"Keine Folienschlachten im Fachchinesisch und keine Hochglanzbroschüren mit Worthülsen"

04.01.2022

Wolfgang Juds - Foto: © CREDO Vermögensmanagement GmbH

Nachhaltigkeit ist das Thema des 21. Jahrhunderts. Und die Anbieter  überbieten sich mit entsprechenden Produkten. Was gilt es zu beachten? Zu diesen und weiteren Aspekten sprach finanzwelt zum Jahresstart 2022 mit Wolfgang Juds, Geschäftsführer CREDO Vermögensmanagement GmbH.

finanzwelt: Nachhaltiges Investieren ist en vogue. Wo steht die Branche zur Jahresschwelle 2021 / 2022? Wolfgang Juds: Jeder Anbieter übertrifft sich derzeit mit „grünen“ und nachhaltigen Angeboten. Die Vielfalt ist schlicht kaum mehr zu durchblicken, da jeder andere Kriterien anwendet und unterschiedlichste Verfahren zum Einsatz kommen. Vermutlich wird sich der Trend im nächsten Jahr fortsetzen.

finanzwelt: Die Palette an nachhaltig ausgerichteten Produkten wird immer größer. Was wird im Besonderen nachgefragt? Juds: Bei uns im Haus kann ich keinen ausgeprägten Trend der Anleger nach nachhaltigen Produkten feststellen. Die Rendite und die Vermeidung von Verwahrentgelten stehen im Vordergrund. Fragen nach Werterhalt und Inflationsschutz dominieren die Kundengespräche. Die Nachhaltigkeit betrifft vor allem Stiftungen und wenige Privatanleger. Der Druck kommt vielmehr von der Bankenaufsicht und den Produktanbietern, die immer mehr auf den Markt bringen.

finanzwelt: Stellt die Vielfalt nicht auch eine Gefahr für Investoren respektive Vermittler dar? Juds: Aus meiner Sicht besteht die Gefahr darin, sich in der Vielfalt zu verzetteln und die Übersicht zu verlieren.

finanzwelt: Inwieweit ist das Thema ESG schon heute relevant für die Zukunft des Vermittler-Geschäftsmodells? Juds: Die Vermittler benötigen eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie, um sich entsprechend positionieren zu können. „Neutral“, „hellgrün“ oder „dunkelgrün“ – und die eigene Position am besten konkret zu benennen und zu beschreiben – das hilft dabei, die richtige Auswahl für die Kunden zu finden und sich im Nachhaltigkeitsdschungel zurechtzufinden.

finanzwelt: Dominiert nach Ihrer Meinung das „E“ im ESG-Dreiklang aktuell zu sehr? Juds: Aus meiner Sicht definitiv ja. Damit lässt sich am besten punkten. C02-Fußabdruck, Klimawandel vermeiden etc. – das sind die Schlagworte. Als Unternehmen beginnen wir mit dem, was uns am meisten betrifft – mit dem „G“, mit meiner eigenen Unternehmensführung bei CREDO, meinen gelebten Werten und wie ich „Gouvernance“ verstehe. Dann kommt das „S“ für „social“. Mein Umgang mit den Mitarbeitern. Dazu zählen Themen wie Fortbildung, Förderung der Mitarbeiter, Gesundheit, flexible Arbeitszeiten etc. Am wenigsten kann ich den globalen Klimawandel beeinflussen. Ich fahre mit dem Fahrrad und der Bahn und vermeide unnötigen Papierverbrauch. Das ist aber nur ein kleiner persönlicher Beitrag. Wir beginnen deshalb mit „G“, dann kommt „S“ und zum Schluss das „E“.

finanzwelt: Wo sehen Sie, speziell bei den Anbietern entsprechender nachhaltiger Produkte, noch den größten Nachholbedarf? Juds: Die größte Aufgabe der Anbieter besteht darin, dass was sie tatsächlich in ihren Produkten machen, verständlich mit einfachen Worten zu erklären. Keine Folienschlachten im Fachchinesisch und keine Hochglanzbroschüren mit Worthülsen.

finanzwelt: Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit im Risikomanagement-Prozess der Anbieter? Juds: Hier gilt das Gleiche: Was ist im Risikomanagement-Prozess jetzt anders als vorher? Welche Verbesserung gibt es? Und hilft es dabei, Risiken besser und frühzeitiger zu erkennen als bislang. Ich habe da meine Zweifel, dass das tatsächlich so ist.

finanzwelt: Im März 2021 ist die Offenlegungsverordnung in Kraft getreten. Nun zum Jahresende die EU-Taxonomie. Wie bewerten Sie die regulatorischen Schritte? Sollte diesbzgl. „nachjustiert“ werden? Juds: Positiv ist das Anliegen der Aufsicht, Greenwashing zu verhindern und die Anbieter dazu zu bringen, genau zu beschreiben, wie der Umgang mit Nachhaltigkeit konkret und im Einzelnen aussieht. Allerdings ist die Umsetzung viel zu bürokratisch aufgebaut und hilft den Verbrauchern m. E. wenig, um sich zu orientieren. Es sind zu viele Informationen, die für die Laien schwer nachvollziehbar sind. Für uns als Vermögensverwalter ist es vor allem eine Flut von Papier, die wir unseren Kunden zumuten müssen.

finanzwelt: Wo wird der Markt für nachhaltige Geldanlagen nach Ihrer Meinung in 3-5 Jahren stehen? Juds: Das kann ich schwer beurteilen. Ich hoffe auf mehr Transparenz und einfache Lösungen, glaube aber nicht wirklich daran. Meine Erfahrung lehrt mich, dass die Bürokratie immer weiter zunimmt. Daher versuche ich, die Dinge bei uns so einfach wie möglich zu machen, aber auch nicht einfacher. (ah)