Ölmarkt – ein bisschen offen?
07.04.2026

Nach einem langen Osterwochenende ist die Lage im Irankrieg weitgehend unverändert. Die Energiemärkte sind nervös, doch bislang waren keine großen Versorgungsausfälle zu beobachten. Das wahrscheinlichste Szenario bleibt ein kurzlebiger, sehr ausgeprägter Anstieg des Ölpreises, sagt Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär:
- Das lange Wochenende, an dem viele Märkte wegen der Feiertage geschlossen waren, brachte keine wesentlichen Veränderungen in der vorherrschenden Dynamik des Iran-Kriegs. Laut den regelmäßigen Updates des Institute for the Study of War sind die Vergeltungsschläge des Iran in der Region im Vergleich zum Ende März weiterhin etwas intensiver und richten sich insbesondere gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait. Die Angriffe der USA und Israels in den letzten Tagen führten zu schweren Schäden an einer wichtigen petrochemischen Anlage des Iran, was wahrscheinlich eine anhaltende Versorgungsunterbrechung zur Folge haben wird.
- Sobald sich der Konflikt jedoch entspannt, dürfte der petrochemische Markt weiterhin mit Überkapazitäten konfrontiert sein. Es gibt eine Reihe von Verhandlungsinitiativen, darunter die Vermittlungsbemühungen Pakistans sowie weitere Initiativen im Zusammenhang mit dem Handel durch die Straße von Hormus unter der Führung Omans und Großbritanniens. Doch die Gemeinsamkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran scheinen bislang verschwindend gering zu sein.
- Die von den USA angedrohte Eskalation im Zusammenhang mit einer Öffnung der Straße von Hormus dürfte die Energiemärkte vorerst in Unruhe und Nervosität versetzen. Die Definition von offenem Handel scheint eine Frage der Perspektive zu sein und weist unterschiedliche Nuancen auf. Der von Iran kontrollierte Schiffsverkehr rund um Hormus hat über das lange Wochenende zugenommen, wobei weitere Länder und Frachtgüter die Route eingeschlagen haben. Neben asiatischen Abnehmern arbeiten nun auch einige Golfstaaten mit Iran zusammen, und neben Öl und anderen Frachtgütern hat das erste Erdgas-Schiff den Golf verlassen.
- In den letzten Tagen dürften bis zu 20 Schiffe den Engpass in Richtung Meer passiert haben. Natürlich bleibt der Handel rund um Hormus nur ein Bruchteil des Niveaus vor dem Konflikt, doch in Kombination mit den alternativen Absatzmärkten mildern solche Ströme die Versorgungsschocks und verschaffen dringend benötigten Spielraum, insbesondere für die Energieversorgungsketten, sodass diese sich zumindest teilweise neu ausrichten können. Diese Entwicklung des von Iran gesicherten Handels verdeutlicht auch, dass die geopolitischen und wirtschaftlichen Ebenen im Zusammenhang mit dem Konflikt voneinander getrennt sind.
- Interessanterweise zeigen die Ölvorräte der westlichen Welt, die die wichtigsten Handelsknotenpunkte abdecken, bislang keinen eindeutigen Trend zu Versorgungsengpässen. Die Auswirkungen des Konflikts sind nach wie vor am stärksten in einigen Schwellenländern zu spüren, wo knappe Lagerbestände, konzentrierte Beschaffung und Hamsterkäufe die Versorgungsprobleme offenbar verstärkt haben.
- Unsere Gesamtbewertung bleibt unverändert. Da der Höhepunkt des Konflikts möglicherweise nahe ist, dürften die Märkte weiterhin sehr nervös bleiben. Wir behalten unsere neutrale Einschätzung bei, halten aber an der These fest, dass die Ölpreise dem üblichen Muster eines kurzlebigen, sehr ausgeprägten Preisanstiegs folgen dürften.
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