1,1 Millionen Euro fürs Erbe

09.09.2026

Markus Weis. Foto: State Street Global Advisor

Für den Vermögensaufbau existiert ein belastbarer Konsens: breit streuen, Kosten senken, investiert bleiben. Für den Vermögensverzehr existiert er nicht. In diese Lücke stößt die Studie „Entnahmestrategien im historischen Test“ von Retire Capital.

Sie vergleicht die drei grundlegenden Entnahmestrategien – die statische Entnahme mit Inflationsanpassung, die dynamische prozentuale Entnahme und die annuitätische Entnahme mit planmäßigem Kapitalverzehr – unter identischen Bedingungen: 300.000 Euro Startkapital, 35 Jahre Entnahmedauer, globale Aktien und deutsche Anleihen in Euro. Ausgewertet wurden 481 überlappende 35-Jahres-Fenster aus 75 Jahren Kapitalmarktgeschichte, dazu elf Aktienquoten und drei Entnahmemechanismen. Während sich Forschung und Praxis bei Entnahmestrategien bislang fast ausschließlich auf US-Daten stützten, rechnet diese Studie erstmals mit globalen Aktien und deutschen Anleihen, in Euro und liefert so nutzbare Ergebnisse für Anleger in Deutschland.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Eine Generation, die über Jahrzehnte in Fonds und ETFs gespart hat, erreicht heute in großer Zahl den Ruhestand. Gleichzeitig verändert sich der Rahmen: Zum 1. Januar 2027 startet mit dem Altersvorsorgedepot ein staatlich gefördertes Vehikel, für das der Gesetzgeber den Entnahmemechanismus erstmals verbindlich vorgibt.

„Die Debatte über Entnahmestrategien kreist seit Jahrzehnten um die Angst, das Geld könnte vor dem Leben enden“, sagt Markus Weis, CEO und Co-Gründer von Retire Capital sowie Autor der Studie. „In unseren Daten tritt der spiegelbildliche Fehler viel häufiger auf: Das Leben endet vor dem Geld – und niemand hat es bemerkt. Wer dauerhaft weniger entnimmt, als sein Vermögen trägt, bezahlt dafür mit Reisen, die nicht stattfanden, und mit Unterstützung, die nicht geleistet wurde.“

Wohin die Mehrrendite tatsächlich fließt

Bei der statischen Entnahme bleibt die Summe der Auszahlungen über die gesamte Bandbreite der Aktienquoten nahezu konstant – zwischen 595.000 und 611.000 Euro, ob das Depot ganz ohne Aktien oder vollständig in Aktien geführt wurde. Das Endvermögen dagegen bewegt sich zwischen 291.000 Euro und 1.787.000 Euro, dem Ein- bis Sechsfachen des Startkapitals. Jeder zusätzliche Renditepunkt fließt also ins Erbe, nicht in den Lebensstandard. Zugleich bleibt ein Restrisiko: Bei vier Prozent Entnahme lag die Pleitewahrscheinlichkeit in der günstigsten Mischung bei 7,2 Prozent, bei einem reinen Anleiheportfolio bei 45,2 Prozent. Ohne Flexibilität, so der Befund, lässt sich immer nur eine der beiden Fehlerseiten vermeiden – nie beide zugleich. Alle Beträge der Studie sind nominal ausgewiesen, also vor Abzug der Inflation: Real gerechnet fällt der Abstand zwischen Konsum und Erbe kleiner aus, er kehrt sich aber nicht um.

Flexibilität verlagert das Risiko, statt es zu beseitigen

Wer die Auszahlung an den Depotwert koppelt, entkommt der Pleite konstruktionsbedingt: In allen 231 getesteten Varianten der dynamischen prozentualen Entnahme lag die Pleitewahrscheinlichkeit bei null. Dafür schwankt das Einkommen – in den ungünstigsten Verläufen sank es auf rund 870 Euro im Monat. Am konsequentesten nutzt die Vermögensrente diese Flexibilität – die annuitätische Variante, die mit einer realen Renditeerwartung rechnet. Sie legt weder einen festen Betrag noch einen festen Prozentsatz fest, sondern verteilt das Restkapital jedes Jahr neu auf die verbleibende Laufzeit. Bei 60 Prozent Aktien zahlte sie im Schnitt 1.059.000 Euro aus – 74 Prozent mehr als die statische Regel bei identischer Datenbasis, weil sie das Kapital planmäßig vollständig aufbraucht.

Bemerkenswert ist ein zweiter, quer über alle Strategien gültiger Befund: Die höchste verlässliche Untergrenze der Auszahlung lag nie bei maximalem Aktienanteil, sondern durchgängig bei gemischten Depots mit 30 bis 60 Prozent Aktien. Reine Anleiheportfolios waren historisch die riskanteste Wahl der Entnahmephase.

„Wer bereit ist, die Entnahme mitatmen zu lassen, muss nicht mehr die eine richtige Zahl treffen“, so Weis. „Das Risiko verschwindet dadurch nicht, aber es wandert dorthin, wo man es sieht und steuern kann: in die Höhe der monatlichen Auszahlung.“

Das Altersvorsorgedepot zahlt spät und das ist Absicht

Für das neue Altersvorsorgedepot schreibt der Gesetzgeber dieselbe annuitätische Logik vor, setzt in der Berechnung aber eine erwartete reale Rendite von null Prozent an. Das Auszahlungsprofil kippt dadurch nach hinten: Die Entnahme startet bei nur 714 Euro im Monat, gegenüber 1.098 bis 1.163 Euro bei der Vermögensrente im ausgewogenen Bereich. In der Gesamtsumme über 35 Jahre liegt das Altersvorsorgedepot vorn – bei 100 Prozent Aktien 1.608.000 gegenüber 1.158.000 Euro –, weil geringere Entnahmen zu Beginn, das Vermögen dank Zinseszinseffekt länger anwachsen lassen. Förderung und Besteuerung, also genau die Merkmale, die das Vehikel gegenüber einem privaten Depot auszeichnen, modelliert die Studie ausdrücklich nicht.

„Der Gesetzgeber hat sich beim Altersvorsorgedepot bewusst für den vorsichtigen Weg entschieden“, sagt Weis. „Das ist keine Schwäche des Vehikels, sondern eine Entscheidung über das Timing. Wer früh reisen oder seinen Lebensstandard halten will, braucht auch früh Geld. Wer die späten Jahre absichern will, ist mit einem steigenden Auszahlungsprofil gut bedient. Zwei Strategien mit ähnlicher Gesamtsumme können sehr unterschiedliche Ruhestände finanzieren.“ (fw)