Neue Realität am Anleihemarkt: US-Verschuldung, Inflation und Chancen in der Peripherie
01.06.2026

Thomas Kirchmair - Foto: Copyright Swisscanto/ZKB
Wie schnell sich die Zeiten ändern können: Noch vor wenigen Wochen war der Markt mehrheitlich davon ausgegangen, dass die großen Notenbanken ihre Leitzinsen eher lockern oder wenigstens an Ort und Stelle belassen würden. Doch dann brach am 28. Februar der Iran-Konflikt aus – und stellte die globale Zinslandschaft in kürzester Zeit auf den Kopf.
Seither hat der durch den Waffengang in Nahost ausgelöste steile Anstieg der Energiepreise die Inflationssorgen neu entfacht und die Markterwartungen fundamental verändert. Die Hoffnung auf Zinssenkungen wich der Sorge, dass die Zentralbanken zu einer restriktiveren Geldpolitik gezwungen sein könnten, um die durch die Energiepreise angeheizte Inflation einzudämmen.
Die Reaktion der Anlegerinnen und Anleger war eindeutig: Am Anleihemarkt setzte ein sogenanntes Bear Flattening ein – die Renditen über alle Laufzeiten hinweg steigen, besonders jedoch am kurzen Ende der Zinskurve. Britische Staatsanleihen – die Gilts – waren von dieser Entwicklung am stärksten betroffen. Aber auch in den USA und der Eurozone stiegen die Refinanzierungskosten deutlich an.
Problem US-Verschuldung: Strukturell, nicht zyklisch
Für die Vereinigten Staaten kommt diese Entwicklung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Am 17. März 2026 überschritt nämlich die Bruttoverschuldung des Landes erstmals die Marke von 39 Billionen US-Dollar. Die steigenden Zinsen erhöhen den Druck auf die ohnehin angespannte Haushaltslage, da ein wachsender Anteil des Budgets für den Schuldendienst aufgewendet werden muss. Die Diskussion über den Status von US-Staatsanleihen als sicherer Hafen flammt in diesem Zusammenhang immer wieder auf.
Die aktuelle Situation erfordert unserer Meinung nach jedoch eine differenzierte Betrachtung. Die hohe Verschuldung der USA stellt ein strukturelles Problem dar: So könnte eine höhere Risikoprämie für US-Anleihen erforderlich werden, was sich langfristig vor allem am langen Ende der Zinskurve niederschlagen dürfte. Zyklisch betrachtet sollte sie jedoch nicht überbewertet werden. Für die kurzfristigen Zinsentscheidungen des Offenmarkt-Ausschusses der Federal Reserve (FOMC) spielt sie keine wesentliche Rolle. Denn: Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank (EZB), gehorcht die Federal Reserve (Fed) einem dualen Mandat: Sie hat auch den Arbeitsmarkt zu berücksichtigen. Und dieser zeigt zwar erste Anzeichen einer Abkühlung, bleibt aber insgesamt resilient. Dadurch erhält die Fed mehr Spielraum, um ihre Geldpolitik flexibel zu gestalten. Die EZB hingegen muss sich strikt auf die Inflationsbekämpfung konzentrieren und ist aufgrund ihres Mandats gezwungen, relativ mechanisch als Zins-Falke zu reagieren und die Leitsätze anzuheben.
Kein zweites 2022: Energiepreisanstieg trifft auf stabiles Umfeld
Anleger sollten zudem bedenken: Die aktuelle Situation unterscheidet sich deutlich von der Lage im Jahr 2022, zu Zeiten der Coronakrise, als Energiepreisschock, Inflation und ultralockere Geldpolitik zusammentrafen. Lieferketten sind heute widerstandsfähiger, und die Zentralbanken starten von einem bereits restriktiveren Zinsniveau. Während 2022 große Zinsschritte notwendig waren, um überhaupt auf eine neutrale Geldpolitik zu kommen, befinden wir uns 2026 bereits in einem leicht restriktiven Umfeld. Auch die Finanzierungsbedingungen erscheinen uns deutlich straffer als damals.
Das aktuelle Einpreisen von Zinsanhebungen deutet unseres Erachtens darauf hin, dass der Markt ein neues Gleichgewicht erreicht haben könnte – ein Eindruck, der durch die stabilen langfristigen Inflationsrisikoprämien untermauert wird, trotz der jüngsten Energiepreis-Steigerungen. Denn so spielt der Mechanismus: Stabile Inflationsrisiko-Prämien resultieren aus den erwarteten Zinsanhebungen.
Im Fokus: Peripherie, Kurzlaufende US-Anleihen und Linkers
Wie können Anlegerinnen und Anleger auf ein solches Umfeld reagieren? Kurzlaufende, in US-Dollar begebene Anleihen bieten aus unserer Sicht nach wie vor interessante Anlagechancen. Auch US-Staatsanleihen sind spannend: Sie gehören zu den liquidesten Anlagen im Anleihen-Universum – und diese Liquidität kann gerade in einem volatilen Umfeld von hohem Wert sein. Sie erlaubt es, bei sich bietenden Gelegenheiten schnell zu agieren. Zudem bewerten wir das aktuelle Zinsniveau – insbesondere am kurzen Ende der Kurve – als attraktiv. Wir sehen hier Potenzial, von den gestiegenen laufenden Renditen zu profitieren.
Auch die Renditen europäischer Anleihen dürften bald ihren Höhepunkt erreichen – und das, obwohl die EZB aufgrund der verzögerten Wirkung der Energiekrise auf die Inflationszahlen noch länger eine vorsichtige Haltung einnehmen wird. Bei Peripherieanleihen – Papiere, die auf Schweizer Franken, Kanadische Dollar oder ungarische Forint lauten – sehen wir wieder etwas mehr Chancen, bleiben bei der Duration jedoch in der Nähe der Euro-Benchmark. Zusätzlich haben wir kleinere Positionen in auf Schweizer Franken und Kanadische Dollar begebene Anleihen aufgebaut. Diese weisen ein niedrigeres Beta auf und unterliegen damit geringeren Schwankungen.
Zusätzlich halten wir inflationsgeschützte Anleihen, sogenannte Linkers. Unsere europäischen Papiere bauen wir langsam ab, wohingegen wir bei länger laufenden US-Linkers weiter aufstocken. Denn: Sollte die Fed in diesem Umfeld den Arbeitsmarkt stärker in den Fokus rücken, könnten auch die langfristigen Inflationserwartungen in den USA steigen. Dabei ist wichtig zu beachten, dass Linker die Inflationserwartungen handeln und nicht die aktuelle Inflation – ein Aspekt, der die Fed weniger restriktiv erscheinen lässt als die EZB. Denn das Nominalwachstum ist hoch, und wenn die Fed aktuell weniger restriktiv agiert als die EZB, müssten dort die längerfristigen Inflationsrisiko-Prämien ansteigen.
Schwellenländeranleihen ins Auge fassen
Eine Beimischung von Schwellenländeranleihen kann sich für risikofreudigere Anlegerinnen und Anleger ebenfalls lohnen. Dank der in der Regel höheren Realrenditen und stabilen Währungen dürften sie gegenüber den entwickelten Märkten im Vorteil sein. Doch Achtung: Unsere Strategie basiert auf der Annahme, dass sich die Rohstoffmärkte in den kommenden Wochen stabilisieren. Das würde zu einem Rückgang der Unsicherheiten an den Anleihemärkten führen und die Risikoprämien würden sinken – eine „neue Normalität“ wäre erreicht. Sollte der Konflikt jedoch erneut eskalieren und die Rohstoffpreise auch Zweitrunden-Effekte auslösen, werden wir die Situation zeitnah neu bewerten.
Einschätzung von Thomas Kirchmair, Senior Portfoliomanager Global Fixed Income bei Swisscanto/ZKB

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