„Größe wird zum entscheidenden Faktor“
12.02.2026

Dr. Jürg Schiltknecht. Foto: © Helvetia Baloise
Mit der Fusion von Helvetia und Baloise ist ein neuer europäischer Top-10-Versicherer entstanden. Dr. Jürg Schiltknecht, CEO Deutschland der Helvetia Baloise Gruppe, erläutert im Interview die strategischen Beweggründe des Zusammenschlusses, die Auswirkungen auf Standorte und Mitarbeitende sowie die ehrgeizigen Wachstumsziele im deutschen Markt – und erklärt, was sich für Makler und Vertriebspartner konkret ändert.
finanzwelt: Im April 2025 hat Helvetia mit Baloise eine Fusion unter Gleichen angekündigt, im Dezember wurde der Zusammenschluss zur Helvetia Baloise Holding AG rechtlich vollzogen. Welche Strategie steckt dahinter, wie ergänzen Sie sich?
Dr. Jürg Schiltknecht: Die Fusion ist eine riesige Chance für uns. Aus zwei mittelgroßen Versicherern ist nun eine Großversicherung entstanden, die zu den Top 10 in Europa zählt. Diese Größe wird aus strategischer Sicht in Zukunft von entscheidender Bedeutung sein, wenn man sich die verschiedensten Einflüsse im Marktumfeld anschaut. Regulatorik, IT-Systeme, Digitalisierung, künstliche Intelligenz - das Investitionsvolumen, welches man einbringen muss, wird enorm sein.
finanzwelt: Wie sehen Ihre Pläne zum Stellenabbau aus? Wie stark und in welchen Bereichen werden deutsche Standorte betroffen sein?
Schiltknecht: Wir haben entschieden, die Hauptverwaltung von Helvetia Deutschland wird in Bad Homburg sein Das bedeutet, dass wir den Standort Frankfurt schließen werden. Alle Mitarbeitenden von dort werden im Laufe der kommenden Monate mit ihrem Arbeitsplatz nach Bad Homburg ziehen. In Sachen Stellenabbau profitieren wir von unserer Demografie. Wir haben ein Freiwilligenprogramm aufgesetzt, das sehr gut angenommen wird. Wir denken, dass dieses Programm ausreichen wird, um die nötigen Synergien im Personalbereich zu realisieren.
finanzwelt: Durch die Fusion ist die zweitgrößte Versicherungsgruppe in der Schweiz mit einem gemeinsamen Marktanteil von rund 20 Prozent entstanden. Welche Rolle spielen Sie auf dem deutschen Markt? Welche Synergien ergeben sich hierzulande? Welche Ziele haben Sie sich in Deutschland gesetzt?
Schiltknecht: Auch für Deutschland gilt, dass wir deutlich an Relevanz gewinnen werden. Wir verdoppeln unseren Marktanteil und werden eine Top 10 Maklerversicherung sein. Wir sind also in einer anderen, besseren Position als vor der Zusammenführung. Was Synergien angeht, ist natürlich positiv, dass wir in etwa in denselben Sparten und auch in ähnlichen Vertriebskanälen unterwegs sind. Das heißt, wir haben jetzt eine stärkere Position in den Bereichen, wo wir ohnehin schon Stärken hatten.
Unser Ziel für 2026 ist ganz klar, dass wir trotz der laufenden Integration weiter am Markt stattfinden. Wir wollen profitables Wachstum erwirtschaften und weiterhin stabile digitale Prozesse haben. Wir dürfen den Fokus nicht verlieren und uns zu viel mit uns selbst und der Integration beschäftigen. Unsere Erneuerungsrunde ist gut gelaufen, sodass wir positiv ins neue Jahr gestartet sind.
Besonders wichtig ist uns intern natürlich auch die kulturelle Zusammenführung. Wir wollen, dass unsere Mitarbeitenden sich schnellstmöglich als Einheit wahrnehmen und sich auf Augenhöhe begegnen.
finanzwelt: Wie ergänzen sich Helvetia und Baloise im Vertrieb? Was wird sich durch die Fusion konkret für die Makler ändern? Welche neue gemeinsame Vertriebsstrategie verfolgen Sie?
Schiltknecht: Wir sind im Vertrieb sehr ähnlich aufgestellt und wollen, dass die Zusammenführung für unsere Vertriebspartnerinnen und Vertriebspartner so reibungslos wie möglich verläuft. Im Maklervertrieb haben wir Tandems gebildet, die jetzt im 1. Quartal gegenseitig die Maklerinnen und Makler besuchen und vor Ort Klarheit in Hinblick auf die Zuständigkeiten schaffen sollen.
Im Exklusivvertrieb setzen wir für 2026 auf Stabilität. Es wird sich durch die Harmonisierung der Produktlandschaft und die Umstellung der IT-Systeme genug verändern, sodass wir in der Betreuung vorerst keine Veränderungen geplant haben.
Zu unserer Vertriebsstrategie lässt sich sagen, dass wir sowohl auf Makler als auch auf die Ausschließlichkeit setzen. Wir haben durch den Zusammenschluss über 700 Vertriebspartnerinnen und Vertriebspartner in der Ausschließlichkeit und wollen diesen Kanal perspektivisch weiter ausbauen. Denn für uns ist der Exklusivvertrieb neben dem Maklerkanal sehr attraktiv.
finanzwelt: Was sind die nächsten Schritte auf dem deutschen Markt, wie sieht Ihr Zeitplan aus (Integration, neue Produkte, neuer Markenauftritt, etc.)?
Schiltknecht: Zum 1. Mai starten wir im Maklervertrieb mit unserem harmonisierten Produktportfolio – sowohl in Leben als auch in Nichtleben. Zum 1. Juli bietet dann auch die Ausschließlichkeit unsere gemeinsame Produktpalette an.
Parallel laufen die Zusammenführungen unserer IT-Systeme. Das betrifft unsere Bestandssysteme für Leben und Nichtleben, unsere SAP-Systeme und auch das Assetmanagement. Für diese große Aufgabe werden wir aber einige Jahre benötigen.
Unsere neue Marke haben wir am 5.2. vorgestellt. Es handelt sich um eine Kombination aus beiden Welten. Wir nennen uns künftig Helvetia, das Design übernehmen wir weitestgehend von Baloise. Das neue Logo ergibt sich aus dem Basilisken von Baloise als Symbol für Schutz und Wachsamkeit und dem Namen Helvetia.
Diese kombinierte Lösung aus Wort- und Bildmarke lag auf der Hand, da der Name Helvetia sowohl in Deutschland aber auch in Europa sehr gut verankert ist. Das Design von Baloise hingegen ist noch sehr neu und wurde vielfach als besonders modern, bunt und innovativ gelobt und prämiert.
finanzwelt: Werden sich Ihrer Meinung nach die Konzentrationsprozesse in der Branche weiter fortsetzen?
Schiltknecht: Ich kann mir gut vorstellen, dass es weitere Zusammenschlüsse in der Versicherungsbranche geben wird. Der Druck auf die Gesellschaften in Sachen Investitionsvolumen ist sehr hoch. Man muss riesige Beträge in die Hand nehmen, um mit dem technologischen Fortschritt mithalten zu können und der Regulatorik gerecht zu werden. Zudem sinken die Margen und die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ist auch nicht besonders positiv. Bei all diesen Druckpunkten kann einem als Versicherungsgesellschaft eine entsprechende Größe des Unternehmens doch helfen. (fw)

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