Umgang mit dem sinkenden Rentenniveau
28.04.2026

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Das Rentenniveau ist eine Kennzahl, die angibt, wie hoch die Rente eines Durchschnittsrentners im Verhältnis zum durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers ist. Dass dieses Niveau seit Jahrzehnten sinkt, ist ebenso wenig eine Neuigkeit wie die Tatsache, dass 2035 alle geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und wir 2040 doppelt so viele Rentner haben wie heute.
Seit Ende der siebziger Jahre, als man von einer Netto-Rente von knapp 60 Prozent ausgehen konnte, sank dieser Wert und liegt seit 2013 auf einem Niveau von ca. 48 Prozent. Das Rentenpaket von 2025 soll diesen Wert bis 2031 sichern.
Drei-Säulen-Modell
Mit dem Altersvermögensgesetz wurde 2001 das Drei-Säulen-Modell der Altersvorsorge in Deutschland eingeführt und ist seit 2002 aktiv. Es ergänzt die gesetzliche Rente durch kapitalgedeckte betriebliche und private Vorsorge, um das sinkende Rentenniveau auszugleichen.
1. Säule: Gesetzliche Rentenversicherung (Basisversorgung)
2. Säule: Betriebliche Altersversorgung (bAV) mit fünf Durchführungswegen
3. Säule: Private Altersvorsorge (inkl. Riester-Rente)
Die 2. Säule ist versicherungsdominiert, und es kann Probleme geben, wenn Versicherte den Arbeitgeber wechseln. Um die Rentenkürzung abzufedern, wurde auch die Riester-Rente eingeführt. Ab 2005 wurde dieses Modell durch das Alterseinkünftegesetz in ein „3Schichten-Modell“ (steuerliche Systematisierung) überführt. Der strukturelle Aufbau wurde dabei nicht verändert. In diesem Kontext wurde die gesetzliche Rente bereits damals nicht mehr als alleinige Lebensstandardabsicherung, sondern als „Grundversorgung“ oder „Basisabsicherung“ beschrieben. Die Tatsache, dass es Ergänzungen zur gesetzlichen Rente gibt und man seine Altersvorsorge in Teilen selbst in die Hand nehmen sollte, ist also ebenfalls nichts Neues.
Jahrzehntelange Erfahrung mit privater Vorsorge
Die Deutschen haben die Lücke zwischen Netto-Einkommen und Netto-Rente bereits in der Vergangenheit durch private Geldanlagen zumindest teilweise geschlossen. Die Standardlösung seit den sechziger Jahren bis Ende 2004 war die klassische Kapitallebensversicherung. Ca. 84 Millionen Verträge wurden von ca. 85 Versicherungsunternehmen abgeschlossen. Statistisch hat jeder Deutsche eine Lebensversicherung. Bei den meisten Versicherten waren dabei die garantierte Ablaufleistung und – zumindest bei Abschlüssen bis zum 31. Dezember 2004 – die Steuerfreiheit der Auszahlung relevante Kriterien.
Trotz aller Kritik hinsichtlich Rendite, Kosten, mangelnder Transparenz und Flexibilität kann man aber konstatieren, dass die deutsche Bevölkerung seit Jahrzehnten monatliche oder jährliche Beträge zur Ergänzung der Altersvorsorge zurücklegt.
Keine Affinität für Kapitalmärkte
Die monatlichen Sparraten nun in verschiedene Kapitalmarktlösungen zu leiten, scheint für die Bundesbürger allerdings nicht so einfach zu sein. Mögliche Ursachen sind, dass seit 1883 in Deutschland eine Sozialversicherung existiert, was zu einer mangelnden Notwendigkeit der Eigeninitiative und einer Verantwortlichkeit beim Staat geführt hat. Lebens- und Rentenversicherungen wurden insbesondere nach dem 2. Weltkrieg bis zum 31. Dezember 2004 massiv durch den Staat gefördert, etwa durch garantierte Ablaufleistungen mit Steuervorteilen. Bis 2012 gab es mit Finanzierungsschätzen und Bundesschatzbriefen zudem eine quasi risikolose und oft kostenfreie Möglichkeit, in Bundeswertpapiere zu investieren.
Hinzu kommen mangelnde Finanzbildung sowie die Tatsache, dass über Geld im privaten Umfeld und in der Familie tendenziell nicht gesprochen wird. Unter diesen „Voraussetzungen“ bestand kein großer Bedarf, sich über internationale Kapitalmärkte Gedanken zu machen.
Kapitalmarktlösungen schon lange vorhanden
Dabei gab es die ersten aktiven Investmentfonds in Deutschland im Jahr 1950, und das Fondssparen wird bereits seit 1984 durch das Vermögensbildungsgesetz unterstützt. Unabhängig davon, ob und wie viele Zuschüsse ein Arbeitgeber zahlt, sollte diese Option von Anfang an ein Teil des Vermögensaufbaus sein. Es geht dabei auch um den „psychologischen Effekt“, dass der Anlagebetrag direkt vom Bruttogehalt auf einem Investmentkonto landet und angelegt wird. Durch die Sperrfrist wird der Betrag dem alltäglichen Konsum entzogen. Wenn es das Gehalt zulässt, sollten „freie Fondssparpläne“ bereits ab kleinen Beträgen hinzugefügt werden. Jede Einkommensverbesserung sollte zu 50 Prozent in die Altersvorsorge investiert werden.
Unangenehme Wahrheiten kommunizieren
Angesichts knapper Mehrheiten und der Tatsache, dass die Wählergruppe „55+“ weiter an Relevanz gewinnt, wundert es nicht, dass man den Bürgern möglichst wenig abverlangt. Fast alle Beschlüsse und Maßnahmen suggerieren, dass der Status quo schon irgendwie erhalten bleibt. Der Gedanke, dass Verzicht Teil der Lösung sein könnte, und zwar langfristig, taucht in Debatten praktisch nicht auf.
Fazit
Bei einer Versicherung gibt es tendenziell drei Stellschrauben: die Beitragshöhe, die Beitragszahlungsdauer und die Ablaufleistung. Bei staatlichen Systemen kommen ggf. Zuschüsse hinzu, die in Deutschland derzeit 120 Mrd. Euro ausmachen. Aufgrund der Altersstruktur, an der man kurzfristig nichts ändern kann, muss man sich zeitnah mit längeren Lebensarbeitszeiten anfreunden. Weiterhin müssten die Abschläge für den vorgezogenen Ruhestand wohl in Richtung 0,50 Prozent pro Monat, den man vor dem 67. Lebensjahr in Rente geht, angepasst werden. Dass Rentner weiterhin arbeiten dürfen, ist richtig; dass das aber in Teilen steuerfrei sein soll, ist für mich nicht nachvollziehbar. Die nun beschlossenen neuen Varianten der geförderten Altersvorsorge gehen in die richtige Richtung. Ich persönlich finde es auch positiv, wenn auch staatlich gemanagte Depots angeboten werden.
Junge Menschen müssen selbst früh etwas für die eigene Altersvorsorge tun, dabei aber die gesetzliche Rente nicht abschreiben. Kommuniziert man, dass man keine Erwartungen hat, findet man bei der jeweiligen Regierung wenig Fürsprache. Wer nicht wählt und auch keine Erwartung äußert, findet keine Berücksichtigung. Dann entscheiden tendenziell weiter Rentner und die geburtenstarken Jahrgänge, wie die Politik die gesetzliche Rentenversicherung reformiert oder auch nicht.

Marktkommentar von Andreas Görler, sen. Wealth Manager, Wellinvest.- Pruschke & Kalm GmbH, Berlin.

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