Sicherheitsrisiko Touchscreen: Was sagen die Kfz-Versicherer?
09.01.2026

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Touchscreens im Auto gelten als Zukunftstechnologie, doch sie bergen ein enormes Sicherheitsrisiko. Studien zeigen, dass die Bedienung von Touchscreens den Fahrer ablenken. Schon einfache Bedienungen verlängern die Reaktionszeit stärker als Alkohol am Steuer. Bei 110 km/h bedeutet das schnell über einen Kilometer Blindfahrt. Während die Hersteller weiter auf große Displays setzen, wächst die Sorge um die Verkehrssicherheit. finanzwelt hat Kfz-Versicherer gefragt, wie sie die Risiken bewerten und ob eine gesetzliche Regelung notwendig ist.
Dr. Normann Pankratz, Vorstandsmitglied, Debeka
Alkohol am Steuer gehört zu den häufigsten Ursachen schwerer Verkehrsunfälle. Die Auswirkungen auf Reaktionsfähigkeit, Wahrnehmung und Koordination sind gravierend, die rechtlichen Folgen entsprechend streng. Auch die Nutzung von Smartphones während der Fahrt ist hochriskant. Studien zeigen, dass die Reaktionszeit ähnlich stark beeinträchtigt ist wie bei 0,8 Promille Alkohol. Die Bedienung von Touchscreens im Fahrzeug verursacht vergleichbare Ablenkung, insbesondere wenn zentrale Funktionen wie Klimasteuerung oder Navigation über komplexe Menüs gesteuert werden. Obwohl die Rechtslage weniger eindeutig ist, sollte die Nutzung während der Fahrt ähnlich wie die Handynutzung hinterfragt werden. Der Nachweis ist für Ermittlungsbehörden jedoch schwierig. In unseren Risikomodellen und Tarifen wird das Touchscreen-Risiko derzeit nicht berücksichtigt.
Dr. Thomas Niemöller, Vorstand, EUROPA Versicherung AG
Das Unfallrisiko durch die Bedienung von Touchscreens im Auto schätzen wir derzeit als gering ein. Eine gesetzliche Regulierung analog zum Handyverbot halten wir daher aktuell nicht für erforderlich, da Erfahrungswerte für eine weitergehende Bewertung fehlen. Sollte der Funktionsumfang künftig deutlich erweitert werden und dadurch eine stärkere Ablenkung des Fahrers entstehen, wäre eine Neubewertung sinnvoll. In unsere Risikomodelle oder die Tarifgestaltung beziehen wir die Nutzung von Touchscreens daher derzeit nicht ein.
Christian Hartrampf, Kfz-Experte, R+V Versicherung
Uns liegen keine externen oder internen Statistiken darüber vor, in wie vielen Fällen die Nutzung eines Touchscreens zu einem Schadenfall geführt hat. Zwar gibt es für Mobiltelefone ein Nutzungsverbot, aber die Durchsetzung ist mangels effektiver Kontrollmöglichkeiten schwierig. Zudem ist es aus unserer Sicht schwer vorstellbar, die Nutzung eines im Fahrzeug verbauten Fahrzeugteils wie eines Touchscreens zu verbieten. Teilweise sind bestimmte Funktionalitäten während der Fahrt gesperrt, wie etwa das Anschauen von Videos. Entsprechende Risikoausschlüsse im Versicherungsbereich halten wir in der Kfz-Haftpflichtversicherung für rechtlich nicht möglich. In der Kaskoversicherung werden Leistungskürzung bei grob fahrlässiger Herbeiführung des Versicherungsfalls bereits berücksichtigt. Für ein Tarifierungsmerkmal fehlt es aus unserer Sicht an der wirksamen Kontrollierbarkeit sowie an versicherungstechnischen Statistiken hinsichtlich der Differenzierung des Schadenbedarfs.
Kirstin Zeidler, Leiterin Unfallforschung der Versicherer, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV)
Touchscreens im Auto bergen ein hohes Unfallrisiko, da sie ablenken können – ähnlich wie Smartphones. Wendet man den Blick bei Tempo 50 eine Sekunde von der Straße ab, fährt man 14 Meter blind, sieht Fußgänger, Radfahrer oder Hindernisse nicht oder zu spät. Ob man dabei auf das Smartphone oder den Touchscreen schaut, ist egal. Tatsächlich ist es verboten, sich Touchscreens während der Fahrt länger als „kurze Zeit“ zuzuwenden. So regelt es der Gesetzgeber, schließt dabei Screens oder Navis ein. Erlaubt ist lediglich ein kurzer Blick auf den Bildschirm. Das Problem ist, Verstöße nachzuweisen. Deshalb sollten Daten von Aufmerksamkeitswarnern, die 2026 in neue Fahrzeuge einziehen, in der Black-Box des Autos gespeichert werden, um sie nach einem Unfall auslesen zu können. Wichtige Fahrfunktionen wie Blinker, Scheibenwischer oder Licht sollten intuitiv über Knöpfe oder Schalter bedienbar sein statt über Touchscreens. Wichtig ist auch, dass sich Fahrende bewusst sind, wie gefährlich Ablenkung am Steuer ist. (mho)

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