Willis Report 2026: Risikoprofil entscheidet über Versicherbarkeit
03.09.2026

Safak Okur, Head of Broking Deutschland und Österreich bei Willis, einem Geschäftsbereich von WTW. Foto: © Willis
Der Industrieversicherungsmarkt bleibt in der Breite käuferfreundlich, dennoch werden Versicherer punktuell selektiver. So beschreibt der Risikoberater und Versicherungsmakler Willis die Marktlage im aktuellen MarktSpot, dem halbjährlichen Trendreport zur Industrieversicherung. Versicherer haben wieder Wachstumsappetit und sind vor allem an Neukundengeschäft interessiert. Von den günstigen Konditionen profitiert aber nur, wer ein tragfähiges Risikomanagement vorweisen kann.
„Kapazität und Wettbewerb sind derzeit ausreichend vorhanden. Entscheidend bleibt jedoch, wie überzeugend ein Unternehmen sein Risikoprofil gegenüber dem Versicherungsmarkt präsentieren kann“, sagt Safak Okur, Head of Broking Deutschland und Österreich bei Willis, einem Geschäftsbereich von WTW.
Drei Faktoren prägen die Marktentwicklung rund um die Renewals besonders: zunehmende Klimafolgen, fragile Lieferketten sowie die allgemeinen wirtschaftlichen Herausforderungen.
Trotz Dürre und Bränden: Hohe Naturgefahrenschäden bleiben aus
Die wirtschaftlichen Auswirkungen durch die diesjährige Dürreperiode sind immens. Historisch niedrige Flusspegel haben den Güterverkehr auf wichtigen Wasserstraßen eingeschränkt und in verschiedenen Branchen zu Produktionsengpässen geführt. Großflächige Waldbrände stellen eine zusätzliche Gefahr für Unternehmensstandorte dar, da herkömmliche Brandschutzkonzepte und stationäre Löschsysteme bei derartigen Ereignissen oftmals an ihre Grenzen stoßen.
Bisher blieben außergewöhnlich hohe Naturgefahrenschäden in industriellen Regionen noch aus. Prämien und Kapazitäten sind daher weiterhin auf einem stabilen Niveau. „Auch wenn die Situation im Sachversicherungsmarkt insgesamt weiterhin entspannt ist, wird es für Unternehmen mit erhöhten Klimarisiken zunehmend schwieriger, adäquaten Versicherungsschutz zu erhalten“, so Okur. „Versicherer honorieren derzeit insbesondere eine transparente Darstellung der Risikosituation sowie kontinuierliche Investitionen in Präventionsmaßnahmen.“
Eine weitere Herausforderung ist die Anfälligkeit globaler Lieferketten. Abhängigkeiten von einzelnen Herstellern, Lieferengpässe bei kritischen Komponenten oder Engpässe in der Energieversorgung können Produktionen und Projekte massiv verzögern und die Kosten in die Höhe treiben. Im MarktSpot erläutert Willis, wie diese Risikolage beispielweise Rechenzentren betrifft: „Über die Wirtschaftlichkeit solch kapitalintensiver Infrastrukturprojekte entscheidet nicht nur die langfristige Resilienz. Absicherung bedeutet: die ausführliche Risikoanalyse von Beginn an.“
Insgesamt bleibt der Druck auf die deutsche Wirtschaft bedingt durch eine schwache Konjunktur, geopolitische Konflikte und Handelsbarrieren hoch. Deshalb nimmt das Risiko von Forderungsausfällen zu. Besonders betroffen sind weiterhin die Bauwirtschaft, die Automobilzulieferindustrie, die Metall- und Stahlverarbeitung sowie Teile des Handels. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2025 ca. 24.000 Insolvenzen registriert. Das markiert den höchsten Stand seit 2014. Versicherer reagieren auf die gestiegene Schadenbelastung mit intensiveren Bonitätsprüfungen und einer differenzierteren Kreditlimit-Vergabe.
Trotz einiger Hürden bleibt der Markt insgesamt weich und bietet Möglichkeiten, sich langfristig einen Vorteil zu verschaffen. Okur: „Wer jetzt in sein Risikoprofil investiert sowie belastbare Daten und eine Präventionsstrategie vorweist, verbessert die Konditionen nicht nur für das aktuelle Renewal, sondern stärkt seine Verhandlungsposition auch für die kommenden Jahre.“
Kfz-Versicherung: Schadeninflation durch steigende Ersatzteilpreise, höhere Werkstattlöhne und komplexere Fahrzeugtechnik bleibt der größte Kostentreiber, verschärft durch Unsicherheiten bei der Elektrifizierung der Fuhrparks. Das Renewal 2026 verläuft entspannter als in den Vorjahren, bringt aber allgemeine Beitragsanpassungen von 5 bis 10 Prozent – besonders für schadenauffällige Flotten und Problembranchen wie Kurier- und Transportdienste.
Real Assets: Klimarisiken und steigende Datenanforderungen der Versicherer prägen den Markt zunehmend; Underwriter differenzieren immer stärker nach Datenqualität. Für die Renewals gilt: Wer transparente Schadenhistorien und Klimarisikoanalysen liefert, sichert sich stabile bis leicht sinkende Prämien, während intransparente Risiken mit strengeren Rückfragen rechnen müssen.
Cyberversicherung: Der weiche Markt hält an. Neue Anbieter und wachsende Kapazitäten sorgen für attraktive Konditionen, während der durchschnittliche Schadenaufwand trotz steigender Schadenzahlen sinkt. Neue Bedrohungen durch KI-gestützte Angriffe könnten die Lage kurzfristig verschlechtern, doch aktuell überwiegen erweiterte Deckungen und der Wegfall bisheriger Sublimitierungen.
D&O-Versicherung: Trotz anhaltender wirtschaftlicher Unsicherheiten, steigender regulatorischer Anforderungen und einer erhöhten Zahl von Unternehmensinsolvenzen bleibt die Schadenbelastung der Versicherer insgesamt beherrschbar. Damit bleibt der D&O-Markt versicherungsnehmerfreundlich mit hohen Kapazitäten und stabilen bis leicht rückläufigen Prämien.
Warentransport: Der Markt verzeichnete 2025 einen Beitragsrückgang von 3 Prozent bei gleichzeitig deutlich verbesserter Profitabilität (Combined Ratio 93 statt 95,3 Prozent). Belastend wirkten sich vor allem die Luftfahrtversicherung und eine zunehmend professionalisierte Kriminalität, etwa durch sogenannte Phantomfrachtführer, aus. Für 2026 zeichnet sich ein stabiles bis leicht wettbewerbsintensiveres Umfeld ab, mit Spielräumen für Bestandskunden mit guter Risikosituation. (mho)

Anzeige
Altersvorsorgedepot: Bollwerk gegen Altersarmut


