„Unternehmen profitieren von stabilen bis sinkenden Preisen“

24.03.2026

Lukas Nazaruk, Head of Corporate Risk & Broking Deutschland und Österreich bei Willis, einem Geschäftsbereich von WTW Foto: © WTW

Exklusiv

Nach mehreren Jahren steigender Prämien und Selbstbehalte zeichnet sich im Industrieversicherungsmarkt eine Trendwende ab: In vielen Sparten nimmt der Wettbewerb wieder zu und der Markt nähert sich einer weicheren Phase. Dies zeigt der halbjährliche Trendreport zur Industrieversicherung von Willis. Im Interview erklären Lukas Nazaruk, Head of Corporate Risk & Broking Deutschland und Österreich sowie Safak Okur, Head of Broking Deutschland und Österreich bei Willis, einem Geschäftsbereich von WTW, welche Sparten die deutlichste Entspannung bei Preisen aufweisen, welche Besserungen bei Prämien und Selbstbehalten möglich sind und welche Trends es bei Cyberversicherungen gibt.

Herr Nazaruk, nach mehreren Jahren steigender Prämien und restriktiver Zeichnungspolitik sprechen Sie in Ihrem aktuellen MarktSpot von einer Trendwende. Welche Signale zeigen, dass der Industrieversicherungsmarkt wieder in eine weichere Phase eintritt?

Lukas Nazaruk: In vielen Sparten nimmt der Wettbewerb wieder zu, was teilweise zu sinkenden Prämien und steigenden Kapazitäten führt. Unternehmen haben in einigen Versicherungssparten auch die Möglichkeit, ihre Deckungsqualität zu verbessern und Mehrjahresverträge abzuschließen.  

Herr Okur, in welchen Sparten beobachten Sie derzeit die deutlichste Entspannung bei Preisen und Kapazitäten und wo bleibt der Markt trotz zunehmenden Wettbewerbs weiterhin schwierig?

Safak Okur: Viel Gestaltungsspielraum bieten der Sach- und Haftpflichtversicherungsmarkt. Sofern Unternehmen ihre Risiken transparent darstellen und aktiv steuern, profitieren sie von stabilen bis sinkenden Preisen und flexiblen Vertragslösungen. Auch der D&O-Markt bleibt weiterhin relativ weich – trotz zunehmender Insolvenzzahlen und einem wachsenden Risiko für D&O-Haftungsfälle. Schwierig hingegen bleibt es in der Kfz-Sparte. Einige Versicherer werden die Beiträge 2026 erneut schadenverlaufsunabhängig anheben. Grund dafür sind Rekordverluste durch steigende Ersatzteilpreise, höhere Lohnkosten und technologiebedingte Mehraufwände. Hier sprechen wir allerdings auch nicht von einem zunehmenden Wettbewerb unter den Anbietern.

Safak Okur, Head of Broking Deutschland und Österreich bei Willis, einem Geschäftsbereich von WTWSafak Okur, Head of Broking Deutschland und Österreich bei Willis, einem Geschäftsbereich von WTW

Viele Industrieunternehmen haben sich in den vergangenen Jahren auf höhere Selbstbehalte und strengere Bedingungen einstellen müssen. Welche Verbesserungen sind bei aktuellen Renewal-Verhandlungen tatsächlich wieder realistisch?

Okur: Je nach Sparte können Versicherungsnehmer Prämien und Selbstbehalte reduzieren, Mehrjahresverträge vereinbaren und ihre Deckung wieder ausweiten. Die Voraussetzung dafür bleibt allerdings ein proaktives Risikomanagement und die transparente Weitergabe von Daten und Risikoinformationen an die Versicherer. Nur so können diese das Risiko-Exposure zuverlässig bewerten.

Sie raten Unternehmen, ihr Versicherungsprogramm jetzt aktiv zu überprüfen. Welche strategischen Stellschrauben sehen Sie derzeit, um Deckungsumfang und Prämien zu optimieren?

Nazaruk: Wichtig ist zunächst, die Risiken richtig zu verstehen und entsprechend zu quantifizieren. Auf der Basis dieser Analyse können Versicherungsmakler durch kluge Ausschreibungs- und Programmgestaltungsstrategien im aktuellen Marktumfeld sehr gute Ergebnisse erzielen. Wichtig sind hier auch die entsprechenden Zugänge zu allen relevanten nationalen und internationalen (Rück-) Versicherungsmärkten. Je nach Risiko sollten auch alternative Risikotransferoptionen oder Captive-Lösungen in Betracht gezogen werden.

Gleichzeitig bleibt das geopolitische Umfeld äußerst volatil. Welche Auswirkungen haben Konflikte wie der Krieg im Iran oder mögliche Störungen zentraler Handelsrouten auf die Risikobewertung von Versicherern?

Nazaruk: Zunächst einmal: Für Unternehmen bedeuten die zunehmenden Konflikte und Kriege eine wachsende Unsicherheit. Möglich sind verschiedenste Entwicklungen, von politischer Gewalt über Terror bis hin zu staatlicher Enteignung. Firmen müssen sich für alle Regionen, in denen sie tätig sind, fragen: Welche Szenarien sind denkbar? Und wie ist das Unternehmen aufgestellt, wenn sie eintreten? Versicherer schauen darauf, ob Risiken realistisch eingeschätzt werden und ob klare Maßnahmen für Risikovorsorge und -transparenz bestehen. Darüber hinaus sind Abhängigkeiten ein Problem: Dagegen hilft, die eigenen Lieferketten breiter aufzustellen, Rohstoff- oder Technologielieferanten zu diversifizieren und langfristig neue Märkte zu erschließen.

Besonders betroffen sind globale Lieferketten. Welche Rolle spielen Transport- und politische Risiken künftig für die Versicherungsstrategie international tätiger Unternehmen?

Okur: Gestörte Lieferketten bedeuten zunächst deutlich höhere Kosten. Ein Transportweg, der plötzlich nicht mehr gerade, sondern um Länder oder ganze Regionen herumführt, kostet Zeit, Geld und eventuell auch die Sicherheit der beteiligten Mitarbeiter. Eine Versicherung kann hier ein wichtiger Stabilitätsfaktor in unruhigen Zeiten sein.

Im Cybersegment sprechen Sie trotz steigender Schadenfälle weiterhin von einem käuferfreundlichen Markt. Wie erklären Sie diesen scheinbaren Widerspruch und wie stabil ist diese Marktphase?

Nazaruk: Viele Versicherer und MGAs drängen derzeit auf den deutschen Cybermarkt. Dadurch ist das Angebot größer als die Nachfrage, was Prämien und Kapazitäten stabil hält. Dies gilt zumindest für den KMU- und Mittelstandsmarkt. Allerdings registrieren wir wieder deutlich mehr Schäden. Bislang verkraften die Versicherer das zwar gut, doch mehrere Großschäden könnten das Blatt wieder wenden.

Mit der Umsetzung der NIS2-Richtlinie steigen die Anforderungen an die IT-Sicherheit vieler Unternehmen deutlich. Welche Veränderungen erwarten Sie dadurch im Cyberversicherungsmarkt?

Nazaruk: NIS2 verpflichtet knapp 30.000 Organisationen dazu, ein systematisches Risikomanagement für die Cybersicherheit einzuführen. Cyberversicherer setzen schon seit einigen Jahren hohe Mindestanforderungen an die IT Security voraus, bevor sie eine Deckung anbieten. Kurzfristige Veränderungen in der Zeichnungspolitik der Versicherer erwarten wir durch die Umsetzung der NIS2-Richtlinie nicht.

Der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz eröffnet Chancen, bringt aber auch neue Risiken mit sich. Welche versicherungsrelevanten Fragestellungen sehen Sie hier auf Unternehmen und Versicherer zukommen?

Nazaruk: KI-bedingte Versäumnisse könnten Datenschutzverletzungen, Haftungsansprüche oder Sachschäden nach sich ziehen. Daher ist eine ganzheitliche Analyse erforderlich, die denkbare Schadenszenarien ermittelt und bestimmt, wie sich diese mit dem bestehenden Versicherungsportfolio abdecken lassen. Ferner ist zu überlegen, welche neuen Risiken gegebenenfalls entstehen, die bislang nicht abgedeckt sind – und ob und wie sich diese versichern lassen. (mho)

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