„Der große KI-Schub kommt erst noch“
07.10.2026

Felix Herrmann - Foto: Copyright ARAMEA AM
Warum auch immer sich die CEOs der führenden KI-Unternehmen für eine Geschwindigkeitsdrosselung bei der Weiterentwicklung der KI-Modelle ausgesprochen haben: Eine Entschleunigung würde aus Sicht von Felix Herrmann, Chefvolkswirt bei Aramea Asset Management, den KI-Trend keineswegs abwürgen, wie er in seinem Ausblick auf das 4. Quartal betont.
„Einerseits wird der Ausbau der KI-Infrastruktur auch bei einem langsameren Fortschritt weitergehen, da die meiste Rechenleistung mittlerweile für die Inferenz, also die Nutzung der Modelle und nicht für das Training, verwendet wird“, betont Herrmann. Außerdem werde das Tempo der KI-Weiterentwicklung von Angebotsknappheiten – Grundstücke für Rechenzentren, Computerchips, Energie, Regulierung – bestimmt und weniger durch die Nachfrage der KI-Labore.
Konjunktur: KI bleibt wichtigster Wachstumstreiber
Für ihn bleibt KI der wichtigste Wachstumstreiber. „Erstens planen die großen Hyperscaler auch im kommenden Jahr nochmals höhere Investitionen. Zweitens werden Modelle leistungsfähiger, während die Kosten pro Recheneinheit und Token weiter sinken. Und drittens steht die breite Diffusion in die Unternehmen erst am Anfang. Heute wird KI häufig für einzelne Aufgaben eingesetzt; der größere Produktivitätsschub dürfte kommen, wenn komplette Prozesse neu aufgesetzt werden.“ Damit könnte KI das Potenzialwachstum spürbar erhöhen. Europa sei sicherlich später dran als die USA, habe aber gerade in Industrie, Automatisierung und Engineering gute Karten, von der zweiten Welle der KI-Nutzung zu profitieren.
Geldpolitisch sei damit zu rechnen, dass es sich in der Eurozone und den USA nicht um einen neuen länger andauernden Anhebungszyklus handelt. Geben die Energiepreise aufgrund einer Beruhigung im Nahen Osten zeitnah nach, ergibt sich nach Meinung von Herrmann sogar Raum für Zinssenkungen.
Renten: Credit over Duration
Dem Rentenmarkt stehen aus Sicht von Herrmann nach dem Auslaufen des aktuellen Zinsanstiegs positive Zeiten bevor – zumal Anleihen von sicheren Häfen in den Portfolios aktuell stark unterrepräsentiert seien. „An der relativen Attraktivität von Spread-Produkten ändert das allerdings wenig“, betont er. Die Aussichten auf ein weiterhin robustes und in Europa sogar anziehendes Gewinnwachstum der Unternehmen dürften dafür sorgen, dass die Spreads eng blieben und Spread-Produkte jedweder Form somit einen besseren Ertrag liefern als Staatsanleihen. „Wir bleiben bei der Devise: Credit over Duration.“
Aktien: Gut aufgestellte Rally dank „AI Adopters“
Am Aktienmarkt ist für Herrmann der wichtigste Treiber im positiven Sinne der KI-Boom. „Sich gegen diesen Megatrend zu stellen, scheint weiterhin keine gute Idee zu sein.“ Nun springe langsam, aber sicher auch das Gewinnwachstum jener Unternehmen an, die zu den „AI Adopters“ und eben nicht zur KI-Wertschöpfungskette zählen. Dadurch werde eine neue Welle der Euphorie am Markt erzeugt, die den Vorteil mit sich bringe, dass die Rally auf breitere Füße gestellt werde. In Europa haben sich die Vorzeichen für die Aktienmärkte Herrmann zufolge derweil deutlich aufgehellt. „Nach rund zwei Jahren weitgehend stagnierender Unternehmensgewinne ziehen die Erwartungen nun deutlich an.“ Die Verbesserung ziehe sich breiter durch Banken, Industrie, Infrastruktur, Energie und weitere zyklische Sektoren.

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