"Risikodaten müssen vollständig, plausibel und eindeutig sein"
03.06.2026

Payam Rezvanian (li.) und Vlad Barboni (re.) - Foto: Copyright Finanzchef24
Finanzchef24 hat gemeinsam mit der R+V Versicherung eine digitale Sofortpolice für Gewerbekunden eingeführt. Zu den Hintergründen und weiteren Aspekten standen Payam Rezvenian und Vlad Barboni, beide Co-CEOs von Finanzchef24, für ein Gespräch zur Verfügung.
finanzwelt: Die Gewerbeversicherung galt aufgrund der hohen Risikokomplexität lange als die Königsdisziplin und als ein Segment, das sich der vollständigen Automatisierung widersetzt. Warum sehen wir gerade jetzt – im Jahr 2026 – eine so deutliche Beschleunigung hin zu digitalen Echtzeit-Abschlüssen?
Payam Rezvanian: Wir nehmen eine Annäherung verschiedener Entwicklungen wahr: Unternehmer erwarten zunehmend digitale Abläufe – am besten in Echtzeit. Versicherer haben ihre Tarifmodelle angepasst, und spezialisierte Plattformen haben die erforderliche technische Infrastruktur, Datenbasis und Markterfahrung geschaffen. Insbesondere im Gewerbebereich ist es nicht ausreichend, nur Anträge zu digitalisieren. Von Bedeutung ist vielmehr, dass Risiken branchenübergreifend korrekt erfasst, strukturiert und in verlässliche Abschlussprozesse überführt werden.
finanzwelt: In der Praxis bedeutet eine „Sofort-Police“ den Verzicht auf die traditionelle, manuelle Prüfung durch den Underwriter vor Ort. Welche neuen Anforderungen stellt das an die Datenqualität und die digitalen Risikoprüfungs-Prozesse (Risk Assessment) aufseiten der Plattformen und der Risikoträger?
Vlad Barboni: Eine Sofort-Police kann nur funktionieren, wenn die Risikodaten vollständig, plausibel und eindeutig sind. Informationen zu Betriebsart, Tätigkeitsschwerpunkten, Umsatz, Mitarbeiterzahl, Vorschäden und besonderen Risiken müssen sauber digital erfasst werden. Dafür ist nicht nur Technik erforderlich, sondern auch ein tiefes Verständnis gewerblicher Risiken sowie jahrelange Erfahrung mit Abschluss- und Schadenmustern im KMU-Segment. Underwriting verschwindet also nicht, sondern wird in digitale Regeln, Plausibilitätsprüfungen und eine laufende Portfolio-Kontrolle übersetzt. Das macht die Kooperation mit der R+V auch so besonders: Der Prozess bis zur Sofort-Police wird vollständig digital bei Finanzchef24 abgebildet.
finanzwelt: Das Einräumen von Zeichnungsrechten an ein Vergleichsportal für rund 925 Betriebsarten ist ein bemerkenswerter Schritt. Wie verändert dieses Modell der „delegierten Zeichnungsfreiheit“ langfristig das traditionelle Rollenverständnis und die Gewaltenteilung zwischen Produktgeber (Versicherer) und digitalem Vertriebskanal?
Payam Rezvanian: Sehen Sie, darin liegt einer der großen Missverständnisse, die es im Markt gibt. Ja, wir haben einen Vergleich als ersten Layer unseres digitalen Vertriebswegs. Aber wir sind kein reines Vergleichsportal, sondern digitaler Broker mit einem hybriden Plattformgeschäftsmodell. In unserer DNA ist Versicherungs-Know-How genauso tief verwurzelt, wie Kundenzentrierung. Das macht uns zur modernen, zeitgemäßen Plattformlösung mit ausgeprägter Underwriting-Kompetenz. Der Versicherer bleibt dabei natürlich Risikoträger und definiert das Produkt, während die Plattform auf Preislogik und Zeichnungspolitik mit eigenen Daten und Know-how Einfluss nimmt und diese Vorgaben digital, schnell und skalierbar umsetzt. Das setzt ein hohes Maß an Vertrauen voraus und entsteht nur dort, wo Marktüberblick, Prozessqualität und technische Umsetzung dauerhaft zusammenkommen.
finanzwelt: Vom Handwerker bis zum IT-Berater deckt der neue Prozess eine enorme Bandbreite ab. Wo liegen aus Sicht des Risikomanagements die Grenzen eines solchen automatisierten Scoring- und Tarifierungsmodells? Gibt es Betriebsarten, die prinzipiell auch künftig von der Sofort-Policierung ausgeschlossen bleiben müssen?
Vlad Barboni: Automatisierung stößt dort an Grenzen, wo Risiken nicht ausreichend standardisierbar sind. Dazu gehören ungewöhnliche Tätigkeitskombinationen, hohe Versicherungssummen, internationale Exponierungen, auffällige Vorschäden oder besonders haftungsträchtige Betriebsarten. Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, möglichst viel automatisch anzunehmen, sondern sehr genau zu wissen, welche Risiken digital tragfähig sind und welche bewusst ausgesteuert werden müssen.
finanzwelt: Der Sofort-Nachweis von Versicherungsschutz wird in der Pressemitteilung als zentraler Vorteil für KMU genannt, um kurzfristige Aufträge rechtssicher anzunehmen. Spiegelt sich hierin eine veränderte Erwartungshaltung des modernen Gründers und Unternehmers wider, der B2C-Standards (wie den Amazon- oder PayPal-Effekt) nun auch im B2B-Umfeld einfordert?
Payam Rezvanian: Ja. Viele Gründer, Selbstständige und KMU sind aus dem privaten Alltag digitale Sofortprozesse gewohnt. Diese Erwartung übertragen sie zunehmend auf geschäftliche Dienstleistungen. Gerade wenn kurzfristig ein Auftrag angenommen werden soll oder im Falle von neuen Gewerbeanmeldungen, ist ein sofort verfügbarer Versicherungsnachweis ein echter operativer Vorteil. Dafür braucht es im Hintergrund allerdings eine erhebliche Markt- und Produktintelligenz, damit der einfache Kundenerlebnis nicht zulasten der Risikoprüfung geht.
finanzwelt: Wenn der digitale Abschluss inklusive Dokumentenbereitstellung in Echtzeit zum neuen Marktstandard avanciert – welche Daseinsberechtigung hat dann künftig noch der klassische, analoge Gewerbe-Vermittler im standardisierten KMU-Geschäft?
Payam Rezvanian: Im einfachen, standardisierten KMU-Geschäft wird der rein analoge Vermittlungsprozess weiter an Bedeutung verlieren. Beratung bleibt aber relevant, wenn Risiken komplexer werden, mehrere Sparten zusammenspielen oder individuelle Deckungskonzepte gefragt sind. Die Rolle verschiebt sich vom administrativen Antragshandling hin zu qualifizierter Beratung, Betreuung und Schadenbegleitung. Digitale Plattformen sind dort stark, wo sie Vergleich, Abschlusslogik und Marktüberblick in einem Prozess bündeln können. Auch deshalb setzen wir weiterhin auf einen hybriden Ansatz, bei dem unser Beratungsteam bei Bedarf unterstützen kann.
finanzwelt: Blicken wir in die Zukunft der gewerblichen Sach- und Haftpflichtversicherung: Die Sofort-Police deckt den Status Quo bei Antragstellung ab. Wird der nächste logische Meilenstein eine „dynamische Gewerbepolice“ sein, die sich über KI-Schnittstellen (z. B. zur Buchhaltungssoftware des Kunden) unterjährig und vollautomatisch an Umsatzsprünge oder neue Risiken anpasst?
Vlad Barboni: Perspektivisch ist das ein naheliegender nächster Schritt. Heute bildet die Sofort-Police den Status bei Antragstellung ab. Künftig könnten Policen die Entwicklung der Kunden näher begleiten und stärker auf laufende Unternehmensdaten reagieren, etwa bei Umsatzwachstum, neuen Tätigkeiten oder veränderter Mitarbeiteranzahl. Voraussetzung dafür sind belastbare Daten, intelligente Schnittstellen und ein sehr gutes Verständnis dafür, welche Veränderungen risikorelevant sind. Kurzfristig werden wohl zuerst digitale Änderungsprozesse und teilautomatisierte Anpassungen kommen; langfristig sind dynamischere Policen durchaus plausibel. Dabei werden alle Marktteilnehmer einen deutlichen Vorsprung haben, die heute schon in der Lage sind, sowohl aus Produkt- wie auch aus Techniksicht dynamisch auf Marktgegebenheiten zu reagieren. (ah)

Welche Dokumente sollten digitalisiert werden?





