Iran-Konflikt könnte zu Zinsdivergenz zwischen USA und Europa führen
05.06.2026

Ritu Vohora - Foto: Copyright T.Rowe Price
Die Lage in der Straße von Hormus unterstreicht, inwieweit Lieferketten zu einem Druckmittel geworden sind. Zwar haben sowohl die USA als auch der Iran Anreize, schnell eine Einigung zu erzielen und die Meerenge wieder zu öffnen, doch sollten Anleger die Möglichkeit einer erheblichen Eskalation oder eines langwierigen, festgefahrenen Konflikts nicht ausschließen. Die zugrunde liegenden Risiken sind inflationär.
Analysten auf unserer Research-Plattform schätzen, dass der Verkehr durch die Meerenge ein Drittel bis die Hälfte des früheren Niveaus erreichen muss, damit sich die Lieferketten wieder normalisieren können. Doch die Zeit läuft davon, um dauerhafte Schäden zu verhindern.
Bislang haben Anleger den entsprechenden Anstieg der Energiepreise als vorübergehend abgetan – er hält das Spiel noch nicht auf. Sollten sich Zweitrundeneffekte über Löhne, Lebensmittel oder allgemeine Preismaßnahmen bemerkbar machen, dann wandeln sich die Inflationsrisiken von einer Verwarnung zu einer Roten Karte. Inflationserwartungen sind für die Märkte ebenso wichtig wie der anfängliche Schock. Als defensive Absicherung bieten Sachwerte, inflationsgebundene Anleihen und Gold ein wichtiges Absicherungspotenzial gegen Inflationsrisiken.
Regionale Unterschiede machen die Marktaussichten komplexer.
Die USA sind relativ gut aufgestellt, gestützt durch Energieunabhängigkeit, Fiskalpolitik und starke KI-getriebene Investitionen. Solange die Inflationserwartungen verankert bleiben und Zweitrundeneffekte eingedämmt werden, kann die US-Wirtschaft den Druck weiter wegstecken. Die Fed dürfte an ihrer Linie festhalten und könnte im vierten Quartal sogar wieder Zinssenkungen vornehmen.
Europa steht vor einer härteren Situation. Als Nettoenergieimporteur ist Europa anfälliger für Versorgungsschocks, was die Herausforderungen neben einer hartnäckigeren Inflation und angespannten Arbeitsmärkten noch verstärkt. Dies versetzt die politischen Entscheidungsträger in höchste Alarmbereitschaft und lässt vermuten, dass sie 2026 mit zwei Zinserhöhungen eingreifen werden. Europäische Aktien könnten daher bei der Marktperformance eine weniger wichtige Rolle spielen als im vergangenen Jahr.
Ein sich wandelndes Regelwerk
Viele Anleger haben sich auf politische Sicherheitsnetze verlassen und erwarten, dass die Behörden schnell eingreifen, um die Märkte zu stabilisieren. Doch die politische Haltung wird defensiver. So wie Russlands Invasion in der Ukraine die Verteidigungsprioritäten neu definiert hat, dürfte der Iran-Konflikt den Ressourcen-Nationalismus, die Energiesicherheit und die Fokussierung auf strategische Lieferketten beschleunigen. Wirtschaftspolitik und nationale Sicherheit verflechten sich zunehmend und verstärken damit den Wandel hin zu einem fragmentierteren globalen System.
Wichtig ist, dass die Bemühungen zur Wiederbelebung der heimischen Kapazitäten zusammen mit höheren Ausgaben für Verteidigung und KI-Infrastruktur wahrscheinlich Chancen jenseits der kleinen Gruppe von Superstar-Unternehmen schaffen werden.
Die Marktverbreiterung, die wir 2025 beobachteten, setzte ihre Dynamik in diesem Jahr fort und unterstrich die Bedeutung in Portfolios. Schwellenländer, Value-Aktien und kleinere Unternehmen – die Außenseiter der letzten Jahre – haben stärker zur Rendite beigetragen.
Zudem geht es bei den KI-Chancen nicht mehr nur um hohe Ausgaben und Kompetenzen, sondern um Durchhaltevermögen. Was als „Asset-Light“-Thema mit Software und Dienstleistungen begann, ist nun eine physische, kapitalintensive Geschichte. Die Chancen haben sich auf Halbleiter, Rechenzentren, Kühlung, Stromversorgung und Infrastruktur ausgeweitet. Allerdings sind die relativen Bewertungen von US-Large-Cap-Wachstumsaktien, die widerstandsfähiger gegenüber hohen Energiepreisen sind, attraktiver geworden und erhöhen die Attraktivität eines „Barbell“-Ansatzes bei Aktien.
Die zugrunde liegenden Treiber der optimistischen Stimmung – Gewinnwachstum, fiskalische Unterstützung und KI-Innovation – sind vorerst intakt. Doch der anhaltende Aufschwung bei Risikoanlagen und das heikle geopolitische Umfeld machen die Märkte anfällig für Enttäuschungen. Sich weniger auf „Einzelkämpfer“ und mehr auf Formation, Disziplin und Widerstandsfähigkeit zu verlassen, dürfte eine nachhaltige Strategie bleiben.
Marktkommentar von Ritu Vohora, Anlagestrategin Kapitalmärkte bei T. Rowe Price

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