KryptoKlartext Episode 9: Stablecoins & CBCDs - Wer kontrolliert das Geld der Zukunft?

09.01.2026

Philip Fihol und Philipp Sandor / Foto: © Melek - stock.adobe.com

In den vergangenen Episoden dieser Kolumne haben wir uns intensiv mit Tokenisierung, digitaler Verwahrung, DeFi und Interoperabilität beschäftigt. Dabei wurde deutlich: Viele Bausteine des zukünftigen Finanzsystems sind bereits vorhanden. Doch ein zentrales Puzzlestück fehlte lange – das passende Geld für digitale Kapitalmärkte. Denn was nützt ein tokenisiertes Wertpapier, wenn der Zahlungsfluss weiterhin über langsame, kostspielige und fragmentierte Bankinfrastruktur abgewickelt werden muss?

Genau hier setzen Stablecoins und digitale Zentralbankwährungen (CBDCs) an. Und sie stehen heute im Mittelpunkt eines globalen wirtschaftlichen Wettbewerbs, der darüber entscheidet, wer die finanzielle Infrastruktur der Zukunft gestaltet.

Warum blockchainbasiertes Geld entscheidend ist

Das echte Potenzial der Tokenisierung entfaltet sich erst, wenn Asset und Geld auf derselben Infrastruktur abgewickelt werden. Tokenisierte Unternehmensanleihen werden bereits emittiert, Fondsanteile können auf der Blockchain geführt werden, und DeFi zeigt täglich, wie automatisierte Liquiditätsmechanismen funktionieren. Doch solange Geld und Vermögenswerte nicht in derselben digitalen Umgebung leben:

  • dauern Abwicklungen weiterhin Stunden oder Tage,
  • benötigen Transaktionen Intermediäre,
  • und Smart Contracts können nicht vollständig automatisiert ausführen, weil das Geld selbst noch nicht programmierbar ist.

Fazit: Ohne digital-native Zahlungsmittel bleibt die Blockchain nur ein Stück der Lösung.

Euro-Stablecoins: Die operative Grundlage digitaler Kapitalmärkte

Europa hat sich dieser Herausforderung angenommen und mit der MiCA-Regulierung einen einheitlichen Rechtsrahmen für Stablecoins geschaffen. Der für die Finanzwelt relevante Begriff lautet dabei „E-Money-Token“ – digitale Euros, vollständig gedeckt, jederzeit rücktauschbar und unter aufsichtsrechtlicher Kontrolle. Damit unterscheidet sich der europäische Ansatz deutlich von der unregulierten Stablecoin-Entwicklung der frühen Krypto-Jahre. Die Zukunft digitaler Euros soll seriös, transparent und institutionell sein. Zwei zentrale Akteure aus der privaten Marktwirtschaft sind Allunity und Circle, die Euro-Stablecoins für digitale Kapitalmarktprozesse bereitstellen. Beide zielen darauf ab, schnelle, programmierbare Abwicklungen zu ermöglichen und nahtlos in Handelsplattformen, Buchhaltungssysteme und DeFi-Strukturen integriert zu werden. Allunity, ein Joint Venture von DWS, Flow Traders und Galaxy Digital, wurde 2023 gegründet und fokussiert sich auf Settlement in institutionellen Märkten. Circle, 2013 in den USA gegründet, ist insbesondere durch den US-Dollar-Stablecoin USDC bekannt und bringt mit EURC sein Modell für Unternehmen, Finanzdienstleister und Zahlungsprozesse nach Europa. In der Praxis verfolgen beide Unternehmen das gleiche Ziel: ein digitales Euro-Settlement für institutionelle Prozesse. Der dritte zentrale Akteur ist Societe Generale Forge (SG Forge). Hier stammt der Stablecoin direkt aus dem Bankensystem. Der Euro-Stablecoin EURCV richtet sich an institutionelle Investoren und dient gezielt der Abwicklung von tokenisierten Anleihen und Wertpapieren auf regulatorisch konformen Infrastrukturen.

CBDCs: staatliches Geld, aber nicht programmierbar

Parallel dazu arbeiten Zentralbanken weltweit an CBDCs. In Europa ist der digitale Euro derzeit in der Vorbereitungsphase. Doch sein Design unterscheidet sich grundlegend von Stablecoins. Der digitale Euro soll vor allem als digitales Pendant zu Bargeld dienen: sicher, staatlich garantiert, aber bewusst nicht programmierbar. Er ist kein SettlementAsset für automatisierte Kapitalmarktprozesse, sondern ein allgemein zugängliches Zahlungsmittel. In gewisser Weise nimmt der digitale Euro also eine Rolle ein, die heute Münzund Papiergeld erfüllen – nur digital und ohne auf Banken angewiesen zu sein.

Der Blick über Europa hinaus

Während Europa strukturiert reguliert, verläuft die Entwicklung in den USA dynamischer und stärker marktgetrieben. Dort haben sich Stablecoins bereits tief in Handels-, Zahlungsund Krypto-Infrastrukturen eingebettet. Der Markt wird vor allem von USDC (Circle) und USDT (Tether) dominiert. Mit dem Genius Act arbeitet der US-Kongress nun an einem gesetzlichen Rahmen, der Stablecoins als regulierte, voll gedeckte digitale Dollar definiert und Banken wie auch FinTechs erlauben soll, solche Instrumente zu emittieren. Hinter dem Gesetz steht eine klare strategische Überlegung: Der US-Dollar soll seine globale Leitwährungsrolle nicht nur im Bankensystem, sondern auch in offenen digitalen Netzwerken behalten. USDC fungiert dabei bereits heute als „Dollar auf der Blockchain“. Unternehmen verwenden ihn für Treasury-Management, FinTechs für internationale Zahlungen, Broker für Settlement. Damit sind Stablecoins in den USA weniger ein Experiment, sondern zunehmend Infrastruktur. In Asien ist die Dynamik grundlegend anders. China verfolgt mit dem digitalen Yuan (e-CNY) das derzeit ambitionierteste CBDC-Programm weltweit – jedoch mit völlig anderem Zielbild.

Der e-CNY:

  • wird von der Zentralbank direkt ausgegeben, nicht über Geschäftsbanken,
  • ist nicht programmierbar im offenen Sinn, sondern kontrolliert über staatlich definierte Nutzungsbedingungen, • ist vollständig in das nationale Überwachungssystem integrierbar, inklusive Möglichkeit zur Transaktionsverfolgung in Echtzeit,
  • und wird in Pilotzonen im Einzelhandel, Gehaltszahlungen, öffentlichen Verkehrssystemen und staatlichen Subventionsprogrammen bereits breit getestet.

Wo die USA versuchen, ihre Währungsdominanz über offene digitale Märkte zu sichern, nutzt China digitale Zentralbankwährung als Instrument geopolitischer Kontrolle und finanzieller Souveränität – bewusst ohne offene Interoperabilität zu Stablecoins oder globalen Blockchains. Die drei Regionen verfolgen damit klar unterschiedliche philosophische Ansätze: Europa setzt auf regulierte Privatinitiative, die USA auf marktdominierende Dollar-Standards, und Asien auf staatliche Steuerung und Infrastrukturkontrolle. Für den Kapitalmarkt bedeutet dies: Stablecoins werden vorerst die Rolle des digitalen Buchgeldes einnehmen, während CBDCs digitales Bargeld abbilden. Und in der Finanzindustrie ist Buchgeld relevanter als Bargeld.

Fazit - Programmierbares Geld als Motor des Kapitalmarkts

Stablecoins und programmierbares Geld verändern die digitale Kapitalmarktinfrastruktur grundlegend. Europa setzt auf regulierte, institutionelle Lösungen wie Allunity, Circle und SG Forge, die bereits heute reale Handels- und Abwicklungsprozesse in Sekunden ermöglichen. CBDCs ergänzen diese Landschaft als digitales Bargeld, sind jedoch bewusst nicht programmierbar. Weltweit zeigt sich: Wer das digitale Geld kontrolliert, beeinflusst Handel, Zahlungsverkehr und Kapitalmarktinnovationen. Doch Stablecoins sind nicht nur ein Werkzeug für Abwicklungen und Settlement – sie eröffnen Unternehmen auch neue Möglichkeiten, strategische Kapitalreserven in digitalen Assets aufzubauen.