Boomender Aktienmarkt trifft auf historisches EU-Freihandelsabkommen
22.04.2026

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Indien hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der dynamischsten Volkswirtschaften der Welt entwickelt – und befindet sich weiterhin auf einem beeindruckenden Wachstumspfad. Mit einem realen BIP-Zuwachs von rund 7 % ist das Land unter den großen Volkswirtschaften weltweit aktuell die am schnellsten wachsende.
Was dieses Wachstum besonders bemerkenswert macht, ist seine breite Basis: Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung, Industrieproduktion und ein starker Konsum der jungen, aufstrebenden Mittelschicht tragen gemeinsam zu einer nachhaltigen Wirtschaftsdynamik bei. Die Regierung unter Premierminister Narendra Modi treibt seit Jahren Strukturreformen voran, um das Land wirtschaftlich zu modernisieren und die Attraktivität für Investoren zu erhöhen. Programme wie „Make in India“, steuerliche Vereinfachungen bei der Waren- und Dienstleistungssteuer sowie groß angelegte Infrastrukturkorridore schaffen neue Impulse für Unternehmen und Beschäftigung. Der jüngste Schritt in dieser Modernisierungsagenda ist von historischer Bedeutung: das neu abgeschlossene Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien.
Freier Handel als geopolitisches Signal
Das Abkommen, das Analysten bereits als Meilenstein für den weltweiten Handel bezeichnen, schafft eine der größten Freihandelszonen der Welt mit nahezu zwei Milliarden Menschen. Es sieht schrittweise Zollsenkungen auf zahlreiche Industriegüter und Dienstleistungen vor – besonders relevant für Autos, Maschinen, Chemikalien und Pharmazeutika. Für die EU bedeutet das Abkommen die Chance, ihre Exporte nach Indien deutlich zu erhöhen, während Indien im Gegenzug verbesserte Marktzugänge, Technologietransfer und steigende Investitionszuflüsse erwarten kann. Geopolitisch stärkt das Abkommen die Partnerschaft zwischen Europa und Indien in einem Umfeld wachsender Spannungen zwischen den globalen Wirtschaftszentren USA und China. Es sendet ein deutliches Signal: Beide Seiten setzen auf Kooperation statt Konfrontation und auf offene Märkte als Motor nachhaltigen Wachstums.
Wachstum trifft Kapitalmarktoptimismus
An den Aktienmärkten spiegelt sich Indiens Aufbruchsstimmung derzeit nur teilweise wider. Der Leitindex Nifty 50 markierte im Januar 2026 zwar ein neues Allzeithoch in Lokalwährung, getragen von starken Unternehmensgewinnen und anhaltenden Mittelzuflüssen lokaler Anleger. Für Anleger aus Europa ist der aktuelle Indexstand allerdings identisch wie zu Jahresbeginn 2024 aufgrund einer schwachen indischen Währung, während sich andere Emerging Markets Länder wie z. B. Südkorea und Taiwan deutlich besser entwickelten. Mittel- bis langfristig bleibt Indien aber einer der attraktivsten Emerging Markets. Das BIP Wachstum liegt deutlich über dem Schwellenländer-Durchschnitt, getragen von Investitionen, Digitalisierung und Konsum. Zwar sind die Bewertungen in vielen Bereichen sehr ambitioniert, die fundamentale Dynamik ist dennoch beeindruckend.
Konsum, Banken, Industrie und Pharma auf Wachstumskurs
Aussichtsreich zeigt sich derzeit der Konsumsektor. Neue Steuervereinfachungen haben die Nachfrage spürbar belebt. Davon profitieren Einzelhändler ebenso wie Fahrzeughersteller und Shoppingcenterbetreiber. Die Konsumausgaben der wachsenden Mittelschicht spiegeln Indiens Demografie wider: Mehr als 60 % der Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt. Der urbane Lebensstil und die Digitalisierung treiben neue Kaufgewohnheiten. Neben dem Konsumsektor profitiert Indiens Finanzsektor von robustem Kreditwachstum, steigender Konsumfinanzierung und einer sehr geringen Quote notleidender Kredite. Die Bewertungen im Bankensektor sind im historischen Vergleich attraktiv und ausgewählte Institute bieten überdurchschnittliche Gewinnchancen.
Der Infrastruktursektor zählt zu den größten Gewinnern der staatlichen Investitionsoffensive: Neue Schnellstraßen, Häfen, Stromtrassen und Industriekorridore sollen bis 2030 zusätzliche Wachstumsimpulse schaffen. Der Industriesektor wiederum zieht international verstärkt Fertigungskapazitäten an. Indien positioniert sich hier geschickt als stabiler, demokratischer Produktionsstandort mit wachsen dem Binnenmarkt. Auch der Pharmasektor präsentiert sich stark. Wachsender Inlandsbedarf und gute Exportaussichten für Generika und Spezialpräparate machen die Branche für Investoren interessant. Mittelfristig könnte das Freihandelsabkommen zusätzlichen Rückenwind bringen, da Zölle auf europäische Arzneimittel und indische Pharmaexporte schrittweise sinken sollen.
Risiken und Fazit
Trotz des positiven Umfelds ist in Indien bei der Aktienauswahl ein selektives Vorgehen wichtig. Indien bleibt ein Markt mit hohen Erwartungen – politische Stabilität, Bewertungen und geopolitische Lage müssen allerdings im Auge behalten werden. Das politische Risiko rund um eine mögliche Nachfolge von Premier Modi ist nicht zu unter schätzen. Auch die Fähigkeit, jährlich Millionen neuer Arbeitsplätze für junge Menschen zu schaffen, bleibt für die soziale und wirtschaftliche Balance zentral. Indien steht an einem historischen Wendepunkt. Die Kombination aus wirtschaftlichem Aufschwung, strukturellen Reformen und einem strategisch bedeutsamen Freihandelsabkommen mit der EU eröffnet dem Land neue Chancen – wirtschaftlich wie geopolitisch. Für Investoren bedeutet das: Wer langfristig denkt und selektiv vorgeht, findet in Indien weiterhin einen der aussichtsreichsten Märkte der kommen den Dekade.
Ein Beitrag von Jürgen Maier, Fondsmanager im Team „Aktien, Emerging Markets“, Raiffeisen Capital Management (Raiffeisen Kapitalanlagen-Gesellschaft m.b.h.)

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