"Unsere Position ist pragmatisch, nicht dogmatisch"

21.04.2026

Inma Conde, CFA, Leiterin ESG bei Mediolanum International Funds / Foto: © Mediolanum

Wie entwickelt sich das Thema Nachhaltigkeit weiter? Welche Unterschiede gibt es zwischen den USA und Europa? Wie gehen Gesellschaften mit dem Fakt der Rüstung um? Inma Conde, CFA, Leiterin ESG bei Mediolanum International Funds, spricht Klartext.

finanzwelt: Das ESG-Umfeld ist nicht einfach. Wir lesen wieder von Abflüssen. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück? Inwieweit kann man von einer Neukalibrierung des ESG-Marktes sprechen?

Inma Conde: Der Markt schrumpft nicht – er reift und korrigiert sich. Höhere Zinsen belasten vor allem Strategien mit langer Laufzeit und hohem Green-Bond-Anteil, und Anleger unterscheiden stärker zwischen echter Nachhaltigkeit und umbenannten konventionellen Produkten. Der ESG-Backlash in den USA dämpft zudem die Stimmung weltweit, selbst in Märkten mit ganz anderen regulatorischen Rahmenbedingungen. Ich würde dies eher als Neukalibrierung, denn als Umkehr bezeichnen. Langfristige Treiber wie Energiewende, Ressourcenknappheit und demografischer Wandel bleiben intakt, aber die Erwartungen an mehr Stringenz und fundierte ESG-Ergebnisse sind gestiegen – ein gesundes Signal.

finanzwelt: Gibt es eine ESG-Müdigkeit unter den Anlegern, und welche Rolle spielen dabei Debatten über Ver trauen und Greenwashing?

Conde: Müdigkeit trifft es nicht. Es geht um Frustration aufgrund unerfüllter Erwartungen, uneinheitlicher Definitionen und der Greenwashing-Debatte, die die Branche unter Druck gesetzt hat. Vertrauen ist die zentrale Herausforderung – es leidet, wenn Kunden kaum zwischen einem Fonds unterscheiden können, der Nachhaltigkeit wirklich integriert, und einem bloßen Label. Wir betreuen 1,8 Millionen Privatkunden durch über 6.700 Finanzberater in ganz Europa und für uns sind Klarheit und Integrität in unserer ESG-Kommunikation nicht verhandelbar. Die Greenwashing-Debatte war ein notwendiger Katalysator für mehr Transparenz und Verantwortlichkeit – zum Vorteil für die Kunden und für die Glaubwürdigkeit nachhaltiger Finanzierung.

finanzwelt: Ein heißes Thema in der Vergangenheit: Wie steht Mediolanum zu Themen wie Nachhaltigkeit und Verteidigungsinvestitionen (Rüstung) oder Kernenergie?

Conde: Unsere Position ist pragmatisch, nicht dogmatisch. Die aktuelle geopolitische Lage hat den Kontext grund legend verändert. Jede nachhaltige Gesellschaft braucht Sicherheit. Die SFDR schließt Verteidigungsinvestitionen nicht aus; viele Artikel-8-Fonds halten entsprechende Titel. Wir befürworten daher einen differenzierten Ansatz: Aus schluss umstrittener Waffen, zugleich Anerkennung der le gitimen Rolle von Verteidigung. Bei der Kernenergie sind wir ähnlich pragmatisch, denn sie kann in einigen Märkten ein notwendiger Bestandteil der Energiewende sein – eine Einheitslösung gibt es nicht.

finanzwelt: ESG ist international. Dennoch gibt es regionale Unterschiede. Europa gilt als ESG-Vorreiter – wo ist der Unterschied zu den USA derzeit am deutlichsten? Und wie geht es weiter (Konvergenz oder Entkopplung)?

Conde: Die Divergenz ist deutlich und dürfte kurzfristig noch zunehmen. In Europa entwickelt sich der Regulierungsrahmen – SFDR, Taxonomie, CSRD – weiter, mit sinn vollen Entlastungen wie geringeren CSRD-Pflichten für kleinere Unternehmen. In den USA ist Nachhaltigkeit aktuell politisch umkämpft, auch wenn das Engagement auf Ebene einzelner Bundesstaaten wie Kalifornien und New York hoch bleibt. Ich halte die Entkopplung für vorübergehend und nicht strukturell, bedingt durch politische Zyklen. Die Energiewende ist eine Marktrealität und keine Ideologie. Ihre ökonomische Logik wird mittelfristig wieder zu mehr Konvergenz führen.

finanzwelt: Welche Auswirkungen hatten die strengeren Anforderungen der ESMA an Fondsnamen, und wie bewerten Sie diese? Was erwarten Sie von einer möglichen SFDR 2.0?

Conde: Die ESMA-Richtlinien zur Namensgebung waren ein positiver Schritt: Nun dürfen ESG- und Nachhaltigkeitsbegriffe nur genutzt werden, wenn bestimmte Schwellen werte erfüllt sind. Das hat zu nötigen Anpassungen geführt – einige Manager haben Fonds umbenannt oder neu klassifiziert, was das richtige Ergebnis ist. Bei Mediolanum war keine Neuklassifizierung nötig: Unsere 13 Fonds gemäß Artikel 8 und Artikel 9 entsprechen den neuen Standards und bilden unseren Ansatz ab. Für SFDR 2.0 wünschen wir uns klarere Kategorien, die sich stärker an Anlegerinteressen ausrichten. Denn die bisherige zweistufige Struktur wird teils als Marketinginstrument missbraucht.

finanzwelt: Wie definieren Sie Nachhaltigkeit? Welche Ziele hat sich Mediolanum International Funds gesetzt und wie wird die Umsetzung überwacht?

Conde: Für Mediolanum heißt Nachhaltigkeit, langfristige Renditen zu erzielen und zugleich einen positiven Beitrag für Gesellschaft und Umwelt zu leisten – denn finanzielle Ergebnisse sind untrennbar mit der Art und Weise verbunden, wie Unternehmen ihren ESG-Fußabdruck steuern. Deshalb integrieren wir ESG in unsere gesamte Anlageplattform und setzen auf aktive Eigentümerschaft durch Stimmrechtsausübung und gezieltes Engagement. Wir führen ein strukturiertes Engagement-Programm mit über 50 Portfoliounternehmen durch, die wegen Schwächen bei wichtigen PAI wie CO2-Emissionen oder Diversität im Vor stand ausgewählt wurden, um messbare Verbesserungen zu erreichen. Für alle Artikel-8- und Artikel-9-Fonds haben wir zudem CO2-Reduktionsziele auf Portfolioebene fest gelegt. Die Umsetzung überwachen wir über vierteljährli che PAI-Berichte, ein proprietäres ESG-Scoring und eine verstärkte Überwachung durch die ESG-, Compliance- und Risikoteams.

finanzwelt: Keine Diskussion ist vollständig ohne einen Verweis auf Künstliche Intelligenz. Welchen Mehrwert sehen Sie in KI im ESG-Sektor? Welche Risiken sehen Sie in der Verwendung von KI im ESG-Kontext?

Conde: KI hat großes transformatives Potenzial im ESG Bereich. Sie kann große Mengen unstrukturierter Daten – Unternehmensveröffentlichungen, Lieferkettendaten, Nachrichtenflüsse – schneller und konsistenter auswerten und Analysen vertiefen. Als Multi-Manager-Plattform können wir mit KI zudem die ESG-Praktiken bei externen Partnern besser überwachen. Gleichzeitig gilt jedoch: KI ist nur so gut wie die Daten, die sie verarbeitet – und ESG-Daten sind oft inkonsistent, was die Automatisierung von Verzerrungen oder Scheinpräzision begünstigen kann. Deshalb sind bei Investitionsentscheidungen Transparenz und Verantwortlichkeit zentral. Wir sehen KI als ein starkes Werk zeug in erfahrenen Händen, nicht als Ersatz für menschliches Urteilsvermögen. (ah)