Kaufkraftverlust: Wenn Inflation den Spielraum für Vorsorge schrumpfen lässt
07.10.2026

Inflation trifft die Sparfähigkeit privater Haushalte. Liquidität bleibt dennoch unverzichtbar. © Ronny Wagner
Inflation entwertet nicht nur Ersparnisse. Steigende Grundausgaben können auch dazu führen, dass für den Vermögensaufbau kaum noch Geld übrig bleibt. Eine BIFID-Studie beziffert den rechnerischen Kaufkraftverlust im Euroraum seit 1996 auf rund 44 Prozent. Im Interview erklärt Mitautor und Finanzanalyst Ronny Wagner, was das für private Haushalte bedeutet, warum Liquidität trotz möglicher realer Verluste unverzichtbar bleibt und welche Rolle Gold in einer robusten Vermögensstruktur übernehmen kann.
1. Kaufkraftverlust im Alltag: Der Euroraum hat seit 1996 rechnerisch 44 Prozent Kaufkraft verloren. Was bedeutet das ganz konkret für einen Durchschnittshaushalt, und warum spüren viele Menschen diesen Verlust erst so spät?
Ganz konkret bedeutet ein Kaufkraftverlust von 44 Prozent: Von 100 Euro Kaufkraft des Jahres 1996 sind heute nur noch rund 56 Euro übrig. Gleichzeitig ist das Preisniveau im Euroraum seit 1996 um rund 79 Prozent gestiegen. Ein Warenkorb, der damals rechnerisch 100 Euro gekostet hätte, kostet heute also etwa 179 Euro. Das ist kein Widerspruch: Steigen die Preise von 100 auf 179 Euro, verbleiben umgekehrt nur noch rund 56 Prozent der ursprünglichen Kaufkraft.
Für einen Durchschnittshaushalt wird das bei Lebensmitteln, Energie, Wohnen, Mobilität oder Versicherungen konkret. Gerade diese Grundausgaben lassen sich nur begrenzt reduzieren. Und hier zeigt unsere Studie einen wichtigen Effekt, der für die private Vorsorge entscheidend ist: Inflation vernichtet nicht nur Kaufkraft, sondern auch Sparfähigkeit. In unserer Modellrechnung führt eine Inflation von fünf Prozent bei einem Haushalt mit 2.000 Euro Nettoeinkommen dazu, dass der monatliche Sparbetrag von 100 Euro auf nur noch 5 Euro fällt – die Sparfähigkeit bricht also um 95 Prozent ein. Bei 4.000 Euro Einkommen sinkt sie im Beispiel immerhin noch um 20 Prozent.
Das ist für mich einer der unterschätzten Effekte von Inflation: Ab einer bestimmten Belastung wird Altersvorsorge nicht nur real entwertet, sie findet irgendwann schlicht nicht mehr statt, weil steigende Grundkosten den investierbaren Überschuss auffressen.
Viele Menschen bemerken diesen Prozess erst spät, weil Inflation schleichend und kumulativ wirkt. Zwei oder drei Prozent in einem Jahr erscheinen harmlos. Über Jahrzehnte sind sie es nicht. Gleichzeitig steigen Einkommen und Kontostände nominal. Das erzeugt schnell die Illusion steigenden Wohlstands. Entscheidend ist aber nicht, wie viele Euro ich besitze, sondern was ich mir dafür kaufen kann – und wie viel davon mir überhaupt noch zum Sparen bleibt.
2. Sparen auf dem Konto: Die Deutschen gelten als Volk der Sparer mit viel Geld auf Giro- und Tagesgeldkonten. Ist klassisches Sparen angesichts negativer Realzinsen über lange Phasen ein Verlustgeschäft, und welche Rolle sollte Liquidität trotzdem im Vermögen spielen?
Ja – über lange Zeiträume kann klassisches Sparen auf Giro-, Tagesgeld- oder niedrig verzinsten Konten real ein Verlustgeschäft sein. Entscheidend ist nicht der Nominalzins, sondern der Realzins. Liegt die Inflation über dem Zinsertrag, steigt vielleicht der Kontostand, aber die Kaufkraft sinkt.
Trotzdem halte ich Liquidität für unverzichtbar. Und hier kommt ein Prinzip ins Spiel, das ich die „Rendite der Ineffizienz“ nenne.
Wir leben in einer Welt, in der nahezu alles optimiert wird: Unternehmen optimieren Lagerbestände, Staaten ihre Finanzierung, Banken ihre Bilanzen und Anleger ihre Portfolios. Möglichst wenig unproduktives Kapital, möglichst hohe Auslastung, möglichst hohe Rendite. Auch in der Vermögensanlage gilt Cash schnell als störend, weil es die durchschnittliche Rendite eines Portfolios reduziert.
Das funktioniert hervorragend – solange die Welt so funktioniert wie erwartet. Das Problem beginnt beim Unerwarteten. Je stärker ein System auf Effizienz optimiert ist, desto weniger Reserven besitzt es für Abweichungen. Ein Schwarzer Schwan interessiert sich nicht für die Optimierungsrechnung.
Genau darin liegt die Rendite der Ineffizienz. Liquidität, freie Kreditlinien, Gold oder bewusst vorgehaltene Reserven können in normalen Zeiten ineffizient erscheinen. Sie kosten möglicherweise Rendite. Aber sie kaufen etwas, das in klassischen Renditeberechnungen kaum auftaucht: Optionalität und Handlungsfähigkeit.
Wenn andere in einer Krise verkaufen müssen, muss ich nicht verkaufen. Wenn Vermögenswerte plötzlich günstig werden, kann ich kaufen. Die eigentliche Rendite dieser Reserve entsteht also nicht jeden Monat, sondern möglicherweise nur einmal in zehn Jahren. Dann kann sie jedoch entscheidender sein als die letzten Zehntelprozent Rendite eines vollständig optimierten Portfolios.
Deshalb ist für mich Liquidität kein Renditebaustein, sondern ein Optionalitätsbaustein. Also die Frage: „Wie stelle ich sicher, dass ich auch dann noch handlungsfähig bin, wenn die Modelle über die Zukunft nicht mehr funktionieren?“
3. Rolle von Gold: Gold hat sich in Deutschland seit 1996 besser entwickelt als der DAX, in den USA lag dagegen der Aktienmarkt vorn. Welche Funktion sollte Gold in einem Vermögen heute übernehmen, und wo liegen seine Grenzen, gerade weil es keine Zinsen oder Dividenden abwirft?
Für mich ist Gold kein Renditebaustein, sondern zunächst ein Stabilitäts- und Versicherungsbaustein. Genau deshalb halte ich die Frage, ob Gold besser als der DAX oder der amerikanische Aktienmarkt abschneidet, für zweitrangig. Unsere Studie zeigt sogar, wie stark solche Ergebnisse vom betrachteten Zeitraum, der Region und den gewählten Annahmen abhängen.
Gold hat eine Eigenschaft, die Aktien, Anleihen oder Bankguthaben nicht besitzen: Physisches Gold ist keine Forderung gegen einen Dritten. Es gibt keinen Emittenten, der mir Zinsen, Dividenden oder eine Rückzahlung verspricht. Genau das ist seine Stärke. Gold steht außerhalb der klassischen Forderungsketten des Finanzsystems.
Dass Gold keine Zinsen oder Dividenden zahlt, wird häufig als Schwäche bezeichnet. Das stimmt – aber nur, wenn ich Gold mit einem produktiven Investment verwechsle. Eine Feuerversicherung zahlt mir schließlich auch keine Dividende. Ihre Funktion besteht darin, Risiken abzudecken, deren Eintritt ich weder exakt vorhersagen noch terminieren kann.
Die Grenzen von Gold sind trotzdem klar: Es erzeugt keinen Cashflow, kann über Jahre deutlich schwanken oder auch hinter anderen Anlageklassen zurückbleiben und verursacht Kosten für Kauf, Verkauf und sichere Verwahrung. Gold ersetzt deshalb weder Beteiligungen an produktiven Unternehmen noch Liquidität.
Ich sehe Gold deshalb als Fundament eines Vermögens, nicht als das gesamte Gebäude. Seine Aufgabe besteht nicht darin, jedes Jahr die höchste Rendite zu erzielen. Es soll Kaufkraft sichern, diversifizieren und insbesondere gegenüber Risiken robust machen, die in klassischen Portfoliomodellen gerne unterschätzt werden: Währungs-, Banken-, Schulden-, Politik- und Vertrauenskrisen. Die Frage lautet, die sich jeder Anleger stellen sollte: Welche Risiken trage ich, wenn ich kein Gold besitze?
4. Stabilität des Finanzsystems: Die Studie nennt nicht tragfähige Verschuldung und Vertrauensverluste als zentrale Risiken. Wie nah sind wir angesichts hoher Staatsschulden in Europa und den USA an solchen Belastungsgrenzen, und woran würde man erkennen, dass das Vertrauen ins Geldsystem kippt?
Ich würde nicht behaupten, dass wir unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems stehen. Aber wir bewegen uns in eine Richtung, in der die Fehlertoleranz des Systems kleiner wird. Entscheidend ist nicht allein die absolute Höhe der Schulden, sondern das Verhältnis von Verschuldung, Zinskosten, Wachstum und Vertrauen.
Hier ist der amerikanische Ökonom Hyman Minsky besonders interessant. Minsky, der von 1919 bis 1996 lebte, beschäftigte sich intensiv mit Finanzkrisen und der Frage, warum scheinbar stabile Finanzsysteme irgendwann instabil werden. Seine zentrale These lässt sich auf einen bemerkenswerten Satz reduzieren: Stabilität erzeugt Instabilität.
Je länger ein Finanzsystem scheinbar problemlos funktioniert, desto größer wird die Risikobereitschaft. Schulden steigen, Sicherheitsmargen sinken und Marktteilnehmer beginnen, die Stabilität der Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Minsky unterschied dabei zwischen Hedge-, spekulativer und Ponzi-Finanzierung. In der letzten Phase reichen die laufenden Einnahmen nicht mehr aus, um Zins und Tilgung vollständig zu bedienen. Das System funktioniert zunehmend nur noch, solange bestehende Schulden refinanziert werden können.
Genau deshalb halte ich die Refinanzierungsfähigkeit für wichtiger als irgendeine magische Schuldenquote. Ein Staat kann sehr lange mit hohen Schulden leben, solange Anleger bereit sind, diese zu finanzieren. Kritisch wird es, wenn Zweifel höhere Zinsen erzeugen, höhere Zinsen die Tragfähigkeit verschlechtern und dadurch wiederum die Zweifel wachsen. Dann entsteht eine selbstverstärkende Rückkopplung – das, was später als Minsky-Moment bezeichnet wurde.
Ein Vertrauensverlust würde sich deshalb wahrscheinlich zuerst an den Rändern zeigen: steigende Risikoprämien, höhere langfristige Zinsen trotz schwachen Wachstums, zunehmende Refinanzierungsprobleme, Kapitalbewegungen und eine steigende Nachfrage nach Vermögenswerten außerhalb des klassischen Forderungssystems.
Das Entscheidende ist: Vertrauen verschwindet nicht linear. Ein System kann jahrelang stabil aussehen und innerhalb kurzer Zeit kippen. Deshalb halte ich es für falsch, den Zeitpunkt vorherzusagen. Entscheidend ist, das eigene Vermögen so robust aufzustellen, dass man weder den Minsky-Moment noch den Schwarzen Schwan exakt vorhersagen muss.
5.Reformen statt Goldstandard: Sie empfehlen keine Rückkehr zu einer starren Goldbindung, fordern aber „mehrschichtige Stabilität“. Was müssten Politik und Zentralbanken konkret ändern, damit Bürger langfristig wieder mehr Vertrauen in den Werterhalt ihres Geldes haben können?
Ich halte eine Rückkehr zu einem starren Goldstandard weder für realistisch noch für sinnvoll. Ein modernes Finanzsystem braucht Elastizität: Zentralbanken müssen in Krisen Liquidität bereitstellen und als „Lender of Last Resort“ funktionieren können. Das Problem beginnt dort, wo aus dieser Flexibilität Beliebigkeit wird.
Mit „mehrschichtiger Stabilität“ meinen wir deshalb, dass Vertrauen nicht an einem einzigen Anker hängen darf. Es braucht mehrere Begrenzungsmechanismen gleichzeitig: eine glaubwürdige Geldpolitik, tragfähige Staatsfinanzen, robuste Banken, funktionierende Zahlungsinfrastrukturen und Reservewerte, die nicht wiederum die Verbindlichkeit eines anderen Schuldners darstellen.
Für Politik und Zentralbanken bedeutet das vor allem: wieder glaubwürdige Grenzen akzeptieren. Staaten können Verschuldung nicht dauerhaft schneller wachsen lassen als ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit und gleichzeitig erwarten, dass Zentralbanken jedes Problem über ihre Bilanz auffangen. Und Zentralbanken sollten Preisstabilität nicht nur an kurzfristigen Inflationsraten messen, sondern stärker darauf achten, was langfristig mit Kaufkraft, Kreditzyklen und Vermögenspreisen geschieht.
Gold kann dabei eine ergänzende Rolle spielen – nicht als starre Deckung jeder Banknote, sondern als Vertrauens- und Reserveanker ohne Emittentenrisiko. Gerade deshalb halten Zentralbanken auch im Fiatgeldsystem weiterhin Gold.
Am Ende ist Vertrauen in Geld ein Versprechen über die Zukunft. Und dieses Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Es entsteht durch glaubwürdige Selbstbegrenzung. Ein stabiles Geldsystem braucht deshalb nicht zwingend weniger Flexibilität – aber deutlich mehr Regeln, Verantwortlichkeit und Grenzen.
Über Ronny Wagner: Ronny Wagner ist Finanzanalyst (CEFA), Autor und Unternehmer mit langjähriger Kapitalmarkterfahrung. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Noble Metal Factory sowie Gründer der Schule des Geldes. Als Mitautor einer BIFID-Studie beschäftigt er sich insbesondere mit Inflation, Kaufkraft, Vermögensschutz, finanzieller Bildung und der Rolle von Edelmetallen in der Vermögensstruktur.

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