Wenn die Nase läuft, läuft der Countdown
08.01.2026

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Warum den Finanzdienstleistern im Dezember nicht nur der Rotz runter-, sondern auch die Zeit davonläuft – und was die IDD wirklich von uns will.
Im Winter läuft die Nase. Und im Dezember läuft – zumindest in der Finanzbranche – der Countdown. Nicht für Geschenke, sondern für Weiterbildung. Denn während draußen der Frost an den Scheiben knabbert, schwitzen drinnen unzählige Vermittler über E-Learnings, Zertifikaten und Multiple-Choice-Tests.
Warum? Na, weil wir müssen. Seit 2018 verpflichtet uns die Insurance Distribution Directive (IDD) zu jährlich 15 Stunden Weiterbildung – festgeschrieben in § 34d GewO und § 48 VAG. Nach einer Übergangsphase bis Oktober 2018 kam 2022 noch die Pflicht hinzu, Nachhaltigkeitspräferenzen (ESG) in der Beratung zu berücksichtigen.
Das ist alles wichtig und richtig so – nur mit der Umsetzung hapert’s. Denn im Dezember, wenn andere besinnlich werden, verwandelt sich unsere Branche in ein digitales Klassenzimmer mit Spekulatiusduft. Frank Rottenbacher von Going Public erzählte mir einmal schmunzelnd, seine Server glühten zwischen Weihnachten und Neujahr mehr als der Glühwein auf dem Christkindlmarkt – „weil dann alle gleichzeitig ihre Nase in die Fortbildung stecken“.
Wir sind Meister im Lernen auf den letzten Drücker. Schon in der Schule wussten wir: Je näher die Prüfung, desto schärfer die Sinne. Und so schnüffeln wir auch heute noch kurz vor Jahresende durch IDD-Module, als hinge unser Riechkolben davon ab.
Übrigens: In anderen Ländern duftet die Pflicht ganz anders. Die IVASS-Verordnung Nr. 40/2018 verpflichtet italienische Versicherungsvermittler zu 30 Stunden Weiterbildung pro Jahr – doppelt so viel, aber halb so viel Gejammer. Molto bene!
Hierzulande dagegen rümpfen viele die Nase, sobald es ums Lernen geht. Wir fordern lautstark mehr finanzielle Bildung in der Schule, doch wenn’s um die eigene geht, müssten wir uns an die eigene Nase packen.
Wie viele Kolleginnen und Kollegen haben ihre 34d-Erlaubnis vor Jahren gemacht – und seither kaum noch frische Bildungs-Luft geschnuppert? Und so gleichen wir bisweilen einem Rudel Nasenbären: geschäftig, mit feiner Spürnase für Courtagen und Bestände, aber erstaunlich unempfindlich, wenn’s um die eigene Weiterbildung geht. Diese duftet bisweilen nach einer feinen Note von „Pas-le-temps-pourça No. 5“.
Dabei geht es nicht um Bürokratie, sondern um Haltung. Wer anderen den Weg durch den Finanzdschungel zeigen will, sollte wissen, wohin er selbst läuft. Oder, um im Bild zu bleiben: Wer anderen den richtigen Riecher für Geldanlagen vermitteln will, darf den eigenen nicht verlieren.
Dabei macht Lernen doch Spaß – also mir zumindest. Und unsere Kundinnen und Kunden bekommen eine Beratung, die nicht nach „von gestern“ müffelt.
Was Chance ist, kann auch stören: Ein Großteil der IDD-Angebote wird von Versicherern „gesponsert“ – und hinterlässt Alle Bilder by Gregor Haase / www.instagram.com/gregorhaase so eine verdächtige Silage nach Marketing. Da wird über Grundsätzliches gesprochen, manchmal mit einer Kopfnote Werbebotschaft, und am Ende gibt’s ein Teilnahmezertifikat samt IDD-Eintrag auf gutberaten.de. Formell korrekt – inhaltlich oft dünn.
Vielleicht wäre es an der Zeit, die Pflicht selbst neu zu beschnuppern. Warum nicht quartalsweise vier bis sieben Stunden? Ein Tag Bildung alle drei Monate – machbar, lebbar, wirksam. Und vor allem: Es würde Routine schaffen statt Druck. Denn Bildung ist kein Jahresendgeschäft, sondern ein Dauerlauf mit der Nase im Wind. Wer sich wirklich weiterentwickeln will, sollte das nicht auf Ende Dezember vertagen.
Unsere Branche braucht keine Pinocchios, die sich Kundenorientierung auf die Fahne schreiben und sie dann im Dezember notgedrungen nasal hissen, sondern ein paar ambitionierte Lernwillige – und Angebote, die Spaß machen. Am besten übers Jahr verteilt.
Die IDD-Klasse, quasi.
Ein Beitrag von BANKROCKER® | Stephan Heider, MBA
... Schlaubischlumpf und Naseweis, hat 2024 satte 165 IDD-Stunden erschnüffelt. In 2025 … ähm ...
Und für alle, die lieber hören statt lesen - hier der Bankrocker-Beitrag als Audio-Datei:

Bankrocker Stephan Heider / Foto: © Alexey_Testov

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