Zeit für aktives Management
13.08.2026

(v.l.n.r.) Daniel Blum, Florian Friske und Karsten Marzinzik / Foto: © fw
Welche Investmentlösungen stehen aktuell hoch im Kurs? Werden aktive ETFs bereits vermehrt nachgefragt? Wie steht es um den Mehrwert des aktiven Managements? Ist Nachhaltigkeit komplett „out“? Mitte Juli befragte finanzwelt mit Daniel Blum, Head of Business Development Germany bei Jupiter Asset Management, Florian Friske, Country Head für Deutschland und Österreich, La Financière de l‘Échiquier (LFDE), und Karsten Marzinzik, Leiter Wholesale Deutschland, Österreich & Liechtenstein, Swisscanto Asset Management, Experten zu ihrer Einschätzung.
finanzwelt: Zu Beginn des 2. Halbjahres sind die Börsen (noch) bei guter Laune. Wie schätzen Sie die Lage ein, Herr Marzinzik?
Karsten Marzinzik: Trotz der teilweise sehr ambitionierten Bewertungsniveaus sind wir für die Aktienmärkte generell weiterhin positiv gestimmt. Aufgrund der gesunkenen Energiepreise ist die Inflation, zumindest in Europa, deutlich zurückgegangen. Die US-Wirtschaft ist im zurückliegenden 2. Quartal gut gewachsen, gespeist durch die KI-Euphorie. Insgesamt positive Signale für die Märkte, gleichwohl Selektion und Diversifikation künftig noch stärker an Bedeutung gewinnen dürften.
Florian Friske: Der Ausblick für Aktien ist dank des aktuellen Gewinnwachstums positiv, selbst angesichts anhaltender geopolitischer Unsicherheiten. Auch im Jahr 2026 scheint kein Weg an der Anlageklasse Aktien vorbeizuführen. Die Gründe sind vielschichtig. Neben den erwähnten Unternehmensgewinnen laufen die Fiskalprogramme, und auch die Geldpolitik ist weiterhin relativ expansiv. Es bietet sich an, stärker zu diversifizieren, die Konzentration auf KI-/Tech-Werte etwas zu reduzieren und eher defensive Sektoren wie Versorger beizumischen.
finanzwelt: Hohe Bewertungen und Konzentration auf vergleichsweise wenige Highflyer. Das sollte doch aktiven Managern mit Blick nach vorne eher Rückenwind geben, Herr Blum?
Daniel Blum: Absolut. Gerade in Phasen der erhöhten Volatilität zeigt sich der Wert des aktiven Managements. Hier gilt, Risiken aktiv zu steuern und Chancen rechtzeitig zu erkennen. Zudem ermöglicht aktives Management eine sinnvolle Portfoliodiversifizierung und bietet die Chance, in jedem Marktumfeld eine Outperformance zu generieren. In der Vergangenheit war die starke Dominanz von Tech/KI-Werten prägend. Rein aus Bewertungsaspekten lohnt jetzt der Blick über den Tellerrand hinaus. Insofern kaufen wir nicht alles, sondern selektieren. Wachstum, Qualität und Bewertung müssen zusammenpassen.
Friske: Insbesondere die großen Hyperscaler investieren aktuell einen größeren Teil ihrer Cashflows in Rechenzentren. Das schmälert die Masse, aus der Aktienrückkäufe und Wachstum finanziert werden können. Das Fundament der vormals gehypten Aktien bröckelt (etwas). Diese sind jedoch in den ETFs enthalten. Wenn man das Szenario weiterdenkt, ein Grund mehr für aktives Managen.
Marzinzik: Hierzulande haben wir nur aktiv gemanagte Produkte im Sortiment. Gleichwohl müssen wir uns die Frage stellen, wohin die Reise geht. Mit den Erfahrungswerten der Vergangenheit und den Mittelzuflüssen passiver Produkte muss man festhalten, dass beide Anlagestile durchaus ihre Berechtigung haben und auf Nachfrage treffen. Letztlich liegt es am Kunden, für welche Struktur und Strategie er sich entscheidet.
Blum: Aktives Management macht insbesondere dort Sinn, wo Märkte ineffizienter sind. Also gerade beispielsweise bei Small Caps oder Emerging Markets. Hier können aktive Manager gezielt Chancen nutzen und auch mal übergewichten. Insgesamt ist die öffentliche Diskussion aktiv versus passiv in erster Linie auch Ausdruck des sich wandelnden Kundenverhaltens. Die Kunden achten vermehrt auf Kosten, Transparenz und Handelbarkeit der Produkte. Die entscheidende Frage lautet, welche Strategie erfüllt welchen Zweck im Kundenportfolio.
finanzwelt: Man liest und hört viel über aktive ETFs. Gibt es bei Swisscanto konkrete Pläne, mit entsprechenden Produkten an den Markt zu gehen?
Marzinzik: Klar ist, die Grenzen zwischen aktiv und passiv verschwimmen zusehends. Aktuell verfolgen und diskutieren wir die Produktentwicklungen und das Aufkommen von aktiven ETFs, haben jedoch noch keine Produkte in der Pipeline.
Blum: Nach der Premiere Anfang 2025 mit einem Produkt auf globale Staatsanleihen haben wir Ende vergangenen Jahres den zweiten aktiv von Jupiter gemanagten ETF aufgelegt. Der Fonds investiert weltweit in Aktien kleinerer Unternehmen. Beide Produkte sind gemeinsam mit dem White-Label-Spezialisten HANetf entstanden.
finanzwelt: Die Märkte sind volatil. Ende März ging es bergab; die rasante Erholung folgt auf dem Fuß. Wie haben die Investoren reagiert?
Friske: Trotz geopolitischer Verwerfungen, teilweise steigender Inflation und schwankungsanfälligeren Kapitalmärkten führen immer mehr Investoren ihre langfristige Strategie besonnen fort. Das stimmt zuversichtlich. An den Märkten könnten nun, mit der erwähnten angestiegenen Inflation und unter Berücksichtigung der Bewertungsniveaus, wieder jene Sektoren im Fokus stehen, die bereits zu Jahresbeginn gut gelaufen sind. Insofern ist der stete Blick auf das Marktgeschehen wichtig. Panik hingegen ist immer ein schlechter Ratgeber.
Marzinzik: Dem stimme ich vollumfänglich zu. Investitionszurückhaltung ist spürbar, aber ohne dass die Anleger panisch und unbesonnen reagieren. Speziell im Fixed-Income-Bereich merkt man diese Verunsicherung am deutlichsten. Bei Anleihen sollte, mit Blick auf die Inflation und die Verschuldungssituation einiger Staaten, sehr sorgsam mit dem Laufzeitenmanagement, der Bonitätstoleranz und dem Währungseinfluss umgegangen werden.
Blum: Wir sehen, dass Anleger etwaige Rücksetzer bewusst nutzen, um ihre Portfolioallokation den (neuen) Gegebenheiten anzupassen. Diversifikation ist Trumpf und in unruhigen Zeiten gilt es, robuste Portfolios aufzubauen. Eine gestiegene Nachfrage nehmen wir unter anderem bei Absolute-ReturnStrategien wahr, die sich unkorreliert zu den klassischen Märkten wie Aktien oder Anleihen bewegen. Das Merkmal Qualität gewinnt vor dem Hintergrund des volatilen Umfelds weiter an Bedeutung.
finanzwelt: Wenn wir über Trends reden, fällt sofort das Stichwort der „Demokratisierung der Privatmärkte“. Wie stehen Sie hierzu?
Friske: Wir sehen die Einbeziehung der Private Markets als logische Erweiterung der klassischen Assetklassen im liquiden Bereich. Also nicht nur eine Demokratisierung, sondern eine Erweiterung. Es ist nun mal Fakt, dass man mit Private Assets eine strategische Assetallokation verbessern und das RenditeRisiko-Profil optimieren kann. Natürlich gilt dies in der langfristigen Betrachtung. Anders ausgedrückt, die Private Markets in ihrer Vielfalt sind so eine Art Puffer im Gesamtportfoliokontext.
Blum: Wichtig in diesem Zusammenhang ist, diese Demokratisierung nicht mit Vereinfachung zu verwechseln. Ich glaube, das ist die große Gefahr, gerade auch für breitere Anlegerschichten. Themen wie Illiquidität, Kosten, Laufzeiten, Produktstruktur sind sehr erklärungsbedürftig. Insofern können Privatmärkte für Anleger im Rahmen der jeweiligen Allokation Sinn ergeben, solange sie zur individuellen Risikotragfähigkeit passen und man die Langfristigkeit eines Investments mit bedenkt. Ein interessanter Portfoliobaustein, der gut und richtig erklärt und beraten werden muss.
Marzinzik: Die Öffnung der Private Markets für Retail-Investoren wird als logischer nächster Entwicklungsschritt verkauft. ELTIFs und semi-liquide Vehikel sollen institutionelle Strategien demokratisieren. Doch die Privatmärkte werden nicht plötzlich besser, nur weil sie in die Breite vertrieben werden. Es bleiben sehr erklärungsbedürftige Produkte, die nur selektiv und kundenspezifisch Sinn ergeben und Mehrwert stiften.
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Wachstum und Value müssen sich nicht ausschließen







