Aktien: Raus aus KI, rein in HALO
06.05.2026

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Frisst die KI-Revolution ihre Kinder? Die Furcht davor, dass die großen US-Tech-Konzerne zu viel in Künstliche Intelligenz (KI) investieren und gleichzeitig immer neue KIAnwendungen Unternehmen vieler Branchen Konkurrenz machen, greift an der Börse um sich.
Investoren suchen deshalb jetzt nach Aktien von Unternehmen, deren Geschäftsmodelle nicht durch Künstliche Intelligenz (KI) gefährdet oder gar ersetzt werden können. Und wie immer, bekommt das Kind auch gleich einen Namen an der Wall Street: „HALO“.
Das neue Schlagwort steht für „Heavy Assets, Low Obsolescence“. Gemeint sind damit Unternehmen mit schweren physischen Vermögenswerten („heavy assets“) und einer geringen Gefahr der Veralterung („low obsolescence“).
Gleichzeitig suggeriert das Akronym, dass diese Unternehmen durch einen „halo“ (engl. Heiligenschein) – einen Lichtkranz, wie er zeitweise als Wetterphänomen rund um die Sonne oder den Mond zu beobachten ist – vor den Bedrohungen durch KI geschützt sind.
HALO-Unternehmen finden sich vor allem in der klassischen Industrie, in der KI zwar Prozesse verbessern, aber den Unternehmenszweck nicht ersetzen kann: Kein großes Sprachmodell wird Schokolade, Seniorenwohnanlagen, Flugzeuge, Traktoren, Glasfaser, Glas, Asphalt und so weiter überflüssig machen.
Nicht nur der Iran-Krieg hat daher viele Ölwerte gepusht. Der S&P-Index für Basiskonsumgüter stieg um 14,6 Prozent – zu diesem Sektor gehören unter anderem Konzerne wie der Konsumgüterhersteller Colgate-Palmolive, der Schokoladenhersteller Hershey’s oder Einzelhandelskonzerne wie Walmart oder Costco. Zu den großen Gewinnern des Jahres zählt im S&P 500 außerdem der Sektor Industrie mit Konzernen wie dem Landmaschinenhersteller Deere oder dem Logistiker Fedex. Der Branchenindex IT mit den Schwergewichten Apple, Meta, Microsoft und Nvidia verlor dagegen seit Jahresanfang mehr als vier Prozent. Der Subindex Software und Services mit Konzernen wie Salesforce (CRM-Software) oder Adobe (Grafiksoftware) brach sogar um knapp 24 Prozent ein.
Der „HALO-Trade“ ist damit das Gegenstück zu dem, was die Wall Street Anfang Februar „AI Scare Trade“ getauft hat. Dieser ließ erst die Aktien von Software-Unternehmen, dann von Versicherungskonzernen, Brokern und Vermögensverwaltern und zuletzt von Essenslieferdiensten deutlich fallen. Auslöser dafür waren stets neu vorgestellte KITools und Agenten für die jeweilige Branche.
Zu beobachten war hier die größte Branchenrotation seit mehr als vier Jahren. Investoren senkten den Anteil von Tech-Aktien in ihren Portfolios deutlich und erhöhten dafür ihr Engagement in Energie, Grundstoffen, Basiskonsumgütern und Industrie.
Diese Bewegung hat bereits im vergangenen Jahr begonnen. Seither haben Aktien von nicht-digitalen Unternehmen den Gesamtmarkt kontinuierlich geschlagen. Zudem sind viele Grundstoffhersteller, Energie- und Industriekonzerne indirekte Profiteure des KIBooms, der enorme Nachfrage nach Strom, Metallen und Infrastruktur hervorruft. Man denke an den Gold-Rausch: Am Ende hatten die Schaufelhersteller mehr verdient, als die Vielzahl der Schürfer.
Unsere Einschätzung: Moden kommen und gehen. Börsianer lieben Branchenrotationen, denn Depot-Umschichtungen bringen Provisionen. Der Mehrwert für Privatanleger ist fragwürdig. Früher oder später sind die abgestraften Branchen wieder en vogue und erholen sich dafür umso schneller. Hier zahlt sich oft eine ruhige Hand aus, sofern das Geschäftsmodell weiter intakt ist.
Den „Halo-Effekt“ gibt es übrigens auch in der „Behavioral Finance“, der verhaltensorientierten Finanzmarktforschung. Hier beschreibt er eine Denkfalle: Dabei überstrahlt die positive Wahrnehmung eines einzelnen Aspekts – im Fall der „HALOAktien“ die Hoffnung, sie könnten vor Risiken durch Künstliche Intelligenz.

Marktkommentar von Dr. Marc-Oliver Lux von Dr. Lux & Präuner GmbH & Co. KG in München.

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