Wenn das Lebenswerk im Tresor verschwindet
29.04.2026

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An Heiligabend 2021 kam bei Verona Pooth nicht das Christkind, sondern Besuch aus der Kategorie „ungebetene Gäste“. Während die Familie bei Verwandten feierte, stiegen Einbrecher in die Villa in Meerbusch ein, rissen einen Tresor aus der Wand und verschwanden mit der Beute. Abtransportiert wurde der Safe stilecht im Kleinwagen der Familie. Der Tresor tauchte später leer wieder auf – vom Schmuck fehlt bis heute jede Spur.
Im Safe lagen Diamanten, Luxusuhren und Schmuckstücke renommierter Marken. Verona Pooth bezeichnete die Sammlung als ihr „Lebenswerk“. Über 25 Jahre habe sie ihr Geld gezielt in Schmuck investiert. Ihr Credo: „Diamanten, Gold und Markenstücke von Rüschenbeck, Cartier und Rolex – Schmuck verliert nicht an Wert.“ Diese Einschätzung teilten offenbar auch die Einbrecher.
Versicherungstechnisch war der Schmuck ebenfalls kein Geheimnis. Die Sammlung war über einen Makler versichert – mit einer Versicherungssumme von rund 700.000 Euro. Zuständig war ein Versicherer, den wir Makler durchaus kennen und schätzen: ein traditionsreiches Haus aus dem nahen südwestlichen Ausland mit einem kleinen Kreuz auf der Flagge.
Nach dem Einbruch regulierte der Versicherer rund 650.000 Euro. Danach war aus Sicht der Versicherung alles erledigt – vertraglich korrekt, juristisch sauber. Der Rest blieb offen. Denn der tatsächliche Wert des Schmucks lag offenbar deutlich höher als die vereinbarte Versicherungssumme. Klassischer Fall von Unterversicherung.
Und damit begann das zweite Kapitel dieser Geschichte: der Rechtsstreit. Verona Pooth und ihr Mann verklagten den Versicherungsmakler auf rund 700.000 Euro Schadenersatz. Der Vorwurf: Die Versicherungssumme sei nicht ausreichend an den Wert der Sammlung angepasst worden. Die Gegenseite argumentiert nüchtern: Versichert werden kann nur, was gemeldet wurde.
Für unsere Branche ist der Fall weniger Promi-Drama als vielmehr ein Lehrstück. Unterversicherung entsteht selten aus böser Absicht. Sie entsteht aus Bequemlichkeit. Ein Vertrag wird abgeschlossen, Werte werden geschätzt – und dann lebt das Leben weiter. Schmuck kommt dazu, Uhren werden gekauft, vielleicht ein paar Diamanten mehr. Der Versicherungsvertrag hingegen bleibt unverändert. Irgendwann passt die Realität nicht mehr zur Versicherungssumme. Die Versicherung zahlt dann – einfach und klar – das, was im Vertrag steht. Der Rest ist Diskussion oder Gerichtstermin.
Der Fall zeigt ein strukturelles Problem, das weit über prominente Villen hinausreicht. In vielen Haushalten liegen Vermögenswerte, deren tatsächlicher Wert mit der ursprünglich vereinbarten Versicherungssumme längst nichts mehr zu tun hat. Gerade bei Schmuck, Kunst, Sammlerstücken oder hochwertigen Uhren wächst der Bestand oft über Jahre – still, schleichend und völlig undokumentiert.
Der Versicherungsvertrag hingegen bleibt stehen wie ein Möbelstück, das man irgendwann einmal gekauft hat. Man weiß ungefähr, dass er da ist – aber man schaut nicht mehr genau hin. Und genau dort beginnt das Risiko. Versicherung funktioniert nicht über Gefühle, Erinnerungen oder ungefähre Wertschätzungen. Versicherung funktioniert über Zahlen, über Listen und über Dokumentation. Das klingt unromantisch, ist aber die Realität unseres Geschäfts.
Der Einbruch bei Verona Pooth zeigt deshalb vor allem eines: Ein Tresor schützt vor Dieben – eine Liste schützt vor Diskussionen. Und Diskussionen werden teuer. Sehr teuer.
Denn nach dem Schaden zu erklären, was alles im Safe lag, ist ungefähr so überzeugend wie der berühmte Satz: „Da war ganz viel drin.“ Die Assekuranz reagiert darauf traditionell wenig emotional. Sie fragt nach Belegen. Und wenn es keine gibt, bleibt es schnell bei einer Zahl, die irgendwann einmal im Antrag stand.
Mein Rat aus der Praxis
Dokumentation ist keine lästige Pflicht, sondern die einfachste Vermögenssicherung der Welt. Einmal im Jahr durchs Haus gehen, Fotos machen, Werte notieren, Liste aktualisieren. Fertig. Das dauert zehn Minuten – kann aber mehrere hunderttausend Euro wert sein. Denn im Versicherungsfall gewinnt nicht der mit dem schönsten Tresor, sondern der mit der besten Liste. Oder, um es noch deutlicher zu sagen: Der stabilste Tresor der Welt nützt nichts, wenn der Inhalt nur im Kopf existiert. Papier schlägt Erinnerung. Liste schlägt Gefühl. Und Dokumentation schlägt jedes Drama. Manchmal sind Fotos und Listen eben sicherer als jeder Wandtresor.
Ein Beitrag von BANKROCKER® | Stephan Heider, MBA
… Versicherungsmakler, hat seine Klunker sauber fotografiert

Bankrocker Stephan Heider / Foto: © Alexey_Testov

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