Schwellenländer werden wieder zu einem Markt für Stockpicker

18.05.2026

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Über weite Strecken des vergangenen Jahrzehnts wurden Schwellenländer an den Märkten häufig vor allem als Makrothema gehandelt; Schlagzeilen zu China, Rohstoffen, Zinsen oder Geopolitik gaben dabei oft die Richtung vor. Heute ist das Spektrum der Anlagechancen in den Schwellenländern jedoch deutlich stärker differenziert.

Die Streuung zwischen Ländern, Sektoren und Unternehmen hat erheblich zugenommen. Das schafft ein günstigeres Umfeld für aktive Anleger, die sich an Fundamentaldaten orientieren, statt sich allein am Benchmark-Exposure auszurichten.

Das Quartal hat diesen Wandel klar verdeutlicht. Während die Wertentwicklung der Schwellenländer insgesamt uneinheitlich blieb, unterschieden sich die Anlagechancen je nach Region und Sektor deutlich. Bereiche, die von besseren inländischen Fundamentaldaten, Kapitaldisziplin, Infrastrukturinvestitionen und operativer Erholung profitieren, zeigten sich trotz anhaltender Marktvolatilität widerstandsfähig.

So schaffen die anziehende Tourismusaktivität und attraktive Bewertungen in Teilen Südostasiens allmählich Chancen in Bereichen, die in globalen Portfolios weiterhin unterrepräsentiert sind. In anderen Marktsegmenten haben erhöhte Bewertungen und stark besetzte Positionierungen die Bedeutung von Selektivität und eines disziplinierten Umgangs mit Risiken erhöht.

Zugleich gewinnt Bewertungsdisziplin weiter an Bedeutung. In mehreren wachstumsstarken Bereichen des Marktes sind Anleger inzwischen stark positioniert, während eine Reihe übersehener Unternehmen trotz besserer Gewinnperspektiven und robusterer Bilanzen weiterhin zu attraktiven Bewertungen gehandelt wird.

Wir sind der Ansicht, dass dieses Umfeld Chancen bei Aktien eröffnet, die man als „vergessen“ bezeichnen könnte: Unternehmen, die möglicherweise nicht im Mittelpunkt des Marktes stehen, aber von besseren Fundamentaldaten, stärkeren Cashflows, solider operativer Entwicklung und Neubewertungspotenzial profitieren.

Wichtig ist: Schwellenländer unterscheiden sich heute deutlich von früheren Zyklen. Viele Volkswirtschaften gehen mit solideren makroökonomischen Fundamentaldaten, einer disziplinierteren Wirtschaftspolitik und stärkeren Unternehmensbilanzen in diese Phase, als viele Anleger annehmen.

Das beseitigt die Risiken nicht. Geopolitische Spannungen, Inflationsdruck und restriktivere Finanzierungsbedingungen dürften die Volatilität hoch halten. Phasen der Unsicherheit können für langfristig orientierte Anleger, die bereit sind, über die kurzfristige Marktstimmung hinauszublicken, aber auch Bewertungsverzerrungen und fehlbewertete Chancen schaffen. Aus unserer Sicht könnte die nächste Phase für Schwellenländer nicht von breiten Indexbewegungen geprägt sein, sondern von selektivem Exposure gegenüber Unternehmen und Regionen, deren Fundamentaldaten sich schneller verbessern, als vom Markt erwartet.

Marktkommentar von Ernest Yeung, Portfolio Manager, Emerging Markets Discovery Equity Strategy bei T. Rowe Price.