Wird der Rentenmarkt zum Pulverfass?
05.10.2026

Foto: © Unknown OP - stock.adobe.com
Die Presse ist voll von Meldungen. Vieles von der High Society, vieles vom Sport. Natürlich auch von der Politik. Sogar auch zum Aktienmarkt. Hier wird über KI, Chancen am Aktienmarkt usw. berichtet. Ganz aus der Beobachtungslinie geraten ist ein Markt, der genauso groß ist wie der Aktienmarkt, aber eine ganz wichtige Aussagekraft hat: Was ist der Preis für Geld. Ich rede vom Zinsmarkt, vor allem vom Anleihemarkt.
Völlig unbeachtet von Anlegern, Analysten, Journalisten und Beratern hat der zehnjährige Zins im Sommer 2022 seinen seit 1981! intakten Abwärtstrend gebrochen. Nun läuft er Gefahr, als Abschluss der Bodenbildungsphase nach oben auszubrechen. Gelingt dies, könnte es verheerende Auswirkungen haben.
Zunächst einmal die Fakten. Der wichtigste Zins ist der für zehnjährige Staatsanleihen. Das letzte Hoch im Euro lag im Jahr 2009 bei 3,6 Prozent. Letzte Woche stieg sie über 3,60 Prozent. Also nahezu die höchsten Zinsen seit 17 Jahren. Ähnlich, aber etwas höher liegen sie bei den Gläubigern Spanien (4,15 Prozent), Italien (4,63 Prozent) und Frankreich (4,87 Prozent). Noch höher liegen die Zahlen in Großbritannien mit aktuell 5,44 Prozent (Hoch 2000 bei 5,7 Prozent). Bereits gebrochen wurde in Japan das Hoch aus dem Jahr 1998 bei zwei Prozent (aktuell 3,10 Prozent). Der größte Markt, die USA, zeigt die gleiche Tendenz. Das Hoch im Jahr 2008 lag bei fünf Prozent, letzte Woche überschritten sie die fünf-Prozent-Marke (5,29 Prozent).
Achtung, wenn es heißt: Das ist der Ausverkauf. Vielleicht bekommen wir nur wieder Renditen, die vor Jahren „normal“ waren. Bitte nicht erschrecken: Vor 1997 lag das niedrigste Zinsniveau bei 5,44 Prozent! Höchste Renditen erzielte man in 1981 bei elf Prozent. Die weiteren Hochpunkte lagen in 1990 bei neun Prozent, in 1994 bei 7,7 Prozent und zur Jahrhundertwende immer noch bei 5,5 Prozent. Da ist aktuell noch jede Menge Luft nach oben, zumal die Schulden massiv gestiegen sind.
Welche Schwierigkeiten kommen auf den Zinsmarkt zu: Das größte Problem ist der immer schneller steigende Schuldenberg. Zum einen ist es die bereits erreichte Größenordnung von weltweit 348 Bill.. Zum anderen, und das ist vielleicht noch gravierender: Die Staatsschulden steigen weiter und fast noch schneller. Und zwar weitaus stärker als das weltweite BIP. Das bedeutet: Die Welt konsolidiert nicht, sie beschleunigt ihre Schulden. Hinzu gesellen sich aktuell die irrwitzigen Investitionen in dem KI-Bereich. Aber Meta, Nvidia, Microsoft und Co. finanzieren nicht nur am Anleihemarkt, sondern auch am privaten Kreditmarkt (Hedgefonds, private Equity), der nicht der staatlichen Aufsichtsbehörden unterliegt. Diese Schattenkredite werden auf immerhin drei Billionen geschätzt. Ausfälle könnten zum Auslöser einer Krise werden.
Weiterhin ist eine nennenswerte Inflation zurück. Solange kostspielige Kriege geführt werden, die Energiepreise steigen und dann noch unsinnige Zölle auferlegt werden, wird die Geldentwertung nicht zurückgehen. Bezüglich der Inflation wird der Bürger in Deutschland ein wenig zum Narren gehalten. Zum einen verändert das statistische Bundesamt mitunter die Berechnungsformel (beispielsweise Gewichtung). Zum anderen entsprechen die Veröffentlichungen nicht ganz der Realität. Die September-Inflation soll 3,3 Prozent gewesen sein. Es wird aber vergessen, dass mit diesem Anstieg die Inflation seit 2021 um satte 25,8 Prozent gewachsen ist. Auch die Aussage, dass durch Gehaltserhöhungen ein Kaufkraftgewinn entstanden ist, übertüncht die wahre Rechnung. Denn von dem höheren Gehalt verbleiben dem Empfänger netto nur durchschnittlich 60 Prozent (drei Prozent netto statt fünf Prozent brutto). Ähnlich ergeht es dem Anleger, der in zehnjährige Staatsanleihen investiert. Von den 3,6 Prozent bleiben netto nur 2,6 Prozent übrig. Für den Anleger/Gehaltsempfänger müssten demnach die Inflation zurückgehen oder die Renditen/Gehälter weiter steigen, wenn die Kaufkraft erhalten werden soll.
Und Drittens: Das Vertrauen in Regierungen und Kapitalmärkte bröckelt. Ein Beweis ist u.a. der gestiegene Goldpreis und die Tatsache, dass die US-Regierung langlaufende Anleihen selbst gekauft hat (auf Schulden natürlich), aber die Renditen danach sogar gestiegen sind. Die Börse glaubt offensichtlich nicht, dass der Staat die Käufe dauerhaft durchführen kann. Man nennt das ja auch „Geldentwertung durch die Hintertür“.
Ein sehr großes Problem entsteht durch die hohen Schulden und die steigenden Zinsen, da dadurch die Zinslast im Haushalt der Staaten wächst. In den USA sind die Verbindlichkeiten auf über 40 Billionen gestiegen, so dass bei durchschnittlich vier Prozent die jährlichen Zinszahlungen auf 1,6 Billionen steigen werden. Auch in Deutschland wird es nicht besser. Die Zinsausgaben steigen von 2026 mit 33,7 Milliarden auf 80,7 Milliarden in 2030. Das ist nicht meine Prognose, sondern dem gerade veröffentlichten Finanzplan von Herrn Klingbeil entnommen. Über 80 Milliarden nicht für den Straßenbau, die Bildung und noch nicht einmal für die Bahn. Nur Zinsen. Einfach weg. Jedes Jahr. Und der Zinsaufwand steigt mit höheren Schulden/Zinsen weiter.
Wer soll diesen stetig wachsenden Schuldenberg zukünftig finanzieren? Da alle Staaten Schulden machen, hat keine Regierung Geld übrig, um die Schulden anderer Länder zu kaufen. Bleiben die Anleger und die Institutionellen. Auch wenn das Anlagevermögen gewachsen ist, reicht den Profis das Geld nicht, um alle Schulden zu kaufen. Die Anleger werden immer jünger und manche wissen gar nicht, was der Rentenmarkt ist. Sie tummeln sich im Aktienbereich. Die Älteren (Boomer) gehen oder sind in Rente und kaufen keine Langläufer mehr. Je höher die Zinsen, desto so größer die Auswirkungen auf die Wirtschaft und vor allem auf den Immobilienmarkt. Neubauten sind bei über vier Prozent Zinsen und mindestens ein Prozent Tilgung immer weniger finanzierbar. Zumal speziell die Nebenkosten sich kräftig verteuert haben. Aber es müssen auch die Finanzierungen prolongiert werden, für die ab 2017 Immobilien erworben wurden. Bei ein Prozent Sollzinsen. Etliche haben aufgrund der niederen Zinsen ihre Tilgung damals erhöht. Aber eine Vervierfachung der Zinsen könnten einige Bauherren in finanzielle Schwierigkeiten bringen. In den USA fallen die Immobilien-Umsätze auf historische Tiefs. Verständlich bei Kreditzinsen von nahezu sieben Prozent.
Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite

KI-Panne oder falsches Management?



