Finanzielle Inklusion als Standortfaktor: Warum der Zugang zum Girokonto Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur ist

12.03.2026

Girokonto: Vielfalt, Komplexität und hohe Kontogebühren erschweren vielen Menschen den Zugang zum deutschen Finanzsystem. © Freepik, katemangostar

Moderne Volkswirtschaften funktionieren nur dann stabil, wenn ihre grundlegenden Systeme möglichst vielen Menschen offenstehen. Dazu zählen Verkehrsnetze, Energieversorgung oder digitale Infrastruktur – aber auch der Zugang zum Finanzsystem.

Denn wirtschaftliche Aktivität basiert auf Zahlungsfähigkeit. Einkommen müssen empfangen, Rechnungen beglichen, Verträge abgewickelt und staatliche Leistungen ausgezahlt werden. All diese Prozesse setzen eine funktionierende Kontoverbindung voraus.

Wenn Teile der Bevölkerung keinen Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen haben, entsteht deshalb nicht nur ein individuelles Problem – sondern auch eine wirtschaftliche Lücke.

Finanzielle Grundversorgung als Teil funktionierender Märkte

Ökonomisch betrachtet erfüllt ein Girokonto eine ähnliche Rolle wie andere Infrastrukturen: Es ermöglicht die Teilnahme am wirtschaftlichen Austausch. Ohne Zugang zum Zahlungsverkehr bleiben Menschen von wichtigen Marktprozessen ausgeschlossen.

Nickel Deutschland CEO Laurent Guivarch, beschreibt diesen Zusammenhang so: „Der Zugang zu einem Girokonto ist eine grundlegende Voraussetzung für die Teilhabe an Gesellschaft und Wirtschaft. Ohne Bankkonto sind Menschen vom Erhalt von Gehältern ausgeschlossen, können keine Miete zahlen, ihre alltäglichen Ausgaben nicht verwalten oder grundlegende Dienstleistungen nicht nutzen.“Die Folgen gehen jedoch über individuelle Einschränkungen hinaus. Guivarch: „Diese Ausgrenzung führt zu wirtschaftlicher Marginalisierung und verhindert, dass Menschen ihr volles wirtschaftliches Potenzial entfalten. Wird der Zugang zu grundlegenden Bankdienstleistungen verwehrt, verliert die Gesellschaft wirtschaftliche Ressourcen – in Form von Einlagen, Konsum, Unternehmertum und allgemeiner Teilhabe.“ Finanzielle Inklusion wirkt damit direkt auf wirtschaftliche Dynamik und Marktaktivität.

Das Basiskonto: Anspruch vorhanden, Nutzung begrenzt

Mit dem Zahlungskontengesetz existiert in Deutschland zwar ein Rechtsanspruch auf ein Basiskonto. Ziel war es, allen Menschen Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen zu ermöglichen.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass dieser Anspruch allein nicht ausreicht, um echte finanzielle Teilhabe sicherzustellen. Bürokratische Verfahren, Gebührenstrukturen und administrative Anforderungen können weiterhin Hürden darstellen.

Damit bleibt die Frage offen, wie Finanzsysteme organisiert sein müssen, damit sie tatsächlich möglichst vielen Menschen offenstehen.

Strukturelle Herausforderungen im deutschen Finanzsystem

Neben regulatorischen Fragen spielen auch strukturelle Faktoren eine Rolle. Der deutsche Bankenmarkt ist vielfältig, gleichzeitig jedoch komplex.

Guivarch sieht darin eine der zentralen Herausforderungen: „Das deutsche Finanzsystem ist durch eine große Vielfalt an Anbietern und komplexe Angebote geprägt, die oft schwer zu überblicken sind. Gleichzeitig sind die Kosten hoch: Ein Girokonto kostet im Durchschnitt rund 135 Euro pro Jahr. Das trifft insbesondere Menschen mit niedrigem oder unregelmäßigem Einkommen überproportional stark.“ Vor allem Haushalte mit geringen Einkommen sind davon betroffen. Guivarch: „Strukturelle Ungleichheiten nehmen zu: Rund ein Drittel der Bevölkerung verdient weniger als 1.525 Euro pro Monat, etwa 740.000 Menschen sind ohne Bankkonto, mehr als 1,4 Millionen sind Migrantinnen und Migranten, und über 12 Millionen Menschen gelten als armutsgefährdet.“ Hinzu kommen Bonitätsbewertungen, die auch bei einfachen Kontomodellen eine Rolle spielen können.

Guivarch: „Viele werden aufgrund von SCHUFA-bezogenen Einträgen ausgeschlossen. Klassische Bonitätshistorien wirken häufig selbst bei einfachen Konten als Zugangshürde – und verstärken damit Ausgrenzung, anstatt Zugang zu ermöglichen.“

Alternative Modelle im Markt

Parallel zu traditionellen Bankangeboten entstehen zunehmend alternative Modelle, die bewusst niedrigere Zugangshürden schaffen wollen.Der Kontoanbieter Nickel verfolgt beispielsweise einen Ansatz, bei dem Konten unabhängig von Einkommen oder Bonität eröffnet werden können. Kreditfunktionen wie Dispokredite werden bewusst nicht angeboten, wodurch kein klassisches Kreditrisiko entsteht. Der Zugang basiert ausschließlich auf der Identitätsprüfung. Konten können zudem innerhalb weniger Minuten über lokale Verkaufsstellen eröffnet werden und sind sofort nutzbar.

Solche Modelle zeigen, dass finanzielle Inklusion auch über marktwirtschaftliche Innovationen entstehen kann – ohne zusätzliche staatliche Programme.

Vertrauen als Stabilitätsfaktor im Finanzsystem

Neben strukturellen Fragen spielt auch Vertrauen eine entscheidende Rolle. Finanzsysteme funktionieren nur, wenn Menschen bereit sind, sie zu nutzen.

Guivarch sieht hier eine wichtige Aufgabe für Finanzanbieter: „Einfache und transparente Kontomodelle geben den Menschen die Kontrolle über ihre Finanzen zurück. Die Einsicht in den Kontostand in Echtzeit, klare Preisstrukturen und benutzerfreundliche Tools ermöglichen es Kundinnen und Kunden, ihr Geld eigenständig zu verwalten und fundierte Entscheidungen zu treffen.“

Solche Ansätze können nicht nur individuelle Hürden reduzieren, sondern auch das Vertrauen in Finanzdienstleistungen insgesamt stärken. Guivarch: „Im Fall von Nickel hat Disruption für alle Beteiligten Mehrwert geschaffen: finanziell ausgeschlossene Menschen erhalten Zugang, lokale Geschäfte profitieren von zusätzlicher Kundschaft und Umsätzen, und das Finanzökosystem wird inklusiver – ohne dass jemand benachteiligt wird.“

Finanzielle Inklusion als wirtschaftspolitische Zukunftsfrage

Mit der fortschreitenden Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung wird der Zugang zum Finanzsystem weiter an Bedeutung gewinnen.

Die zentrale Herausforderung besteht darin, Finanzsysteme so zu gestalten, dass sie nicht nur effizient und sicher sind, sondern auch möglichst vielen Menschen offenstehen. Denn ein funktionierender Finanzmarkt lebt letztlich davon, dass möglichst viele Menschen daran teilnehmen können.