Zwischen geopolitischer Realität und Daten: Das Dilemma der EZB
17.03.2026

Wie reagiert die Europäische Zentralbank auf die Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten? Das ist die zentrale Frage, die die Märkte in dieser Woche bewegt. Ein dauerhafter Anstieg der Energiekosten könnte die europäische Wirtschaft in eine Rezession zwingen. Entscheidend wird sein, wie stark und dauerhaft der Energiepreisschock ausfällt, meint Josefina Rodriguez, Economist, Investment Strategy Group, Vanguard Europe. Warum sie davon ausgeht, dass die EZB ihre Geldpolitik auch über die aktuelle Sitzung hinaus beibehält, analysiert sie in folgendem Kommentar.
Die europäischen Währungshüter dürften nach dem sprunghaften Anstieg der Energiepreise infolge des Konflikts im Nahen Osten zwar die Situation genau beobachten. Für eine Änderung des geldpolitischen Kurses und eine Anpassung des Zinsniveaus ist es jedoch zu früh. Die vor dem Konflikt veröffentlichten Konjunkturdaten für den Euroraum lagen weitgehend im Einklang mit den EZB-Projektionen vom Dezember. Der starke Anstieg der Öl- und Gaspreise hat jedoch neue Aufwärtsrisiken für die Inflation sowie Abwärtsrisiken für das Wachstum geschaffen und damit das kurzfristige Umfeld für die Geldpolitik deutlich verändert.
Bis zu einem Prozent weniger BIP-Wachstum im Euroraum in 2026
Der Preissprung bei Öl und Erdgas ist für das Wachstum im Euroraum ein signifikantes Risiko. Wie stark die Wirtschaft betroffen sein wird, hängt vom Ausmaß und der Dauer des Energieschocks sowie von möglichen politischen Reaktionen ab. Unsere Analyse zeigt, dass ein Ölpreis von 125 USD pro Barrel und Gaspreise von 150 EUR/MWh – sofern sie bis zum Jahresende anhalten – das BIP-Wachstum im Euroraum 2026 um rund einen Prozentpunkt reduzieren und damit die Wirtschaft in eine Rezession stürzen könnten. Zwar erwarten wir weiterhin ein Wachstum von 1,2 Prozent im Jahr 2026, doch die Risiken sind klar nach unten gerichtet.
Dennoch: Auch wenn der Anstieg der Energiepreise einen stagflationären Schock auslöst, dürften die Auswirkungen deutlich unter den Höchstständen der Russland-Ukraine-Krise im Jahr 2022 bleiben – insbesondere bei Gas. Die mittelfristigen Inflationserwartungen bleiben insgesamt gut verankert, haben jedoch leicht zugelegt. Bleiben die Preise auf dem aktuellen Niveau, könnte die Gesamtinflation im März und April um etwa 20 Basispunkte steigen und ab Mai um rund 60 bis 70 Basispunkte zulegen. Auch wenn die Risiken inzwischen nach oben weisen, erwarten wir, dass die Gesamtinflation Ende 2026 bei 1,6 Prozent und die Kerninflation bei 1,8 Prozent liegen wird.
Geldpolitik auf Sicht: EZB dürfte vorsichtigere Töne anschlagen
Nach sechs Sitzungen in Folge, in denen Präsidentin Lagarde betonte, dass sich die Geldpolitik „in einer guten Lage“ befinde, dürfte der Ton diesmal vorsichtiger ausfallen. Die EZB wird angesichts der geopolitischen Lage ihre Flexibilität und Wachsamkeit betonen. Gleichzeitig werden die Währungshüter unterstreichen, dass sie bereit sind zu handeln, falls sich die Inflationsrisiken materialisieren. Eine klare Einschätzung der mittelfristigen Perspektiven ist zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht zu erwarten.
Wahrscheinlich wird die EZB ein Negativszenario veröffentlichen, das von dauerhaft höheren Energiepreisen ausgeht. Dieses könnte dem Szenario vom Dezember 2023 ähneln, das von einer teilweisen Schließung der Straße von Hormus ausging. Damals wurde ein deutlicher Wachstumsrückgang bei gleichzeitig höherer Inflation erwartet, ausgelöst durch steigende Energiepreise, schwächere globale Nachfrage und erhöhte Unsicherheit.
Wir erwarten weiterhin, dass der Einlagensatz der EZB über das gesamte Jahr 2026 hinweg bei zwei Prozent bleibt. Angesichts des jüngsten starken Anstiegs der Energiepreise sehen wir die Risiken für unseren Leitzinsausblick inzwischen ausgeglichener. Kurzfristig dürfte die EZB aufgrund der unsicheren geopolitischen Lage einen „Abwarten-und-Beobachten“-Ansatz verfolgen. Entscheidend wird sein, wie stark und dauerhaft der Energiepreisschock ausfällt.
Marktkommentar von Josefina Rodriguez, Economist bei Vanguard

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