Vom Korinthenkacker zum Weltschiedsrichter – Warum Detailversessenheit der Schlüssel zum Erfolg ist
05.01.2026

Foto: © Tin - stock.adobe.com
Auf dem Trainingsplatz des TC Union Münster rollt der 17-jährige die Augen. Wieder diese Konditionsübungen. Aber statt einfach zu trainieren, stellt er Fragen. Viele Fragen. Warum genau diese Übung? Was bewirkt sie physiologisch? Gibt es nicht effizientere Alternativen? Sein Trainer Thomas Halborn seufzt, dann grinst er. „Du bist so ein Korinthenkacker", sagt er zu seinem Schüler. Eine Pause. Dann: „Aber genau deshalb habe ich einen Vorschlag für dich. Die suchen Schiedsrichter. Hast du nicht Lust?"
Was als freundlicher Spott begann, wurde zur Initialzündung einer Weltkarriere. Die Eigenschaft, die manche als übertriebene Genauigkeit abtaten, sollte sich als genau die Stärke erweisen, die im Hochleistungssport den Unterschied macht. Sören Friemels Reise von den Münsteraner Tennisplätzen zur globalen Sportführung demonstriert eine fundamentale Wahrheit: Scheinbare Schwächen können zu außergewöhnlichen Stärken werden, wenn man den richtigen Kontext findet. Dies ist keine klassische Erfolgsgeschichte im traditionellen Sinne. Es ist eine Studie darüber, wie Detailversessenheit zum Fundament exzellenter Führung wird.
Die Macht der Details: Vom ersten Match zum Doppelfinale
Der Anfang war alles andere als glamourös. Nach einer anderthalbstündigen Schulung über Spielberichtsbögen und grundlegende Abläufe saß der jugendliche Offizielle plötzlich auf dem Stuhl bei seinem ersten internationalen Profimatch in Münster. Der Oberschiedsrichter stand den ganzen ersten Satz neben dem Stuhl, „weil er keine Ahnung hatte, was für eine Plinze da oben sitzt." Rückblickend bringt die Erinnerung sowohl Humor als auch Demut: „Ich sah aus wie ein gerupftes Hühnchen da oben."
Diese frühe Erfahrung hätte entmutigend sein können. Stattdessen wurde sie zum Katalysator. Die akribische Detailversessenheit, die manche als Korinthenkackerei bezeichneten, erwies sich als unschätzbar wertvoll. Während andere vielleicht die Grundlagen als ausreichend betrachteten, wollte Friemel jede Nuance verstehen. Wann genau muss man einen Let ausrufen? Wie notiert man eine Zeitüberschreitung korrekt? Was passiert, wenn SpielerInnen gleichzeitig protestieren?
Das Turnier in Münster endete überraschend: Er durfte direkt das Doppelfinale leiten. Nicht weil er perfekt war, sondern weil seine Detailversessenheit Vertrauen schaffte. „Irgendwie hat das meine Motivation geweckt, dann mehr zu machen", erinnert er sich. Die Eigenschaft, die im Training manchmal nervig wirkte, wurde auf dem Schiedsrichterstuhl zur Superkraft.
Das Prinzip, das sich hier manifestierte, gilt weit über das Schiedsrichterwesen hinaus. In vielen Bereichen werden Menschen, die es extrem genau nehmen wollen, zunächst als umständlich wahrgenommen. In der Softwareentwicklung sind es die ProgrammiererInnen, die auf sauberen Code bestehen, wenn „es funktioniert doch" als Argument ausreichen könnte. In der Medizin sind es die ÄrztInnen, die auf zusätzliche Tests bestehen, obwohl die Diagnose klar scheint. In der Luftfahrt sind es die PilotInnen, die jede Checkliste vollständig durchgehen, auch wenn sie die Prozedur hundertmal gemacht haben.
Doch in Hochrisikosituationen wird genau diese Detailversessenheit überlebenswichtig. Der Unterschied zwischen gut und herausragend liegt oft nicht in spektakulären Fähigkeiten, sondern in der kompromisslosen Beherrschung der Details. Und genau diese Erkenntnis durchzog Friemels gesamte Karriere.
Beständigkeit als Strategie: Das Prinzip der gleichen Professionalität
Die Jahre von 1994 bis 2000 bedeuteten, auf allen Ebenen des professionellen Tennis zu arbeiten. Kleine Challenger-Turniere in deutschen Städten, wo das Preisgeld kaum die Spesen deckte. WTA-Events in europäischen Metropolen. ATP-Tour-Stopps. Schließlich alle vier Grand Slams. Die Versuchung bestand, kleinere Events als geringwertige Aufträge zu behandeln, als Sprungbretter zu etwas Besserem.
Stattdessen entwickelte Friemel früh ein anderes Prinzip: „Eine kleine regionale Veranstaltung verdient dieselbe Professionalität wie ein Grand Slam." Das war kein Altruismus, sondern strategisches Denken. Der Ruf im Schiedsrichterwesen kommt von Beständigkeit über Kontexte hinweg. SpielerInnen, Supervisoren und KollegInnen bemerken, wer Standards unabhängig von den Umständen aufrechterhält und wer den Einsatz nach Turnierprestige anpasst.
Diese Philosophie der Beständigkeit hatte einen unerwarteten Nebeneffekt: Sie eliminierte den psychologischen Druck großer Momente. Wenn man das Challenger-Turnier in einer deutschen Kleinstadt mit derselben Sorgfalt behandelt wie das Wimbledon-Finale, dann ist das Wimbledon-Finale kein qualitativer Sprung, sondern nur ein größeres Publikum für dieselbe Arbeit. Die Prinzipien bleiben konstant, nur die Kulisse ändert sich.
Parallel zum Tennis gab es Basketball. Als Schiedsrichter in regionalen Basketballligen zu fungieren mag zunächst wie ein Umweg erscheinen. Doch es lehrte entscheidende Lektionen über Präsenz und Autorität. Basketball-Schiedsrichterei ist unmittelbar und konfrontativ auf Weise, wie Tennis es nicht ist. Man trifft Entscheidungen zentimeternah an SpielerInnen und Coaches und bewältigt ständige Anfechtungen des eigenen Urteils.
Die Lektion kristallisierte sich heraus: Selbstbewusstes Auftreten kombiniert mit Regelkenntnis schafft Autorität. Ist man bei einem der beiden unsicher, spüren es die Leute sofort. Ist man bei beiden selbstsicher, gebieten selbst kontroverse Entscheidungen Respekt. Diese Erkenntnis aus den Basketball-Hallen übertrug sich direkt auf die Tennisplätze, wo Autorität genauso wichtig ist wie Regelkenntnis.
Der Wendepunkt: Vom Ausführenden zum Architekten
Im Jahr 2000 reifte eine entscheidende Selbsterkenntnis: „Meine Stärken liegen eher im organisatorischen Bereich." Selbstwahrnehmung über den komparativen Vorteil ist enorm wichtig in der Karriereentwicklung. Gut in etwas zu sein bedeutet nicht, dass es der eigene wertvollste Beitrag ist. Der Wechsel vom Stuhlschiedsrichter zu Supervisor- und Governance-Rollen repräsentierte diese Erkenntnis.
Die Detailversessenheit, die zum Schiedsrichterwesen geführt hatte, fand eine neue Anwendung: Systeme bauen statt Matches leiten. Bei den Halle Open koordinierte Friemel 150 Ballkinder und LinienrichterInnen und schuf systematische Entwicklungspfade. Ballkinder wurden LinienrichterInnen, LinienrichterInnen stiegen zu StuhlschiedsrichterInnen auf. Ein Ballkind, das in Halle begann – Timo Janzen aus Bielefeld – wurde einer von weltweit nur 32 Gold-Badge-Officials, die höchste Zertifizierung im Tennis-Schiedsrichterwesen.
Aber auch für die deutschen Gold-Badge SchiedsrichterInnen Nico Helwerth aus Stuttgart und Miriam Bley aus Würzburg war das Turnier in Halle eine wichtige Karrierestation, und sie konnten vom Mentoring profitieren. Dies offenbarte eine Kernerkenntnis: Das Vermächtnis ist nicht, was man persönlich erreicht. Es ist, wen man entwickelt und was diese Menschen dann erreichen.
Es gab sogar einen kurzen Aufenthalt beim CHIO in Aachen, dem weltweit führenden Reitturnier, in der Turnierorganisation. Die Einsicht: Führungsprinzipien übertragen sich über Sportarten und Branchen hinweg. Die Detailversessenheit, die im Tennis funktionierte, funktionierte genauso beim „Wimbledon für Pferde", wie das CHIO intern genannt wird. Seine Werte im Sport und Beruf zeigen, wie diese Prinzipien über Kontexte hinweg Bestand haben.
Die ultimative Prüfung: US Open 2020 und die Macht der Prinzipien
September 2020 stellte den ultimativen Test dar. Als US Open Referee stand Sören Friemel vor einer beispiellosen Situation: Die Weltnummer Eins, Novak Djokovic, hatte nach dem Verlust seines Aufschlags versehentlich eine Linienrichterin mit einem Ball getroffen. Die Linienrichterin war verletzt. Die Regeln waren klar über Konsequenzen, aber der Kontext war außergewöhnlich – der größte Star des Turniers, aus einem Grand Slam eliminiert aufgrund einer unbeabsichtigten Handlung.
Die Disqualifikation erfolgte ohne Video-Wiederholung, basierend auf Fakten von Platz-Offiziellen. „Es gab gar keine andere Entscheidungsmöglichkeit", lautete die Einschätzung, aber diese Gewissheit kam mit persönlichen Kosten. Der Blutdruck war „im leicht erhöhten Zustand" während des Prozesses. Nach der Entscheidung, beim Verlassen des Platzes, gab es einen inneren Moment des Zweifels: „Ich hoffe mal, dass du das jetzt richtig gemacht hast."
Hier manifestierte sich die jahrzehntelange Detailversessenheit auf höchster Ebene. Die Regeln waren bekannt. Die Fakten waren klar. Die Entscheidung war eindeutig, wenn man die Prinzipien konsequent anwendete, die über Jahrzehnte entwickelt worden waren: „Es spielt keine Rolle, ob es die Nummer 1 oder ein anderer Spieler ist – davon darf man sich nicht beeinflussen lassen."
Die internationale Anerkennung validierte den Ansatz. Die New York Times schrieb anerkennend. Tennis-Insider erkannten die Entscheidung als korrekt an. Tennis.com kommentierte prägnant: „Das Tennis kann stolz auf Schiedsrichter wie ihn sein." Die Unterstützung für die Entscheidung demonstrierte, dass die Tennis-Community bereit war, kurzfristige kommerzielle Interessen der langfristigen Integrität des Sports unterzuordnen.
Die Tablet-Innovation folgte direkt aus dieser Erfahrung. Die US Open stellen Referees jetzt Tablets zur Verfügung, um potenzielle Disqualifikationsvorfälle zu überprüfen, bevor endgültige Entscheidungen getroffen werden. „Es kann nicht sein, dass die ganze Welt die Situation schon 20 Mal im TV oder auf den Screens auf der Anlage gesehen hat und derjenige, der die Entscheidung treffen muss, hat keine detaillierte Ahnung, worum es geht", reflektierte die Herausforderung. Dies zeigt reife Führung – zu erkennen, dass persönliche Korrektheit weniger zählt als institutionelle Exzellenz.
Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite

Die als Trainerin und Weiterbildnerin 2025 meistgenutzten KI-Tools









