„Ohne saubere Datenbasis keine KI“
06.02.2026

Sasha Justmann, CTO von blau direkt. Foto: © blau direkt
Struktur vor Features, Daten vor KI-Visionen: Sasha Justmann, CTO von blau direkt, spricht im exklusiven Interview mit uns über ein Jahr grundlegender Technologiearbeit, Community-getriebene Produktentwicklung und warum assistenzbasierte Maklerbüros aus seiner Sicht die Zukunft der Branche sind.
Herr Justmann, Sie wurden Anfang vergangenen Jahres als neuer Chief Technology Officer bei blau direkt vorgestellt. Wenn Sie zurückblicken: Was ist seitdem passiert? Wie würden Sie das vergangene Jahr zusammenfassen?
Sasha Justmann: Kurz gesagt: sehr viel – vor allem unter der Oberfläche. Mein Fokus lag von Beginn an weniger auf einzelnen Features, sondern auf Strukturarbeit. Themen wie Cloud-Infrastruktur, Systemvernetzung, Entwicklungsstabilität, saubere Prozesse und ein klareres Produktmanagement standen im Mittelpunkt. Natürlich haben wir auch viele neue Funktionen veröffentlicht – statistisch mehr als je zuvor. Aber mindestens genauso wichtig war es, Grundsteine zu legen. Denn ein Maklerpool mit eigener IT-Dienstleistung muss so aufgestellt sein, dass er langfristig stabil, skalierbar und integrationsfähig bleibt. Genau daran haben wir intensiv gearbeitet.
Ein zentrales Stichwort, das Sie auch immer wieder betonen, ist Konnektivität. Was bedeutet das konkret?
Justmann: Für mich war von Anfang an klar: Marktplatzdenken, API-Ökonomie und Vernetzung mit dem Markt müssen konsequent vorangetrieben werden. Weg von isolierten Funktionen und einzelnen Masken, hin zu einer integrierten Produktlandschaft. Mit unserer Plattform Ameise haben wir inzwischen rund 30 Drittanbieter-Integrationen, etwa zu Vergleichsrechnern oder InsurTechs. Allein in diesem Jahr werden noch einmal ähnlich viele dazukommen. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis der strukturellen Arbeit im vergangenen Jahr. Erst diese Konnektivität ermöglicht es uns heute, Themen wie Künstliche Intelligenz sinnvoll umzusetzen. Ohne diese Basis wären viele der jüngst vorgestellten KI-Anwendungen schlicht nicht realisierbar gewesen.
Blau direkt ist mit dem Anspruch angetreten, schneller auf Marktanforderungen zu reagieren. In der Vergangenheit wurde das nicht immer so wahrgenommen. Was hat sich verändert?
Justmann: Die Kritik ist nicht unbegründet. Wir hatten große Projekte mit hohen Ansprüchen – etwa bei KI, Konnektivität oder der grundlegenden Überarbeitung der Ameise. Das hat die Planbarkeit teilweise erschwert. Mein Anspruch war daher, den gesamten Weg vom Versprechen bis zur technischen Umsetzung stringenter zu gestalten. Ein zentraler Hebel dafür sind deutlich kürzere Planungszyklen. Wir arbeiten heute mit quartalsweisen Roadmaps unter dem Leitgedanken „AI first“. Das bedeutet nicht nur schneller zu planen, sondern bewusster zu entscheiden: Was braucht der Markt jetzt? Welche Themen nehmen wir wieder auf, welche lassen wir bewusst liegen? Diese Entscheidungen treffen wir nicht im Elfenbeinturm, sondern gemeinsam mit unserer Community.
Stichwort Community: Sie betonen regelmäßig die Rolle der Maklerinnen und Makler im Entwicklungsprozess. Wie sieht das in der Praxis aus?
Justmann: Die Community ist kein einzelnes Forum, sondern die Summe aller Kontaktpunkte: Veranstaltungen, Gespräche, Online-Foren, Social Media, direkte Rückmeldungen aus dem Vertrieb. Dabei ist die Bandbreite groß. Es gibt sehr technikaffine Makler, die uns exakt sagen, an welcher Schnittstelle sie welches Datenfeld benötigen. Und es gibt Makler, die eher einen gesunden Respekt vor neuen Technologien haben und ihre Anforderungen nicht technisch formulieren. Unsere Aufgabe ist es, beides zusammenzubringen. Wir lesen, hören zu und diskutieren. In regelmäßigen, fachbereichsübergreifenden Meetings werden Anforderungen gemeinsam bewertet: Was ist das eigentliche Problem? Welchen Nutzen hat eine Lösung im Makleralltag? Erst dann geht es in die Priorisierung und Umsetzung. Das ist aus meiner Sicht echte nutzerorientierte Softwareentwicklung – und in dieser Konsequenz nicht selbstverständlich.
Wenn Sie blau direkt im technologischen Wettbewerb einordnen: Wo stehen Sie heute?
Justmann: Ich beantworte das bewusst persönlich. blau direkt ist in einer besonderen Situation: Wir waren Marktführer, sind es und wollen es bleiben. Der entscheidende Faktor ist unsere Datenbasis. Mit der Ameise und den integrierten Werkzeugen haben wir eine Datenqualität geschaffen, die essenziell ist für alles, was jetzt kommt. Die Zukunft des Maklers liegt aus meiner Sicht nicht in perfekter Backend-Administration, sondern in qualifizierter Beratung. Dafür braucht es effiziente, datengetriebene Werkzeuge. KI funktioniert nur dort sinnvoll, wo Daten sauber, aktuell und konsistent sind. Genau hier sehen wir unsere Stärke – kombiniert mit dem Anspruch, KI für unterschiedliche Nutzertypen zugänglich zu machen: vom technikaffinen Makler bis zu denen, die eher vorsichtig herangehen.
Was dürfen Maklerinnen und Makler konkret im Jahr 2026 erwarten?
Justmann: Wir entwickeln konsequent in Richtung Assistenzsysteme. Angefangen beim Vertragspiloten, der Dokumente ausliest, Verträge automatisch anlegt und Prozesse beschleunigt. Darauf aufbauend folgen Chatbots, Voice Assistants und KI-gestützte Beratungsanalysen. Das Ziel ist klar: Der Makler soll administrativ entlastet werden. Die Systeme bereiten Gespräche vor, dokumentieren sie nach, steuern Aufgaben und übernehmen einen Großteil der administrativen Arbeit im Hintergrund. Langfristig werden wir uns von komplexen Masken verabschieden. Ich glaube, die Zukunft ist weitgehend „buttonless“. Interaktion erfolgt über Sprache und Text – nicht über Klickstrecken.
Bei all dem stellt sich die Frage nach Cyber- und Datensicherheit. Wie gehen Sie damit um?
Justmann: IT-Sicherheit ist für mich ein Kernthema. blau direkt ist – nach unserem Kenntnisstand – der einzige Maklerpool in Deutschland mit einer umfassenden ISO-Zertifizierung für die eigenen Kernprozesse.Darauf aufbauend bereiten wir uns auf weitere regulatorische Anforderungen vor, etwa durch den EU AI Act, DORA oder kommende Compliance-Vorgaben. Wichtig ist: Sicherheit darf kein Entwicklungsblocker sein. Wir verstehen IT-Security, Produktmanagement und Vertrieb als sich gegenseitig unterstützende Einheiten. Zudem sichern wir nicht nur unsere eigenen Systeme ab, sondern auch die gesamte Dienstleisterkette über ein strukturiertes Vendor-Management. Makler profitieren davon, weil sie integrierte Tools nutzen können, die regulatorisch geprüft sind. Gleichzeitig bleibt die Verantwortung im eigenen Maklerbetrieb bestehen – Sicherheit endet nicht an der Systemgrenze. (hs)

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