„Der erhoffte Wachstumsschub blieb (bis dato) aus“

29.04.2026

Marcus Hüttinger, Kapitalmarktstratege der GANÉ / Foto: © GANÉ

Ein mehr als turbulenter Start ins Frühjahr. Zeit für eine Verortung der Lage an den Märkten. Marcus Hüttinger, Kapitalmarktstratege der GANÉ, stand finanzwelt für ein Gespräch zur Verfügung.

finanzwelt: Es ist Mitte März und der Iran-Krieg ist das übergeordnete Thema. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Lage ein, Herr Hüttinger?

Marcus Hüttinger: Jede kriegerische Auseinandersetzung ist in erster Linie eine humanitäre Katastrophe; man kann nur hoffen, dass der Konflikt schnell beigelegt wird. Als fundamentale Investoren können wir Anlageentscheidungen natürlich nicht auf rein geopolitischen Spekulationen aufbauen. Aktuell kann niemand verlässlich prognostizieren, wann die Feindseligkeiten enden werden. Wir können jedoch die Risiken evaluieren: Je länger die Straße von Hormus geschlossen bleibt, desto größer ist das Risiko einer globalen Stagflation, da ein nachhaltig hoher Ölpreis das Wachstum hemmt und die Inflation befeuert. Wir haben uns deshalb die Geschäftsmodelle der einzelnen Unternehmen sehr genau angeschaut. Wir setzen weiterhin auf Asset-Light-Modelle, die weniger von Rohstoffpreisen abhängig sind und selbst in einem anhaltenden Konfliktszenario robuste Ergebnisse liefern können.

finanzwelt: Die USA sind bis dato die Wachstumslokomotive. Nun schwächelt der Arbeitsmarkt. Die Inflation bleibt hartnäckig. Was bedeutet das für das Wachstum im laufenden Jahr?

Hüttinger: Die US-Zentralbank (Fed) sieht sich aktuell einem klassischen Dilemma gegenüber. Der Arbeitsmarkt ist – gerade mit Blick auf die angekündigten Entlassungen – schwach genug, um weitere Zinssenkungen zu rechtfertigen. Die Inflation spricht jedoch eine andere Sprache. Nach einer vorübergehenden Normalisierung haben neu eingeführte Handelszölle wieder zu einem Preisanstieg geführt. Schon vor der Eskalation im Mittleren Osten lag die für die Fed maßgebliche PCE-Inflation bei ca. 3 % und damit deut lich über dem Zielwert von 2 %. Sollten die Ölpreise konfliktbedingt weiter steigen, wird dies Wachstumspunkte kosten. Dieser Effekt wird in Europa jedoch deutlich stärker zu spüren sein, da die USA mittlerweile der weltweit größ te Ölexporteur sind, während Europa weiterhin massiv auf Energieimporte angewiesen bleibt.

finanzwelt: In Kürze tritt der neue Fed-Chef sein Amt an. Was dürfen wir von ihm in Sachen Zinssenkungener warten?

Hüttinger: Kevin Warsh ist ein erfahrener Notenbanker und gilt als Verfechter einer restriktiven Bilanzpolitik. Seine Nominierung löste an den Märkten bereits Erleichterung aus, was sich in einer kurzfristigen Dollar-Stärke widerspie gelte. Warsh verfolgt einen hybriden Ansatz: Er sieht durch Produktivitätsgewinne – primär getrieben durch Künstliche Intelligenz – durchaus Spielraum für Zinssenkungen, lehnt jedoch eine Aufblähung der Fed-Bilanz konsequent ab, da diese zu massiven Fehlallokationen führe. Seine Prinzipientreue bewies er bereits 2011, als er aus Protest gegen das zweite Quantitative-Easing-Paket (QE2) vom Board of Governors zurücktrat. Man sollte nicht davon ausgehen, dass er als Chairman die Wünsche von Donald Trump willkürlich umsetzen wird. Dafür bietet auch die Struktur des Offenmarktausschusses (FOMC) zu wenig Spielraum. Selbst wenn Warsh die Position von Stephen Miran im Gouverneursrat übernimmt, hat er als Chairman nur eine von zwölf Stimmen. Da Zinsentscheidungen eine einfache Mehrheit erfordern, kann auch ein Kevin Warsh bei unveränderter FOMC-Struktur nicht im Alleingang agieren.

finanzwelt: Sind US-Aktien noch attraktiv?

Hüttinger: Man muss die geopolitischen und vor allem die fiskalpolitischen Risiken in den USA sehr ernst nehmen. Die Staatsverschuldung liegt bei über 38 Bio. US-Dollar; der Schuldendienst übersteigt bereits die US-Militärausgaben. Langfristig ist diese Situation ohne politische Einsicht zu Ausgabenkürzungen nicht tragbar. Dennoch wäre ein Abgesang auf US-Investitionen verfehlt. Wir finden dort nach wie vor die innovativsten und profitabelsten Unternehmen der Welt; zudem ist die Liquiditätstiefe der US-Märkte unerreicht. Europa und Asien stellen für große institutionelle Investoren kurzfristig keine echte Alternative dar. Wir halten daher eine ausgewogene Währungsallokation für sinn voll und bleiben in erstklassigen US-Unternehmen investiert. Nach den massiven Abverkäufen bietet aus unserer Sicht insbesondere der Software-Sektor aktuell attraktive Renditechancen. Einige Software-Unternehmen sehen das übrigens genauso – sie haben teilweise enorme Aktienrückkaufprogramme lanciert, um in sehr kurzer Zeit so viele Aktien wie möglich aus dem Markt nehmen zu können.

finanzwelt: In der jüngeren Vergangenheit wurde vermehrt positiv hinsichtlich der europäischen Wirtschaft gesprochen. Welche Gründe lassen sich gegenwärtig für Europa anführen? Wie sehen Sie die Wachstumsimpulse in Deutschland?

Hüttinger: Aufgrund der politischen Unsicherheiten in den USA sind Investoren wieder eher bereit, einen Blick auf Europa zu werfen. Angekündigte fiskalpolitische Impulse, ins besondere in den Bereichen Infrastruktur und Verteidigung in Deutschland, haben gewisse Erwartungen geweckt. Wir lassen uns jedoch nicht von Versprechungen blenden, sondern fokussieren uns auf die zukünftigen Cashflows der Unternehmen. Bisher ist in der Realwirtschaft von den an gekündigten Investitionen wenig angekommen; der erhoff te Wachstumsschub blieb aus. Europa verfügt zwar über einen der größten Binnenmärkte weltweit, verliert aber bei Schlüsseltechnologien wie KI oder Seltenen Erden zuneh mend den Anschluss an die USA und China. Die Abhängigkeit von diesen zwei Supermächten ist zu groß. Zudem ist Europa volkswirtschaftlich ein ‚Flickenteppich‘: Unter schiedliche nationale Regulierungen erschweren grenz überschreitende Geschäfte und verhindern eine effiziente Kapitalallokation. Um langfristiges Potenzial zu heben, be darf es mutiger und tiefgreifender Reformen.

finanzwelt: Was bedarf es hierzulande, um dem Wachs tum zusätzlichen Rückenwind zu verleihen?

Hüttinger: Deutschland steht in Schlüsselindustrien wie dem Automobilsektor vor so gewaltigen Herausforderungen, dass die Abkehr von der ‚schwarzen Null‘ in der Schuldenpolitik ein überfälliger Schritt war. Ein reinfiskalpolitischer Impuls verpufft jedoch als Strohfeuer, wenn er nicht durch nachhaltige Strukturreformen unterfüttert wird. Die Politik muss erkennen, dass Deutschland an einem Scheide weg steht: Entweder es gelingt, den Standort durch radikale Reformen wieder attraktiv zu machen, oder wir müssen einen langfristigen Wohlstandsverlust akzeptieren. (ah)