Duales Gesundheitssystem oder Zwangskasse?
01.04.2013

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Ob das duale Gesundheitssystem in Deutschland abgeschafft wird und durch eine Zwangskasse ersetzt wird, hängt auch vom Ausgang der Bundestagswahl 2013 ab. Experten warnen vor einem Leistungsabbau in einer „staatlichen Krankenkasse ohne Wettbewerb". finanzwelt befragte Versicherer und Branchenkenner zur Thematik „Zwei-Klassen-Medizin".
Die aktuelle Kritik am Gesundheitssystem ist in vielerlei Hinsicht ein Jammern auf hohem Niveau. Allerdings geht es auch um Arbeitsplätze und Existenzen. Bei Entfall der privaten Vollversicherung wäre der Vertrieb auf die Beratung und den Verkauf von Zusatzversicherungen beschränkt – und dies in direkter Konkurrenz zum Direktvertrieb der gesetzlichen Krankenkassen. „Beim Thema ‚Zwei-Klassen-Medizin‘ spielen Einstellung und Emotionen eine wichtige Rolle, zumal das Thema angesichts der anstehenden Bundestagswahl 2013 ein dauerhaft aktuelles und häufiger diskutiertes sein wird“, so Klaus Henkel, Vorstandschef der Süddeutschen Krankenversicherung (SDK). „Das duale System in Deutschland ist verbesserungsfähig. Es ist aber vor allem auch Grund für die gute Versorgung und darf deshalb auf keinen Fall in ein Einheitssystem umgewandelt werden.“
Der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Bernd Brüggenjürgen, Leiter des SDK-Lehrstuhls für Gesundheitsökonomie an der Steinbeis-Hochschule und stellvertretender Vorsitzender des DVGPH (Deutschen Verbandes für Gesundheitswissenschaften und Public Health) fragt nach: „Was ist mit dem häufig polemisch eingesetzten Schlagwort der ‚Zwei-Klassen-Medizin‘ überhaupt gemeint? Sind viele Aspekte der Zwei-Klassen-Medizin rein medial aufbereitet?“ Zwischen der Patientenwahrnehmung und der Realität in den Arztpraxen müsse unterschieden werden. Die Wahrnehmung sei vermutlich häufig viel schlechter als die tatsächliche Versorgungssituation.
Dr. Thorsten Pilgrim, Geschäftsführer der AnyCare GmbH, fordert mehr Effizienz im System. Die finanziellen Ressourcen würden vollkommen ausreichen, wenn durch Versorgungsmanagement vor allem bei chronischen Patienten Folgeerkrankungen verringert werden könnten. „Nicht die vermeintliche ‚Zwei-Klassen-Medizin‘ ist das Problem in Deutschland, sondern der nicht effiziente Umgang mit den vorhandenen Ressourcen“, erklärte Pilgrim. „GKV und PKV müssen als Ergänzung zur Regelversorgung auf Versorgungsforschung setzen.“ Die AnyCare GmbH bietet als Anbieter im Gesundheitsmarkt Gesundheitsdienstleistungen und Beratung an, zum Kerngeschäft gehören die Konzeption und Umsetzung von Programmen für das Versorgungsmanagement.
Indes sei laut Dr. Timm Genett, Geschäftsführer des PKV-Verbands, die Rationierung in den Gesundheitssystemen das Kernproblem. „Rationierung findet in jedem Gesundheitssystem statt“, erläutert er, „in Deutschland allerdings auf sehr geringem Niveau. “Genett verweist auf Großbritannien. Dort gebe es eine echte „Zwei-Klassen-Medizin“, wo bereits Einheitsmedizin herrsche und der Zugang zum Gesundheitssystem durch den Geldbeutel mitbestimmt werde. „Die Tendenzen zur ‚Zwei-Klassen-Medizin‘ sind in einem Einheitssystem am größten“, betont er. Ein Einheitssystem sei daher keine Gewähr gegen die „Zwei-Klassen-Medizin“, sondern eher das Gegenteil. Die Unterschiede in den Sozialsystemen der europäischen Nationalstaaten hätten seit der Finanzkrise deutlich zugenommen. „Deutschland ist in Sachen Gesundheitssystem eine Insel der Glücksseligen“, merkt Genett an. Das duale Systemhabe sich auch in der Krise und vor allem im globalen Vergleich als robust und wenig krisenanfällig erwiesen.
Aus Sicht der GKV verweist Dr. Oliver Gapp, Leiter Vertrags- und Versorgungsmanagement der mhplus Betriebskrankenkasse, auf eine von der Kasse geführte Studie. „Die Hälfte der Befragten vermuten Nachteile bei Terminvergabe, Wartezeit, Beratung und Versorgung. Das Schlagwort der ‚Zwei-Klassen-Medizin‘ ist stark in den Köpfen der Versicherten verankert“, schildert Gapp die Ergebnisse. „Leistungsdifferenzierungen gibt es auch in der GKV. Ein Problem entsteht allerdings erst dann, wenn das System zulasten Dritter geht“, so Gapp. Er kommentiert die aktuelle politische Diskussion, dass man immer auch die Frage stellen müsse, ob die Dualität im Gesundheitssystem Vorteile bringe. „Wenn die Antwort ‚Ja‘ lautet, warum soll das System dann nicht so belassen werden?“, fragt er. Wettbewerb sei fruchtbar für das System.
Für Prof. Dr. Tom Stargardt, Hamburg Center for Health Economics an der Universität Hamburg, gibt es zwei Klassen eher im Service als in der medizinischen Behandlung. „Differenzierungen im Service wären aus ökonomischer Sicht völlig verständlich.“ Seine Studie über Wartezeiten zeige deutlich, dass Unterschiede allerdings lediglich auf sehr niedrigem Niveau zu verzeichnen sind. „Der Punkt Wartezeiten ist vor allem ein Komfort-Parameter“, erläutert Stargardt. Wenn es dabei zu Unterschieden kommen sollte, so ließen sich zumindest in der Ergebnisqualität, also in der medizinischen Versorgung, keine signifikanten Unterschiede feststellen. Im globalen Vergleich sind die Wartezeiten in Deutschland deutlich kürzer.
Prof. Dr. Marie-Luise Dierks, Leiterin des Arbeitsschwerpunktes Patienten und Konsumenten an der Medizinischen Hochschule Hannover, meint, dass Patienten durchaus Unterschiede sehen. Dazu gehöre z. B. die „Schnellbehandlung“ beim Arzt. „Die ‚Zwei-Klassen-Medizin‘ ist eine große Furcht bei den Patienten.“ Gleichwohl seien Ungleichheiten kein natürliches Phänomen, sondern vielmehr Ursache von Mängeln im System. Bei den Ärzten hätten Patienten aber häufig auch Verständnis dafür, dass diese aus finanziellen Gründen Unterschiede in den Praxen machen.
Fazit. Statt einer „Zwei-Klassen-Medizin“ gibt es maximal einen „Zwei-Klassen-Service“. Deshalb gleich die PKV-Vollversicherung zugunsten einer Einheitskasse zu schließen, löst keine Probleme, sondern schafft nur neue. Ähnliches gilt für das mehrschichtige Vorsorge-System aus gesetzlicher Rente, betrieblicher und privater Altersvorsorge. Eine Politik zulasten der Vorsorgesparer richtet auch hier mehr volkswirtschaftlichen Schaden an, als erkennbar ein Nutzen entsteht. Bei der Bundestagswahl 2013 wird über vieles entschieden, auch über das duale Gesundheitssystem und die Altersvorsorge.
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Dietmar Braun_
Private Krankenversicherung - Printausgabe 02/2013

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