KryptoKlartext Episode 13: Prediction Markets - Wenn Märkte die Zukunft bepreisen
13.07.2025

Philip Fihol und Philipp Sandor / Foto: © Melek - stock.adobe.com
Kann ein Markt die Zukunft besser vorhersagen als Experten, Umfragen oder Wirtschaftsforscher? Noch vor wenigen Jahren hätte diese Frage vermutlich Kopfschütteln ausgelöst. Heute beschäftigen sich Börsenbetreiber, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden genau damit.
Prediction Markets gehören zu den am schnellsten wachsenden Finanzanwendungen weltweit. Für die einen sind sie das größte Casino des Internets. Für die anderen die präziseste Informationsmaschine der Welt. Wir werden zeigen, dass beides richtig ist und für Finanzinstitute konkrete Konsequenzen hat. Denn Prediction Markets verbinden zwei Welten, die bislang wenig miteinander zu tun hatten: Glücksspiel und Finanzmärkte. Millionen Menschen wetten dort auf Wahlausgänge, Zinsschritte oder Inflationszahlen. Gleichzeitig entstehen aus genau diesen Wetten kontinuierlich aktualisierte Wahrscheinlichkeiten, die inzwischen von institutionellen Investoren, Ökonomen und Börsenbetreibern genutzt werden. Genau deshalb ist die entscheidende Frage heute nicht mehr, ob Prediction Markets relevant sind. Sondern welche Rolle sie künftig im Finanzsystem spielen dürfen.
Wenn Märkte Wahrscheinlichkeiten handeln
Das Grundprinzip eines Prediction Markets ist überraschend einfach. Gehandelt werden keine Unternehmen, keine Anleihe und keine Kryptowährung, sondern die Antwort auf eine Ja-oder-Nein-Frage: „Senkt die Europäische Zentralbank im September den Leitzins?“, „Gewinnt Kandidat A die Wahl?“, „Liegt die Inflation im nächsten Monat über 3 %?“. Für jedes Ereignis existiert ein Kontrakt, der bei Eintritt des Ereignisses einen US-Dollar auszahlt und andernfalls wertlos verfällt. Sein Preis bewegt sich deshalb zwischen 0,01 und 0,99 Dollar. Kostet der Kontrakt aktuell 61 Cent, bewertet der Markt die Eintrittswahrscheinlichkeit mit rund 61 %. Wer überzeugt ist, dass diese Einschätzung falsch ist, kann kaufen oder verkaufen. Steigt der Preis später auf 80 Cent, lässt sich die Position mit Gewinn schließen – ganz ohne den tatsächlichen Ausgang des Ereignisses abzuwarten. Der Markt reagiert dabei innerhalb von Sekunden auf neue Informationen und passt seine Preise permanent an.
Mehr als eine Sportwette
Auf den ersten Blick wirken Prediction Markets wie gewöhnliche Sportwetten. Tatsächlich unterscheiden sie sich jedoch in einem entscheidenden Punkt. Bei einer klassischen Wette bestimmt der Buchmacher die Quote und verdient an seiner Marge. Prediction Markets funktionieren dagegen wie ein regulärer Finanzmarkt mit einem zentralen Orderbuch. Käufer und Verkäufer handeln direkt miteinander. Jeder Preis entsteht aus Angebot und Nachfrage. Wer den Markt für falsch bepreist hält, kann dagegen handeln und wird belohnt, wenn er Recht behält.
Zwei Plattformen, zwei Philosophien
Obwohl das Produkt nahezu identisch aussieht, verfolgen die beiden Marktführer völlig unterschiedliche Ansätze.
- Polymarket ist vollständig krypto-nativ. Die Kontrakte existieren als Token auf einer öffentlichen Blockchain und werden in Stablecoins abgewickelt. Nutzer handeln direkt über Wallets, ohne klassische Börseninfrastruktur oder zentrale Verwahrung.
- Kalshi verfolgt den entgegengesetzten Ansatz. Die Plattform ist eine von der US-Derivateaufsicht CFTC regulierte Terminbörse mit eigener Clearingstelle und Abwicklung in US-Dollar. Technologisch erinnert Kalshi deutlich stärker an eine klassische Börse.
Warum Prediction Markets plötzlich ernst genommen werden
Lange galten Prediction Markets als akademisches Experiment. Spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl 2024 hat sich dieses Bild verändert. Während sich viele klassische Umfragen bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Donald Trump und Kamala Harris lieferten, bewertete der Markt am Tag der Wahl die Siegchance für Trump bereits mit rund 56 %. Noch bemerkenswerter waren jedoch die entscheidenden Swing States. Am Wahlmorgen lag Trump auf Polymarket in Georgia bei rund 70 % und in Pennsylvania bei etwa 61 % – beide Einschätzungen erwiesen sich wenige Stunden später als zutreffend. Der eigentliche Mehrwert liegt jedoch woanders. Während Umfragen lediglich periodische Momentaufnahmen liefern, erzeugen Prediction Markets eine kontinuierlich aktualisierte Wahrscheinlichkeitskurve. Jede neue Information wird innerhalb von Sekunden eingepreist. Der entscheidende Vorteil ist daher nicht die Trefferquote einer einzelnen Prognose, sondern der permanente Informationsstrom.
Der eigentliche Wert liegt in der Makroökonomie
Für Finanzinstitute sind allerdings nicht Wahlen der spannendste Markt. Deutlich relevanter sind Kontrakte auf Zinsschritte, Inflationsdaten, Arbeitsmarktzahlen oder das Bruttoinlandsprodukt. Genau diese Ereignisse werden auf Kalshi gehandelt. Ökonomen der Federal Reserve haben untersucht, wie präzise diese Märkte tatsächlich prognostizieren. Das Ergebnis ist bemerkenswert. Am Tag vor den Sitzungen des Offenmarktausschusses traf der von Kalshi implizierte Median im gesamten Untersuchungszeitraum jede einzelne Zinsentscheidung korrekt. Auch bei den Inflationsdaten lagen die Marktpreise statistisch signifikant näher am tatsächlichen Ergebnis als der Bloomberg-Konsens professioneller Volkswirte. Damit entsteht etwas völlig Neues. Nicht mehr einzelne Experten oder Banken veröffentlichen Prognosen. Stattdessen erzeugt der Markt selbst einen fortlaufend aktualisierten Preis für zukünftige Ereignisse – und damit eine jederzeit handelbare Wahrscheinlichkeitsverteilung für Inflation, Wachstum oder Geldpolitik.
Warum die Wall Street Milliarden investiert
Das Wachstum dieser Märkte verläuft rasant. Nachdem Kalshi und Polymarket 2025 zusammen ein Jahresvolumen von rund 63,5 Mrd. US-Dollar erzielt hatten – eine Vervierfachung gegenüber dem Vorjahr –, erreichten sie im Juni 2026 allein bereits 44,8 Mrd. US-Dollar. Vielen Lesern dürfte der Name Kalshi inzwischen von den Werbebanden der Fußball-Weltmeisterschaft bekannt sein. Das Unternehmen wird mittlerweile mit rund 22 Mrd. US-Dollar bewertet. Das wertvollste Produkt ist jedoch nicht die Wette selbst, sondern der Datenstrom, den sie erzeugt. Jeder gehandelte Kontrakt aktualisiert fortlaufend die vom Markt erwartete Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Ereignisses. So entsteht in Echtzeit ein Preis für Entwicklungen, die noch gar nicht eingetreten sind – von Zinsschritten über Wahlausgänge bis hin zu geopolitischen Ereignissen. Genau diese Daten sind inzwischen Milliarden wert. Die Intercontinental Exchange (ICE), Eigentümerin der NYSE, investierte bis zu 2 Mrd. US-Dollar in Polymarket. Im Gegenzug erhielt sie die exklusiven Rechte, die Wahrscheinlichkeitsdaten der Plattform an institutionelle Kunden zu vertreiben. Seit Februar 2026 bietet ICE unter dem Namen „Polymarket Signals & Sentiment" einen neuen Datenfeed an. Ausgeliefert wird er über dieselbe Infrastruktur, über die Banken, Hedgefonds und Vermögensverwalter bereits heute Aktienkurse, Anleihepreise oder Marktdaten beziehen.
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