Nachhaltigkeit – was es dringend bedarf

24.03.2020

Richard Schmidt, Leiter Absolute Return und Nachhaltigkeitsexperte bei DJE / Foto: © DJE

finanzwelt: Nunmehr hat der von der Bundesregierung eingesetzte Sustainable-Finance-Beirat einen Zwischenbericht mit Handlungsansätzen vorgelegt. Was bedarf es für eine wirksame Sustainable-Finance-Strategie?

Schmidt: Ähnlich wie die noch zu verabschiedende europäische Taxonomieverordnung zielt die Sustainable Finance-Strategie sehr stark auf die Verminderung der Emissionen an Treibhausgasen ab. Dies ist seit den Pariser Klimabeschlüssen der Hauptzielpunkt der Nachhaltigkeitspolitik. Investmentfonds, wie der DWS Concept DJE Responsable Invest, haben sich diesen Schwerpunkt zu eigen gemacht und investieren nur in Unternehmen mit niedrigen CO2-Emissionen. Bis zum 3. April dieses Jahres haben Akteure aus der Finanzwirtschaft und aus Politik und Wirtschaft nun die Möglichkeit, ihre Änderungswünsche für eine Sustainable Finance-Strategie einzubringen. Danach wird sich herauskristallisieren, ob es zu ersten konkreten Vorgaben für die Investmentgemeinde kommt. Denn an wirklich einheitlichen, konkreten Nachhaltigkeitskennzahlen mangelt es bisher noch. Es steht so gut wie nur die Kennziffer CO2-Ausstoss im Raum, die bei den Unternehmen aber auch noch nicht einheitlich und allumfassend gemessen wird.

finanzwelt: Vielfach kommt der Einwand, es fehle das rechtlich verbindliche Rahmenwerk, insbesondere eine einheitliche Taxonomie von grüner bzw. nachhaltiger Finanzierung. Wie wichtig ist eine rechtliche Bindung?

Schmidt: Ohne eine verbindliche gesamteuropäische Lösung in Bezug auf die Definition von nachhaltigen Investments, auf Obergrenzen von nicht-nachhaltigen Investments, und in Bezug auf die Transparenz dieser Investments wird die Taxonomie keine Schlagkraft entwickeln. Denn es wird immer wieder Anbieter von Investmentprodukten geben, die sich zwar nachhaltig nennen, es aber nicht wirklich sind.

Dieser einheitlichen Regelung stehen seit Jahren die Partikularinteressen einzelner Länder entgegen. So ist Polen sehr stark von Kohlestrom abhängig, während Frankreich auf Atomstrom setzt. Dementsprechend möchte Frankreich bei Investition einen Deckel bei CO2-Emissionen und einen möglichst hohen Preis für CO2-Zertifikate einführen, während Polen dieses Vorgehen als riesigen Kosten- und Investitionsnachteil für die heimische Wirtschaft ansieht und sein Veto einlegt. Über die für Brüssel typischen Paketlösungen – höhere Agrarsubventionen für Polen, dafür sukzessiver Einzug an CO²-Zertifikaten und damit Preissteigerung – wird man sich langsam einer gesamteuropäischen Lösung nähern.

Das Interview führte Alexander Heftrich