationale und strikt auf Langfristigkeit ausgelegte Strategie stoisch durchzuhalten, erliegen viele Investoren der psychologischen Versuchung des sofortigen Handelns. Die trügerische Illusion der permanenten Kontrolle verleitet allzu leicht dazu, auf kurzfristige Marktschwankungen oder reißerische mediale Schlagzeilen zu reagieren.
Bei der detaillierten Analyse dieser unüberlegten Entscheidungen zeigt sich immer wieder, dass nicht die ETFs selbst das Problem sind, sondern die Art, wie viele Anleger mit ihnen umgehen.
Fehler eins – Der Spieltrieb und das falsche Timing
Der größte Fehler ist der ständige Versuch, den perfekten Moment für den Ein- und Ausstieg an der Börse zu erwischen. Verunsichert durch negative Schlagzeilen verkaufen viele Anleger ihre Anteile in unruhigen Zeiten oftmals viel zu schnell. Sobald sich die Lage beruhigt und die Kurse wieder steigen, kaufen sie dieselben Papiere dann zu einem deutlich höheren Preis zurück. Diese prozyklische Vorgehensweise kostet enorm viel Geld. Die empirische Kapitalmarktforschung belegt eindeutig, dass der Versuch des Market Timings systematisch Wert vernichtet.
Fehler zwei – Die riskante Jagd nach dem neuesten Trend
Das Universum der börsengehandelten Fonds hat in den vergangenen Jahren eine rasante Expansion erlebt. Beschränkte sich das Angebot in der Anfangszeit noch auf die Abbildung klassischer und denkbar breiter Aktien- oder Rentenmärkte, steht Investoren heute ein schier unüberschaubares Spektrum an Produkten zur Verfügung. Die Finanzindustrie kreiert fortlaufend neue Anlagevehikel, die von hochspezifischen Themenfonds über komplexe Faktor-Strategien bis hin zu aktiv gemanagten ETFs reichen. Genau diese immense und oft unübersichtliche Auswahl verleitet in der Praxis zu einem folgenschweren Fehler. Anstatt das Portfolio auf einem globalen und breit diversifizierten Fundament aufzubauen, fokussieren sich viele Anleger auf der Jagd nach dem neuesten Trend auf spezifische Themenfonds oder technologische Nischen.
Besonders dann, wenn bestimmte Themen in den Medien stark präsent sind, steigt oft auch das Interesse der Anleger. Künstliche Intelligenz, Wasserstoff, Cybersecurity oder andere Zukunftsthemen wirken attraktiv, weil sie Wachstum versprechen und häufig mit starken Kursentwicklungen verbunden sind. Genau darin liegt jedoch die Gefahr.
Wenn ein Thema bereits stark im Fokus steht, sind viele Erwartungen oft längst in den Kursen enthalten. Wenn der anfängliche Hype dann abflacht, fallen die Kurse oft rasant und bescheren den Investoren schmerzhafte finanzielle Verluste.
Fehler drei – Die trügerische Illusion der Streuung
Wer zehn oder mehr verschiedene ETFs im Depot liegen hat, wiegt sich oft in einer falschen Sicherheit. Man glaubt, das Risiko sei bestmöglich auf der ganzen Welt verteilt. Ein genauerer Blick unter die Motorhaube dieser Fonds zeigt jedoch schnell ein anderes Bild. In sehr vielen Produkten stecken am Ende exakt dieselben Aktien. Gerade die riesigen amerikanischen Technologiekonzerne geben heute in fast allen weltweiten Indizes den Ton an. Wer also meint, besonders breit aufgestellt zu sein, investiert sein Geld in Wahrheit zu einem großen Teil in nur eine Handvoll Unternehmen. Wenn diese wenigen Schwergewichte an der Börse stolpern, zieht das unweigerlich das gesamte Depot mit nach unten. Eine echte und schützende Streuung des Risikos sieht in der Praxis völlig anders aus.
Fehler vier – Schwache Nerven bei starkem Gegenwind
Ein ETF ist kein magischer Schutzschild gegen Krisen an der Börse. Wenn die Wirtschaft stottert und die Kurse weltweit einbrechen, stürzt auch der breiteste Indexfonds unweigerlich mit ab. Genau in diesen stürmischen Zeiten bekommen viele Menschen kalte Füße. Aus purer Angst um ihr Erspartes werfen sie alle guten Vorsätze über Bord und verkaufen ihre Anteile panisch. Was bis dahin jedoch nur ein vorübergehender Verlust auf dem Papier war, wird durch diesen hastigen Verkauf zu einem echten und unwiderruflichen Verlust. Das eigentliche Problem ist in solchen Momenten also fast nie das Finanzprodukt selbst. Der Fonds arbeitet weiterhin fehlerfrei und bildet den Markt korrekt ab, lediglich die eigenen Nerven spielen nicht mehr mit.
Professionelle Strukturierung als Fundament des Erfolgs
Ein ETF ist ein neutrales Anlageinstrument, dessen Nutzen maßgeblich von der zugrunde liegenden Strategie und der Konsequenz bei der Umsetzung abhängt. Ohne Frage hat diese Entwicklung die private Geldanlange vereinfacht. Aber ein erfolgreicher Vermögensaufbau ist kein Zufallsprodukt, sondern immer noch das Ergebnis kluger Entscheidungen und einer strukturierten Vorgehensweise. Wer langfristig erfolgreich ein solides Vermögen aufbauen und über Generationen erhalten möchte, sollte sich stets auf die ursprüngliche Philosophie von John Bogle besinnen. Sie basierte auf Einfachheit, Geduld und einer nüchternen Sicht auf die Kapitalmärkte.

Marktkommentar von Markus Richert, CFP und Seniorberater Vermögensverwaltung bei der Portfolio Concept Vermögensmanagement GmbH in Köln.

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