Emotionen bewegen Märkte
09.03.2026

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Angst, Gier und Herdenverhalten treiben die Börsen oft stärker als rationale Analyse. Der österreichische Vermögensverwalter KEPLER hat gemeinsam mit der Uni Linz einen Indikator entwickelt, der solche Emotionen messbar macht und systematisch für Anlageentscheidungen nutzt.
Die Angst vor Verlusten oder umgekehrt die Sorge, kurzfristige Trends zu verpassen, beeinflusst Kurse stärker als häufig angenommen wird. Selbst Fondsmanager, die Profis für die Vermögensverwaltung, werden in Anlageentscheidungen immer wieder mit dem Stimmungsbild am Markt konfrontiert – auch wenn sie über ein ausgeprägtes Bewusstsein für irrationales Handeln verfügen, ihre Portfolios breit diversifiziert sind, mit klaren Prozessen gearbeitet wird, um Emotionen so weit wie möglich auszublenden. Vollkommen immun gegen das bekannte „Bauchgefühl“ sind auch Fondsmanager nicht.
Im Aktienmanagement geht KEPLER deshalb einen Schritt weiter: Emotionen sollen im Anlageprozess nicht nur vermieden, sondern Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung zur Marktpsychologie nutzbar gemacht werden. Gemeinsam mit der Johannes-Kepler-Universität (JKU) Linz wurde hierfür ein eigener Indikator entwickelt: der KEPLER Behavioral Finance Indikator. Damit wird Stimmung messbar. Der Indikator übersetzt Beobachtungen am Markt in ein klar interpretierbares Stimmungsbild. Konkret werden kapitalmarktnahe Daten ausgewertet, etwa Handelsvolumen, Preis- und Optionsdaten oder Veränderungen von Analystenschätzungen. Daraus werden Signale für typische Verhaltensmuster abgeleitet, zum Beispiel Herdenverhalten, Panik oder Euphorie, und zu einem Gesamtindikator zusammengefasst.
Der Indikator umfasst zwölf Einzelsignale, die vier Kategorien zugeordnet sind: Marktaktivität, derivative und technische Signale sowie Analystenschätzungen. Die Signale sind so kalibriert, dass sie nur bei robusten, statistisch relevanten Veränderungen anspringen. Kleine Schwankungen genügen nicht. Alle Signale sind wissenschaftlich fundiert, empirisch getestet und werden künftig fortlaufend überprüft und weiterentwickelt.
Fundamentalanalyse als Herzstück im Titelselektionsprozess
Unternehmen müssen weiterhin hohe Standards erfüllen, um in Portfolios aufgenommen zu werden, denn die meisten Preisanpassungen am Kapitalmarkt haben auch eine fundierte Entscheidungsgrundlage. Auf polarisierende Nachrichten reagieren jedoch manche Marktteilnehmer emotional und hier eröffnet der Behavioral-Finance-Indikator einen zusätzlichen, systematischen Blickwinkel auf Chancen. Damit wurde das Aktienmanagement gezielt und innovativ erweitert.
Welche irrationalen Verhaltensmuster werden am häufigsten ausgenutzt?
Unsere Signale analysieren ein breites Spektrum kapitalmarktnaher Daten und leiten daraus verschiedene Verhaltensmuster ab. Je nach Marktphase beobachten wir unter anderem Herdenverhalten, Verlustaversion oder Übermut. Signale zur Marktaktivität erfassen beispielsweise auffällige Spitzen im Handelsvolumen. Häufig reagieren Investoren dann auf neu veröffentlichte Informationen, etwa Quartalszahlen oder Makrodaten. Haben sich die Fundamentaldaten allerdings kaum verändert, kann eine hohe Marktaktivität auf substanzarmes Herdenverhalten hindeuten. Unsere Derivatesignale analysieren wiederum andere Verhaltensmuster. Sprunghafte Veränderungen in der Nachfrage nach defensiven Put-Optionen oder risikofreudigen Call-Optionen können Anzeichen für Verlustaversion oder Übermut sein.
Ebenfalls aufschlussreich sind Signale zu Analystenschätzungen. Sie reagieren besonders in der Berichtssaison, wenn frische Daten in den Markt kommen. Plötzliche Konsensrevisionen ohne entsprechende Kursbewegung deuten auf geringe Beachtung hin; zudem spiegeln Preise Gewinnüberraschungen mitunter zeitverzögert wider. Das ist ein Hinweis auf den kognitiven Status-quo-bias, also die Tendenz, an bestehenden Einschätzungen festzuhalten und Veränderungen zu vermeiden. Es gibt somit nicht das eine Verhaltensmuster, das besonders heraussticht. Unser Indikator ist darum auch als Composite zu verstehen – ein einzelnes Signal genügt nicht.
Welche Outperformance lässt sich durch die Integration erzielen?
In empirischen Tests hat der Indikator wiederholt korrekte Signale gesetzt, Chancen identifiziert und damit das Risiko Ertrags Profil verbessert. Aktuell werden die Signale mit bestehenden Einschätzungen aus der Fundamentalanalyse und der technischen Analyse kombiniert. Die mehrdimensionale Sicht auf Titel und Märkte eröffnet zusätzliche Möglichkeiten. Im vergangenen Jahr haben wir den Indikator im Live-Betrieb begleitend beobachtet. Dabei sind wir auf interessante Unternehmen aufmerksam geworden, die wir sonst nicht beachtet hätten. Der tatsächlich messbare Performancevorteil wird sich dann in den kommenden Monaten zeigen.
Ein Beitrag von Bernd Merkinger, Aktienfondsmanager, KEPLER-FONDS Kapitalanlagegesellschaft m.b.H.

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