Warum 1.000 Euro Rente bis zu 400.000 Euro kosten

11.05.2026

Alexander Siegmund, Geschäftsführer der KPM Pensions & Benefits GmbH Foto: © KPM

Exklusiv

Eine lebenslange Rente von 1.000 Euro monatlich kostet am deutschen Markt rund 400.000 Euro Kapital, sofern klassisch kalkuliert wird. Realistisch gerechnet wären rund 250.000 Euro für dieselbe Leistung ausreichend. Gleiche Leistung, deutlich höherer Kapitalbedarf. Wie kann das sein?

Der eigentliche Hebel heißt Lebenserwartung

Die Antwort liegt in einer Stellgröße, die in der öffentlichen Debatte über Altersvorsorge fast nie auftaucht: der Lebenserwartungsannahme, mit der Versicherer Rentenleistungen kalkulieren. Auf Basis aktueller Sterbetafeln und der dazugehörigen Sicherheitszuschläge arbeiten klassische Tarife mit rechnerischen Endaltern zwischen 120 und 137 Jahren. Die reale Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 bis 84 Jahren. Eine ehrliche Kalkulation, wie sie etwa in der Unterstützungskasse möglich ist, kommt mit Endaltern um 93 bis 94 Jahre aus.

Diese Differenz wirkt technisch, hat aber eine direkte Wirkung auf die Rentenhöhe: Je länger das Kapital rechnerisch gestreckt wird, desto kleiner die monatliche Auszahlung. Die BaFin hat das dahinterliegende Spannungsfeld 2025 erstmals systematisch beleuchtet. Mehr als die Hälfte der deutschen Lebensversicherer weist in der Rentenphase keine Risikoüberschussbeteiligung aus. Die Sterblichkeitsgewinne, die durch die übervorsichtige Kalkulation entstehen, erreichen einen erheblichen Teil der Rentenempfänger schlicht nicht. Aus aufsichtsrechtlicher Sicht ist damit der Kundennutzen der Rentenphase erstmals offen hinterfragt.

Warum „zu vorsichtig" gerechnet wird

Die Konservativität der Kalkulation hat ihre Logik. Solvency II verpflichtet Versicherer zu erheblichen Eigenkapitalpuffern. Lebenslange Garantien verlangen mathematische Sicherheitsmargen, die sich aus der Aufsichtsperspektive begründen lassen. Ratingagenturen honorieren Stabilität. Wer regulatorisch zur Vorsicht verpflichtet ist, kalkuliert konservativ. Und wer konservativ kalkuliert, baut Reserven auf, die zunächst den Bilanzpuffer stärken, bevor sie als Auszahlung im Kollektiv ankommen.

Im Ergebnis entsteht ein strukturelles Spannungsverhältnis zwischen Stabilität und Kundennutzen. Vorsicht ist regulatorisch geboten. Sie ist aber ökonomisch teuer. Die Rechnung landet beim Versicherten, dessen Nettorente die Differenz trägt.

Wer trägt die Differenz?

Drei Gruppen tragen die Kosten der Übervorsicht. Arbeitgeber binden für ein vereinbartes Rentenziel deutlich mehr Kapital, als bei realistischer Kalkulation nötig wäre; bei Direktzusagen erhöht das die Bilanzrückstellungen und entzieht dem operativen Geschäft Liquidität. Arbeitnehmer erhalten bei gleichem Beitrag eine substanziell niedrigere Nettorente. Und das gesamtwirtschaftliche System bindet Kapital in Sicherheitspuffern, die statistisch nicht abgerufen werden. Kapital, das in produktivere Verwendung fließen könnte.

Warum die Debatte ausbleibt

Die Mechanik der Überschussbildung ist selbst für Fachleute eine Blackbox. Die Annahmen hinter den Sterbetafeln, die Verteilungslogik der Risikoüberschüsse, der Umgang mit nicht ausgekehrten Sterblichkeitsgewinnen: das gehört zu den intransparentesten Bereichen des deutschen Versicherungsmarkts. Hinzu kommt: Die altersvorsorgepolitische Debatte ist derzeit fast ausschließlich auf die gesetzliche Rente fokussiert. Aktivrente, Frühstart-Rente, Rentenpaket: die zweite Säule mit ihren strukturellen Effizienzproblemen bleibt in der politischen Aufmerksamkeitsökonomie unbearbeitet. Die Branche selbst diskutiert lieber Produktqualität als Systemfragen, weil sich Produkte vergleichen lassen und Systeme nur verändern.

Was eine realistische Kalkulation auslösen würde

Ginge die bAV von realistischen Endaltern aus, sänke der Kapitalbedarf für ein gegebenes Rentenziel um rund 40 Prozent. Bei gleichem Aufwand stiege die monatliche Rente um rund 60 Prozent. Modelle, die diese Logik bereits umsetzen, etwa smart|pension oder vergleichbare Konstruktionen über die Unterstützungskasse als Durchführungsweg, zeigen, dass die Modellrechnung in der Praxis trägt. Der Mechanismus ist mathematisch trivial: Realistische Annahmen erzeugen realistische Leistungen. Der Mehrwert entsteht aus dem konsequenten Verzicht auf Sicherheitsreserven, die statistisch ohnehin nicht eingelöst werden müssen.

Systemfrage statt Produktfrage

Die Frage, warum 1.000 Euro Rente in Deutschland bis zu 400.000 Euro kosten können, ist eine Systemfrage. Auf Produktebene allein lässt sie sich nicht beantworten. Solange die Rechenlogik der Branche von regulatorischer Übervorsicht und intransparenter Überschussverteilung geprägt ist, werden Tarife in einem Korridor kalkuliert, der mit der demografischen Realität wenig zu tun hat. Die Diskussion über bessere Altersvorsorge in Deutschland muss deshalb zwei Ebenen unterscheiden: die Produktebene, auf der man Anbieter vergleicht, und die Systemebene, auf der die zugrundeliegenden Annahmen verhandelt werden. Letztere ist die ungleich wichtigere. Nach 25 Jahren in der bAV-Beratung lässt sich der Befund auf einen Satz bringen: Der entscheidende Unterschied zwischen Anbietern liegt in den Annahmen, mit denen sie kalkulieren, seltener in den Produkten, die sie verkaufen. Solange diese Annahmen nicht öffentlich verhandelt werden, bleiben die rund 150.000 Euro Differenz pro Versorgungsfall genau dort, wo sie heute sind: im System.

Ein Gastbeitrag von Alexander Siegmund, Geschäftsführer der KPM Pensions & Benefits GmbH und Rentenberater (zugelassen gemäß § 10 Abs. 1 Nr. 2 RDG)

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