Aktienakzeptanz in Deutschland auf dem Rückzug

07.02.2013

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Die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfondsanteilen ist in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres leicht gesunken. Insgesamt waren 8,6 Millionen Anleger in Deutschland direkt oder indirekt in Aktien investiert. Dies entspricht einem Anteil von 13,3 Prozent der Bevölkerung. In den letzten Jahren hat sich vor allem die Mittelschicht stark aus der Aktienanlage gelöst. Dies sind wesentliche Erkenntnisse der DAI-Kurzstudie 2/2010. Finanzwelt hakte nach und sprach mit Dr. Franz-Josef Leven, Direktor beim Deutschen Aktieninstitut (DAI).

finanzwelt: Von einem "Volk der Aktionäre" scheinen wir in Deutschland weit entfernt. Die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfondsanteilen ist im ersten Halbjahr 2010 erneut leicht gesunken. Kumuliert sind 8,6 Millionen Bürger auf direktem oder indirektem Weg in Aktien investiert. Wie erklären Sie sich den stetigen Rückgang im Laufe der letzten Jahre?

Dr. Leven: Der Rückgang seit dem Jahre 2000 - als die Zahl der Aktionäre ein Maximum erreichte - bzw. 2001 - als die Aktienfondsanleger ihren Höchststand hatten - ist vor dem Hintergrund der bis dahin stark steigenden Anlegerzahlen zu sehen. Im Jahr 1998 hatten wir 600.000 neue Aktionäre, in 1999 500.000. Im ersten Halbjahr 2000, zum absoluten Höchststand von DAX und Neuem Markt, hatten wir 1,2 Millionen neue Aktienanleger. Dass diese alle durch die nachfolgenden Kursrückgänge enttäuscht waren, vielleicht auch wegen überzogener Erwartungen, ist nachvollziehbar. Sie haben ja nie die langfristig gute Aktienrendite "erfahren" können. Und die Kursrückgänge im Rahmen der aktuellen Finanzkrise, die ja nicht durch die Börse oder die Aktienmärkte verursacht wurde, haben leider das Image der Aktie noch einmal beschädigt.

finanzwelt: Lassen Sie uns auf die soziodemographische Struktur der Aktionäre und Besitzer von Fondsanteilen zu sprechen kommen. Mit Ausnahme von Leitenden Angestellten und Beamten ist die Zahl der direkten Aktionäre in allen Berufsgruppen zuletzt gesunken. Lässt sich ein Muster ablesen und wie könnte diesem Trend entgegengewirkt werden?

Dr. Leven: Das Muster ist - leider - sehr einfach: Je reicher ein Haushalt ist, je besser die berufliche Position ist und je besser die Ausbildung ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir einen Aktionär oder Aktienfondsbesitzer vor uns haben. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass gerade Anleger mit schlechterer Ausbildung und niedrigerem Vermögen eher auf die Aktienanlage verzichten. Das Gegenmittel liegt nach meiner Auffassung in einem Dreiklang von gezielten Anreizen zur ergänzenden privaten Altersvorsorge, einer Beseitigung der steuerlichen Diskriminierung der Aktienanlage und einer breiten ökonomischen Bildung der gesamten Bevölkerung. Das bedeutet einen Ausbau der Riesterrente oder vergleichbare Programme, die einen Teil der Ersparnisse in die Aktie lenken, die Abschaffung der Doppelbesteuerung von Eigenkapitalerträgen auf Unternehmens- und Anlegerebene und die Einführung eines Pflichtfachs Ökonomie in allen Bundesländern und für alle Schulformen.

finanzwelt: Sie sprechen in Ihrer Studie von einer gefährlichen "sozialen Schere", die sich öffnet. Die Politik ist gefordert. Welche Maßnahmen müssten eingeleitet werden, um bestehende Skepsis gegenüber der Anlage in Aktien abzubauen?

Dr. Leven: Soziale Schere meint, dass gerade die Mittelschicht, die einen Teil ihres Vermögens gut langfristig in Aktien anlegen könnte, zunehmend darauf verzichtet. Jeder Prozentpunkt weniger Rendite bedeutet aber wegen des Zinseszinseffektes ein viel niedrigeres Endvermögen im Alter. Über die gut situierten Aktionäre freuen wir uns natürlich auch - aber sie sind nicht das eigentliche Ziel unserer Bemühungen. Und die Bezieher sehr niedriger Einkommen wollen wir auch nicht mit Gewalt zu Aktionären machen, denn für sie wäre das Risiko zu hoch. Sie sind im Alter wahrscheinlich auf die Solidargemeinschaft angewiesen. Es ist gut, dass wir diese haben, aber wir sollten versuchen, wenigstens die Mittelschicht auf eigenen Füßen stehen zu lassen. Ökonomische Bildung ist hier der Schlüssel. Die Anleger müssen sehen, dass die Anlageklasse Aktie in der kurzen Frist beträchtlichen Schwankungen ausgesetzt ist, in der langen Frist aber über die gesamte Breite des Aktienmarktes hinweg sehr gute Renditen erzielt. Wenn wir die Aktie für die Altersvorsorge propagieren, bedeutet das um Himmels Willen nicht, dass der Sparer sein gesamtes Vermögen in Aktien anlegen soll. Und es bedeutet auch nicht, dass er am Tage des Renteneintritts sein gesamtes Aktienpaket auf einen Schlag veräußern muss. Hier herrschen noch viele Fehlvorstellungen, die ausgeräumt werden müssen.

Mit diesen Erkenntnissen untermauert das Deutsche Aktieninstitut (DAI) Thesen, die Dr. Nicolas Sauter von der Allianz SE in einem jüngst veröffentlichten Working Paper ("Das schwache Pflänzchen Aktienkultur") aufgenommen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass bis dato unerfahrene Anleger, die in der Boomphase um die Jahrtausendwende zum ersten Mal Aktien kauften, in den Jahren nach dem Platzen der dotcom-Blase weiterhin in Aktien investieren, sei signifikant niedrig. Folglich könne aufgrund der angestiegenen Unsicherheit der Aktienmärkte und der erhöhten Risikoaversion der Haushalte die Zahl der Erstkäufe über längere Zeit hinweg geringer ausfallen. Die Konsequenz sei eine Art "Equity Ageing", bei dem sich derzeit bestehende Aktienquoten einer Generation in Form von Kohorteneffekten über die kommenden Jahre in höhere Altersgruppen fortpflanzen könnten.