ESG wird zum Underwriting-Faktor
12.05.2026

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Wer über Nachhaltigkeit nur als Regulierungs- oder Reputationsthema spricht, unterschätzt ihre Wirkung auf den Versicherungsschutz. Physische Klimarisiken, Kapitalmarktanforderungen und neue Offenlegungspflichtenverändern die Risikoprofile von Unternehmen - und damit die Logik, nach der Risikoträgerzeichnen, Kapazitäten stellen und Bedingungen verhandeln.
Das zeigt die neue Studie „Versicherungsfähigkeit in Zeiten von Nachhaltigkeitstransformation und CSRD aufrechterhalten", die das International Performance Research Institute (IPRI) im Auftrag der Funk Stiftung durchgeführt hat. Der Gesamtverband der versicherungsnehmenden Wirtschaft e.V. (GVNW), insbesondere dessen ESG-Arbeitskreis, hat das Projekt als Mitinitiator unterstützt. Die Studienreihe verbindet Interviews mit Risikoträgern und Versicherungsnehmern, eine Online-Befragung von Unternehmensvertretern sowie Text- und Kennzahlenanalysen von Nachhaltigkeitsberichten.
Der Kernbefund der Studie sagt: Entscheidend ist künftig nicht allein die aktuelle Exponierung eines Unternehmens, sondern auch, ob Risiken nachvollziehbar gesteuert, Präventionsmaßnahmen belegt und Transformationspfade plausibel dokumentiert werden. Nachhaltigkeit rückt damit unmittelbar in die Sphäre der Versicherungswirtschaft: Sie beeinflusst, ob Risiken versicherbar bleiben, mit welcher Kapazität, zu welchen Bedingungen und zu welchem Preis.
Besonders deutlich wird der Handlungsdruck bei den Versicherungsnehmern. In der Befragung sehen sich 75 Prozent der teilnehmenden Unternehmen besonders stark von Nachhaltigkeitsrisiken betroffen; 82 Prozent integrieren ESG-Risiken bereits systematisch in ihre Risikosteuerung. Zwar halten bislang nur 18 Prozent die ESG-Performance aktuell für einen wesentlichen Faktor der Versicherungsfähigkeit, für die Zukunft erwarten dies jedoch 64 Prozent. Die Studie macht damit eine Lücke sichtbar, die für Unternehmen wie für den Versicherungsmarkt entscheidend wird: Die Relevanz wird erkannt, die Prozesse sind aber noch nicht flächendeckend darauf eingestellt.
Für Risikoträger entsteht dadurch ein Zielkonflikt. Einerseits werden Naturgefahren- und Transformationsrisiken detaillierter modelliert, Zeichnungsrahmen angepasst und sensible Branchen intensiver geprüft. Andererseits werden Nachhaltigkeitsberichte bisher nur selektiv und selten prozessfest genutzt. CSRD und ESRS erhöhen zwar die Substanz der Berichte; in der Auswertung der DAX- und MDAX-Berichte steigen die berichteten ESRS-nahen Kennzahlen im ersten CSRD-Berichtsjahr deutlich. Doch der Rohstoff Daten wird im Underwriting oft noch nicht zu entscheidungsfähiger Risikoinformation.

„Prävention und digitale Angebote werden immer wichtiger“







