ESG wird zum Underwriting-Faktor
12.05.2026

Foto: © Deemerwha studio - stock.adobe.com
„Die CSRD ist für Unternehmen kein reines Reporting-Projekt. Sie kann zum Enabler für effiziente und kostengünstige Versicherbarkeit werden, aber nur, wenn ESG-Daten in die Sprache des Underwritings übersetzt werden", sagt Dr. Alexander Skorna, Projektverantwortlicher bei der Funk Stiftung.
Aus Sicht der Studie liegt genau hier die zentrale Aufgabe für Makler, Inhouse Broker und Berater. Ihre Rolle verschiebt sich vom reinen Platzierungs- und Deckungsmanagement hin zur Übersetzung zwischen Nachhaltigkeitsdaten und Risikoprüfung entlang folgender Leitfragen: Welche Informationen sind für welche Sparte entscheidungsrelevant? Welche Präventionsmaßnahmen senken tatsächlich Schadenpotenziale? Welche Zertifikate, Audits oder Ratings schaffen Vertrauen? Und wie lässt sich ein Transformationspfad so darstellen, dass er Restriktionen, Ausschlüsse oder Kapazitätsengpässe abfedern kann?
Gleichzeitig warnt die Studie vor einer Fragmentierungsfalle. Unterschiedliche regulatorische Vorgaben, heterogene ESG-Abfragen der Versicherer und uneinheitliche Underwriting-Praxis erhöhen den Prüf-, Abstimmungs- und Nachweisaufwand auf beiden Seiten. Wenn Einzelfallprüfungen zu teuer und schwer skalierbar werden, steigt der Druck zu pauschalen Ausschlüssen oder restriktiven Standardentscheidungen - selbst dort, wo differenziertere Lösungen risikotechnisch möglich wären. Besonders mittelständische Unternehmen können dadurch unter Druck geraten, weil kleinere Prämienvolumina und begrenzte Ressourcenindividuelle Prüfungen und Ausnahmen erschweren.
„Für den Mittelstand entscheidet sich Versicherungsfähigkeit künftig nicht nur am Risikoprofil, sondern auch an der Fähigkeit, relevante Informationen schnell und underwriting-fähig bereitzustellen", sagt Sebastian Künkele, Studienleiter des IPRI. „Wo Einzelfallprüfungen zu teuer werden, steigt der Druck zu pauschalen Restriktionen. Genau deshalb brauchen mittelständische Unternehmen schlanke Evidenz, klare Präventionsnachweise und einen professionellen Versicherungsdialog."
Die Studie leitet daraus vier Handlungsstrategien für Unternehmen ab: "Turnaround" für sensitive Branchen mit akutem Handlungsbedarf, "Proof" für Unternehmen, die ihren hohen ESG-Reifegrad mit belastbaren Nachweisen untermauern müssen, "Lean" als schlanker Evidenzstandard für weniger betroffene Unternehmen und "Leadership" für Vorreiter, die ESG aktiv als Hebel für bessere Konditionen, zusätzliche Kapazitäten oder innovative Deckungskonzepte nutzen wollen.
Für Versicherer eröffnet sich damit ebenfalls ein strategischer Gestaltungsraum. Wenn Erwartungen, Bewertungsmaßstäbe und Datenanforderungen klarer kommuniziert werden, können Transaktionskosten gesenkt und differenzierte Zeichnungsentscheidungen skalierbar umgesetzt werden. Beispiele aus der Studie wie etwa Präventionsgutschriften für Resilienzmaßnahmen oder sustainability-linked Insurance-Produktansätze zeigen, wie Risikoträger Transformation nicht nur prüfen, sondern als Partner die grüne Transformation ihrer Kunden mitfinanzieren und incentivieren können.
Versicherungsfähigkeit wird im ESG-Kontext nicht automatisch eingeschränkt, sie wird anspruchsvoller in der Herleitung und Nachweisführung. Unternehmen, die Risiken transparent machen, Prävention nachweisbar belegen und ihre Transformation underwriting-fähig erklären, können Restriktionen abfedern und ihre Position im Wettbewerb um Kapazitäten, Konditionen und passende Versicherungslösungen stärken. (mho)

„Prävention und digitale Angebote werden immer wichtiger“







