Zwischen Gewinnresilienz und Bewertungsfragen

16.04.2026

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Die Berichtssaison für das erste Quartal 2026 dürfte auf den ersten Blick überzeugen – sie fällt jedoch in eine Phase, in der sich das Umfeld bereits eingetrübt hat. Die Märkte blicken damit auf rückwärtsgerichtet starke Gewinne, während die Unsicherheit über die kommenden Quartale zunimmt. Analysten erwarten für den S&P 500 ein Gewinnwachstum von bis zu 17 %. Dieses basiert allerdings vor allem auf der bis Februar robusten Konjunktur, einem schwächeren US-Dollar sowie konkreten Investitionszyklen – insbesondere rund um das Thema Künstliche Intelligenz. Auffällig ist dabei die Diskrepanz zwischen fundamentalen Erwartungen und Marktpositionierung: Trotz der starken Gewinnprognosen bleiben viele Investoren vorsichtig, insbesondere in Technologie- und Softwarewerten.

Nach mehreren Quartalen soliden Gewinnwachstums richtet sich der Blick zunehmend auf die Frage, ob die Unternehmensgewinne das hohe Bewertungsniveau weiter rechtfertigen können oder ob sich erste Ermüdungserscheinungen zeigen. Für das erste Quartal erwarten wir erhöhte Kursschwankungen rund um die Berichtstermine. Gründe sind gemischte Ergebnisse im Vergleich zu den Analystenschätzungen, ein anspruchsvolleres makroökonomisches Umfeld sowie mögliche Belastungen für die Jahresausblicke der Unternehmen. Die direkten Effekte der geopolitischen Unsicherheiten dürften sich allerdings erst ab dem zweiten Quartal stärker in den Zahlen niederschlagen.

USA: Starkes Gewinnwachstum bei ambitionierten Bewertungen

Für den US-Markt bleibt das Bild kurzfristig robust. Für den S&P 500 wird ein Gewinnwachstum von rund +17 % gegenüber dem Vorjahr erwartet – das sechste Quartal in Folge mit zweistelligem Zuwachs.

Treiber bleibt der Technologiesektor, getragen von Investitionen in KI-Infrastruktur, Cloud und Halbleiter. Hier zeigen sich auch die deutlichsten positiven Gewinnrevisionen. Der Energiesektor profitiert von höheren Rohstoffpreisen, während Finanzwerte von einer Belebung des Investmentbankings und stabilen Trading-Erträgen gestützt werden. Eine Ausnahme bildet der Gesundheitssektor, der im ersten Quartal einen leichten Ergebnisrückgang verzeichnen dürfte. Auch zyklische Konsumwerte bleiben anfällig für nachlassende Konsumdynamik und Margendruck. Bewertungsseitig liegt der Forward-P/E des S&P 500 bei rund 20 und damit weiterhin oberhalb des langfristigen Durchschnitts. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Anstieg von etwa 4–6 %, getrieben durch Kursgewinne, die das Gewinnwachstum teilweise übersteigen.

Europa: Moderate Dynamik in einem herausfordernden Umfeld

In Europa war das erste Quartal von einem gemischten Umfeld geprägt: Während sich die Industrie leicht erholte, belasteten geopolitische Unsicherheiten, ein schwächerer US-Dollar und ein gedämpftes Verbrauchervertrauen die Nachfrage. Für den STOXX Europe 600 erwarten Analysten ein Gewinnwachstum von rund +4 % gegenüber dem Vorjahr. Damit verbessert sich die Ertragslage gegenüber dem Vorquartal, bleibt jedoch deutlich hinter der Dynamik der USA zurück. Wichtigster Treiber ist erneut der Energiesektor, für den aufgrund höherer Öl- und Gaspreise ein Gewinnanstieg von rund +25 % erwartet wird. Industrie- und Grundstoffwerte profitieren von Infrastrukturinvestitionen, steigenden Verteidigungsausgaben und ersten Effekten staatlicher Programme, insbesondere in Deutschland. Der Finanzsektor zeigt stabile Erträge, während der zyklische Konsum unter Druck bleibt – belastet durch hohe Kosten und eine vorsichtigere Nachfrage. Insgesamt bleibt Europa stärker von Kostenkontrolle als von Umsatzdynamik geprägt. Bewertungsseitig liegt das Forward-P/E bei rund 15 und damit unter dem US-Niveau.

Fazit: Fokus verschiebt sich auf Qualität

Für das Gesamtjahr 2026 erwartet der Markt global ein Gewinnwachstum von 12–15 %, weiterhin mit einem Vorsprung der USA gegenüber Europa. Die Berichtssaison dürfte insgesamt robust ausfallen. Die USA punkten mit Gewinnvisibilität und Tech‑Stärke, Europa bleibt stärker sektor‑ und makrogetrieben. Qualität und gezielte Allokation sollten zunehmend an Bedeutung gewinnen,

Marktkommentar von Marc Decker, Co-Leiter Aktien Quintet Private Bank, Merck Finck.