Geopolitik schlägt Geldpolitik

27.07.2026

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Lange Zeit galt Inflation als Domäne der Notenbanken. Stiegen die Preise, wurden die Zinsen erhöht. Kühlte sich die Wirtschaft zu stark ab, wurden sie gesenkt. Doch diese einfache Logik gerät zunehmend an ihre Grenzen. Inflation entsteht heute immer häufiger nicht durch eine überhitzte Nachfrage, sondern durch geopolitische Krisen.

Die unterschiedlichen Zinsentscheidungen im Juni verdeutlichen dieses Dilemma. Während die Europäische Zentralbank den Leitzins auf 2,25 Prozent anhob, beließ die US-Notenbank Federal Reserve ihren Leitzins unter ihrem neuen Präsidenten Kevin Warsh unverändert in einer Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent. Beide Notenbanken verfolgen unterschiedliche Strategien – kämpfen aber gegen dasselbe Problem: eine Inflation, deren Ursachen sie kaum beeinflussen können.

Investition und Konsum sind abhängig von Produktion und Lieferketten

Der jüngste Preisanstieg war vor allem angebotsgetrieben. Der Krieg mit dem Iran und die zeitweise Sperrung der Straße von Hormus führten zu steigenden Öl- und Gaspreisen. Höhere Energiekosten verteuern Produktion, Transport und letztlich nahezu alle Güter. Gegen einen solchen Schock helfen höhere Zinsen jedoch nur begrenzt. Sie schaffen weder zusätzliche Förderkapazitäten noch öffnen sie blockierte Handelswege. Stattdessen bremsen sie vor allem Investitionen und Konsum.

Während energieintensive Branchen wie Airlines oder Chemieunternehmen unter steigenden Energiepreisen leiden, können integrierte Öl- und Gasunternehmen sowie Infrastrukturbetreiber teilweise von höheren Preisen profitieren. Deshalb gewinnt die sektorale Differenzierung innerhalb der Aktienallokation weiter an Bedeutung.

Damit geraten die Zentralbanken in ein schwieriges Spannungsfeld. Reagieren sie nicht auf steigende Inflation, drohen sich höhere Inflationserwartungen zu verfestigen. Erhöhen sie hingegen die Zinsen, schwächen sie die Konjunktur, ohne die eigentliche Ursache der Preissteigerungen beseitigen zu können.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die öffentlichen Haushalte sind heute deutlich höher verschuldet als noch vor wenigen Jahrzehnten. Jede Zinserhöhung erhöht den Schuldendienst der Staaten und schränkt deren finanzielle Spielräume ein.

Sicherheit belastet öffentliche Haushalte

Gleichzeitig steigen weltweit die Verteidigungsausgaben. Die USA ziehen sich zunehmend aus ihrer Rolle als globale Ordnungsmacht zurück, Europa muss mehr Verantwortung für seine Sicherheit übernehmen und Russland setzt den Angriffskrieg gegen die Ukraine fort. Sicherheitspolitik kostet Geld – und dieses Geld muss in vielen Ländern kreditfinanziert werden.

So entsteht ein Kreislauf: Geopolitische Konflikte treiben Energiepreise und Inflation. Die Zentralbanken reagieren mit höheren Zinsen. Höhere Zinsen belasten wiederum die Staatshaushalte, die gleichzeitig steigende Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen finanzieren müssen. Die Möglichkeiten einer inflationsgetriebenen Verringerung von Staatsschulden sind daher begrenzt.

Portfolioanpassungen in Folge des Inflationsdrucks

Damit verändert sich das Umfeld grundlegend. Die Zeit dauerhaft sinkender Zinsen dürfte vorerst vorbei sein. Statt auf kurzfristige Zinsspekulationen zu setzen, sollten Portfolios robust aufgestellt werden. Dazu gehören weltweit diversifizierte Anlagen, die möglichst wenig zinssensitiv sind. Hervorzuheben sind Unternehmen mit Preissetzungsmacht sowie Sachwerte, die langfristig einen gewissen Schutz vor Inflation bieten können.

Die wichtigste Erkenntnis lautet jedoch: Inflation ist heute zunehmend geopolitisch geprägt. Zentralbanken können ihre Folgen zwar dämpfen, ihre Ursachen aber nicht beseitigen. Wer Vermögen langfristig erhalten möchte, sollte deshalb nicht nur Konjunktur- und Unternehmensdaten beobachten, sondern auch die geopolitischen Entwicklungen. Sie dürften die Kapitalmärkte in den kommenden Jahren stärker prägen als manche Zinsentscheidung.

Ein Beitrag von Dr. Andreas Schyra, Vorstandsmitglied der PVV AG, Essen