"Wenn Ausschüttungen wieder erklärt werden müssen"

15.02.2026

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Der Dividendenblick auf Deutschland dürfte 2026 ungemütlicher werden. Bei den großen Autobauern beispielsweise zeichnen sich sinkende Ausschüttungen ab; in Summe steht für BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen ein Minus von rund 3,3 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr im Raum. Parallel hält sich die Erinnerung an ein Börsenjahrzehnt, in dem kapitalisierungsgewichtete Indizes von wenigen, sehr großen Gewinnern getragen wurden, während viele Dividendenindizes deutlich weniger Dynamik zeigten. Dividenden sind damit wieder dort angekommen, wo sie traditionell verortet sein sollten: als Ergebnis einer Kapitalallokation, die aus Gewinn und Cashflow abgeleitet wird, und nicht Zinskupon-Ersatz.

Die Underperformance vieler Dividendenkörbe in den vergangenen Jahren erklärt sich häufig aus ihrer Struktur. Dividendenstrategien gewichten reife Geschäftsmodelle und Sektoren mit hoher Ausschüttungsneigung stärker; sie sind dadurch in Boomphasen seltener in den großen Technologiegewinnern investiert, die den breiten Index überproportional treiben. In Deutschland lässt sich diese Spreizung auch in den bekannten Zahlen ausdrücken: Auf Fünfjahressicht liegt der DAX bei rund +78 Prozent, der DivDAX bei rund +62 Prozent – ein interessanter Hinweis auf den Indexbau und die Marktphasen. Die zweite, weniger beachtete Ursache liegt in der Verschiebung der Ausschüttungsformen. Viele Unternehmen steuern den Shareholder Return zunehmend über Aktienrückkäufe. Eine reine Dividendenbrille sieht dann nur einen Teil des Rückflusses an Aktionäre.

Woran sich 2026 eine Dividendenstrategie messen lassen muss

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Dividenden „funktionieren“, sondern welche Dividendenqualität ein Portfolio tatsächlich kauft. Im aktuellen Umfeld sprechen mehrere Argumente für eine strengere Prüfung. Steigende Kapitalkosten erhöhen den Druck auf hoch verschuldete Geschäftsmodelle; Refinanzierungswellen und Gewinnrevisionen können zyklische Branchen in kurzer Zeit von komfortabler Deckung in Kürzungszwang drehen. Dazu kommt, dass regulatorische Eingriffe Ausschüttungspolitiken abrupt verändern können. In der Praxis zeigt sich dieser Mechanismus häufig in einer wiederkehrenden Anlegererwartung: Eine hohe Dividendenrendite wird schnell als Stabilitätsindikator gelesen, obwohl sie oft eher eine tiefere Analyse verlangt. Tragfähiger wirkt eine Ausschüttung, wenn sie regelmäßig aus Free Cashflow finanziert wird, die Ausschüttungsquote Spielraum für Investitionen lässt und die Verschuldung zu Zinsniveau und Laufzeiten passt. Auf der Makroebene bleibt das Bild regional differenziert. Europa bietet im Durchschnitt weiterhin höhere laufende Renditen, getragen von Sektoren wie Versorgern, Telekom, Basiskonsum und Teilen der Industrie, häufig mit eher stabilen, teils inflationsnahen Steigerungsraten. In den USA liegt die Rendite oft niedriger, dafür wächst die Dividende je Aktie in vielen Qualitätsunternehmen dynamischer, flankiert durch Rückkäufe. In Asien erweitert sich das Dividendenuniversum, zugleich sind Governance und politischer Einfluss in Teilen relevanter als in westlichen Märkten.

Umsetzung ohne falsche Versprechen

Dividendenstrategien eignen sich besonders dort, wo ein Portfolio laufende Erträge planbar machen soll, etwa in Entnahmephasen oder in Mandaten, die Schwankungen gegenüber einer reinen Wachstumsbenchmark begrenzen wollen. Ihre Grenze liegt in Marktphasen, in denen wenige sehr große Gewinner den Index treiben und in denen Dividendenkörbe strukturell untergewichtet sind. Wer Dividenden als Baustein nutzt, fährt meist am stabilsten, wenn die Strategie auf Total Return ausgerichtet bleibt und Ausschüttungen als Teil der Gesamtrendite behandelt werden. Das korrespondiert mit dem Anspruch, Anlegern Orientierung über Mechanik und Grenzen zu geben und die Einordnung nicht hinter Schlagworten zu verstecken.

Marktkommentar von Dyrk Vieten, Sprecher der Geschäftsführung ficon Vermögensmanagement GmbH

 

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