Neues DIW-Gutachten zum Gesamtversorgungsniveau
24.04.2026

GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Foto: GDV
Wie hoch das Gesamtversorgungsniveau im Alter sein muss, also der Anteil des gesamten Alterseinkommens aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge am heutigen Einkommen, wird derzeit politisch neu bestimmt. Eine repräsentative Befragung von mehr als 4.200 Erwerbstätigen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag des GDV liefert dazu eine klare Antwort aus der Bevölkerung. „Im Durchschnitt wünschen sich die Deutschen ein Alterseinkommen, das 78 Prozent ihres derzeitigen Nettoeinkommens entspricht. Den Mindestbedarf, um über die Runden zu kommen, sehen sie im Durchschnitt bei 58 Prozent“, sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV.
Die Ergebnisse des Gutachtens unterscheiden sich von üblichen Umfragewerten. Das DIW hat nicht nach gewünschten Prozentsätzen gefragt, sondern Entscheidungssituationen simuliert, in denen die Teilnehmenden zwischen Konsum heute und Einkommen im Alter abwägen mussten. Die Menschen mussten sich also nicht einfach einen Wunschprozentsatz ausdenken, sondern zwischen realistischen Kombinationen aus heutigem Konsum und späterem Alterseinkommen wählen. Peter Haan, einer der Autoren des Gutachtens, erklärt das Prinzip: „Jede Option hatte einen Preis.“ So wurde deutlich, dass die 78 Prozent kein Wunschdenken sind, sondern das Ergebnis einer bewussten Entscheidung. „Wer mehr im Alter haben will, muss heute weniger ausgeben“, so Haan.
Zwischen dem, was Menschen zum Leben mindestens brauchen, und dem, was sie sich darüber hinaus wünschen, ergibt sich eine Lücke von rund 20 Prozentpunkten. Zugleich wird deutlich, dass die gesetzliche Rente allein den gewünschten Lebensstandard im Alter für viele nicht abdecken kann.
Dabei gehen die Vorstellungen stark auseinander. Knapp ein Drittel der Befragten hält ein Versorgungsniveau von 50 Prozent oder weniger für ausreichend, während eine ähnlich große Gruppe 100 Prozent oder mehr anstrebt.
Die Studie zeigt außerdem: Wer im Alter mit höheren Pflege- und Wohnkosten rechnet, plant mit mehr Einkommen im Ruhestand – im Schnitt um zwei bis vier Prozentpunkte mehr. Besonders Mieterinnen und Mieter haben höhere Erwartungen als Menschen, die im Eigentum wohnen.
Auffällig ist darüber hinaus die Einschätzung der eigenen Vorsorgesituation: Selbst unter denjenigen, die bereits privat und betrieblich vorsorgen, hält nur etwa ein Drittel es für wahrscheinlich, die eigene Wunschversorgung im Alter tatsächlich zu erreichen. Unter Personen ohne zusätzliche Vorsorge ist der Anteil noch deutlich geringer (14 %).
Gleichzeitig ist die Bereitschaft hoch, selbst aktiv zu werden. Rund zwei Drittel der Befragten wollen mehr Eigenverantwortung in der Altersvorsorge übernehmen, nur fünf Prozent lehnen dies klar ab. Personen mit niedrigeren Einkommen streben dabei im Durchschnitt höhere Ersatzraten an – ein Befund, der auch internationale Erfahrungen bestätigt.
Trotz des hohen Bedarfs an zusätzlicher Vorsorge bleibt die betriebliche Altersversorgung (bAV) hierzulande lückenhaft. Nach Schätzungen der Bundesregierung verfügen knapp 40 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weder über eine bAV noch über eine Riester-Rente. Länder mit leistungsfähigen Alterssicherungssystemen und starker zweiter Säule, etwa die Niederlande und Dänemark, zeigen, dass eine hohe Verbreitung der bAV mit einem höheren Gesamtversorgungsniveau einhergeht. Dort haben rund 90 Prozent der Beschäftigten eine Betriebsrente.
Die Ergebnisse erscheinen zu einem Zeitpunkt, an dem Grundlagen der Alterssicherung neu justiert werden. Die Bundesregierung hat eine Rentenkommission eingesetzt, die bis Mitte 2026 eine neue Kenngröße für das Gesamtversorgungsniveau über alle drei Säulen entwickeln soll.
„Die Ergebnisse zeigen, dass die Vorstellungen der Menschen über ihr Einkommen im Alter weit auseinander gehen. Aber sie machen auch deutlich, dass die gesetzliche Rente allein für viele nicht ausreichen wird. Entscheidend ist jetzt, die ergänzende Vorsorge stärker in die Breite zu bringen“, sagt Jörg Asmussen.
Die Studienergebnisse sind aus Sicht des GDV ein klarer Impuls für die Rentenpolitik – insbesondere für die Arbeit der Rentenkommission:
Erstens sollte die neue Kennzahl für das Gesamtversorgungsniveau so definiert werden, dass sie das tatsächliche Alterseinkommen aus gesetzlicher Rente, betrieblicher und privater Vorsorge im Verhältnis zum heutigen Einkommen abbildet – und zwar für alle Erwerbstätigen, inklusive derjenigen ohne Zusatzvorsorge. Nur wenn diese Gruppen mitgerechnet werden, zeigt die Kennzahl die realen Versorgungslücken und kann der Politik als ehrlicher Maßstab für die Lebensstandardsicherung im Alter dienen.
Zweitens braucht es mehr Verbindlichkeit in der bAV. Die Versicherungsbranche fordert die Möglichkeit einer automatischen Einbeziehung auf Betriebsebene mit Opt-Out. Wenn die Politik eine automatische Einbeziehung aller Beschäftigten in die bAV anstrebt, könnte das einen erheblichen Beitrag für die Verbreitung leisten. Nur so lässt sich die bAV aus den Nischen der Großunternehmen heraus in die Breite tragen. Betriebsrenten werden damit zu einem zentralen Hebel, um das von den Befragten angestrebte Versorgungsniveau besser zu erreichen. Sie sind an den Arbeitsplatz gebunden, werden in der Regel vom Arbeitgeber mitfinanziert und profitieren von steuerlicher Förderung.
Drittens sollte für kleine und mittlere Unternehmen ein standardisiertes bAV-Basisprodukt geschaffen werden: digital, portabel und administrativ einfach – damit auch Arbeitgeber ohne eigene Personalabteilung ihre Beschäftigten unkompliziert absichern können.
Viertens sollte die Förderung von Geringverdienenden in der bAV gezielt ausgebaut werden. Die DIW-Studie zeigt: Gerade Menschen mit niedrigeren Einkommen brauchen ein höheres Versorgungsniveau. (mho)

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