2026: Ein Jahr, das die US-Konjunkturskeptiker überraschen dürfte
25.02.2026

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Produktivitätsschub durch KI-Diffusion
Immer deutlicher tritt zutage, dass der jüngste Produktivitätsschub nicht zyklisch bedingt ist, sondern auf eine strukturelle Veränderung verweist, die die Stabilität der US-Wirtschaft grundlegend stärkt. Eine der am wenigsten verstandenen Entwicklungen der vergangenen Jahre ist der beginnende Produktivitätsschub in den USA. Jahrzehntelang wuchs die Produktivität entlang eines flachen Trends von ca. 1,4%. Die erwarteten Zuwächse von ca. 2,4 bis 2,9% für 2026 stellen daher einen tiefgreifenden strukturellen Bruch dar.
Dieser Produktivitätsschub entsteht nicht aus zyklischer Erneuerung, sondern aus dem Übergang von KI-Investitionen hin zur KI-Diffusion. Die erste Phase des KI-Zyklus war geprägt von massiven Infrastrukturausgaben: Rechenzentren, Halbleiterkapazitäten, Training großer Modelle und Hardware für Hochleistungsanwendungen. 2026 beginnt die Phase, in der diese Investitionen in konkrete Prozesse diffundieren.
Unternehmen setzen KI zunehmend ein, um Arbeitsabläufe zu beschleunigen, Fehlerquoten zu senken, administrative Tätigkeiten zu automatisieren und operative Prozesse zu optimieren. Dies ist keine spekulative Perspektive, sondern zeigt sich bereits in den Unternehmensberichten der größten Technologieanbieter, die über die frühen Anwendungen hinweg von einer deutlichen Effizienzsteigerung berichten.
Die demografische Struktur der USA verstärkt diesen Trend. Der Arbeitskräftezuwachs verlangsamt sich, während gleichzeitig eine alternde Bevölkerung den Bedarf an Dienstleistungen, Gesundheitsversorgung und Pflege erhöht. Die USA stehen vor der Notwendigkeit, Produktivität nicht als Option, sondern als Grundlage des Wachstums zu begreifen. Die KI wird dabei nicht als Ersatz für Arbeitskräfte eingesetzt, sondern als eine Ergänzung, die es ermöglicht, wirtschaftliche Aktivität trotz begrenzten Arbeitskräfteangebots zu steigern.
Diese Kombination dient als entscheidender Puffer gegen Margendruck. Wenn Produktivität fast so schnell wächst wie die Löhne, bleiben die Lohnstückkosten stabil. Die operative Nettomarge von ca. 13,3% reflektiert genau diese Dynamik. 2026 dürfte diese Struktur fortgeführt werden, was die Grundlage für das hohe erwartete EPS-Wachstum bildet.
Gewinnwachstum basiert auf struktureller Ertragsbasis
Immer öfter zeigt sich, dass das für 2026 erwartete Gewinnwachstum nicht auf zyklischen Impulsen beruht, sondern auf einer strukturell verankerten Ertragsbasis, die breiter und stabiler ist als in den Jahren zuvor. Die Schätzungen für das Gewinnwachstum des S&P 500 liegen für 2026 im Bereich von ca. 13 bis 14%. Dieser Wert übersteigt das historische langfristige Gewinnwachstum von ca. 5 bis 8% deutlich. Gleichzeitig ist die Bewertung mit einem Forward-KGV von ca. 23 moderat erhöht. Die Frage ist aber gar nicht, ob diese Bewertung hoch ist, sondern worauf sie fußt. Wenn die Gewinne im erwarteten Umfang wachsen, liegt das realisierte KGV der Unternehmen für 2026 im Bereich von ca. 20 bis 21,5. Das ist ein Niveau, das angesichts der strukturellen Veränderungen gerechtfertigt erscheint. Die entscheidende Beobachtung ist, dass die Bewertung nicht durch Spekulation, sondern durch Margen und Produktivität gestützt wird.
Die Rolle der Megacaps bleibt bedeutend, doch das Wachstum wird 2026 breiter verteilt sein. Während die großen Technologieunternehmen ihre dominanten Positionen behalten, verschiebt sich der Wachstumsschwerpunkt zunehmend in Richtung industrieller und infrastruktureller Sektoren. Der Investitionszyklus sorgt so dafür, dass die Ertragsbasis nicht mehr allein auf den größten Technologieunternehmen ruht. Rückkäufe bleiben dabei weiterhin ein stabilisierendes Element. Auch wenn sie in Phasen hoher Bewertung weniger optimal erscheinen, beeinflussen sie das EPS durch die Verringerung der Aktienzahl und wirken dämpfend auf die Gewinnvolatilität.
Sektorale Verschiebung: Industrie holt auf
Die Ertragslage für 2026 weist auf ein Gewinnniveau hin, dass weniger aus zyklischen Sonderfaktoren entsteht als aus einer zunehmend strukturell getragenen Margen- und Produktivitätsbasis. 2026 entsteht eine sektoraleStruktur, die sich deutlich von jener der Jahre 2020 bis 2023 unterscheidet. Während dieser Phase war das Wachstum stark konzentriert. Die Magnificent 7 trugen einen überproportionalen Anteil zur Marktkapitalisierung und zur Ertragsentwicklung bei. 2026 zeichnet sich eine breitere Dynamik ab. Industriewerte profitieren von einer Sichtbarkeit, die sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht hatten. Die Nachfrage nach Maschinenbau, elektrischer Infrastruktur, Fertigungstechnik und Industrieregelungstechnik steigt. Diese Entwicklungen sind nicht zyklisch getrieben, sondern politisch gewollt und strukturell verankert. Kommunikations- und Medienunternehmen profitieren vom steigenden Bedarf an Dateninfrastruktur. Energieunternehmen profitieren vom Ausbau klimaneutraler Stromerzeugung, aber auch von steigender Nachfrage nach konventionellen Energiequellen, die geopolitisch motiviert ist.Healthcare profitiert von der demografischen Struktur und der zunehmenden Integration von KI in medizinische Forschung und Diagnostik. Biotechnologieunternehmen erhalten durch staatliche Förderprogramme, schnellere Zulassungswege und KI-gestützte Forschung strukturelle Vorteile.
Kapitalströme zeigen Vertrauen, nicht Euphorie
Auffällig ist, dass die anhaltende Marktstärke nicht von Euphorie getragen wird, sondern von stabilen Kapitalströmen und einer vorsichtigen, aber konsequenten Positionierung institutioneller Anleger. Kapitalströme sind ein entscheidender Indikator für die Stabilität des Marktes. Die USA bleiben der Anker des globalen Aktienkapitals. Mehr als 70% des MSCI World Index entfällt auf US-Aktien. Die ETF-Volumina haben historische Höchststände erreicht. Wichtig ist, dass die Marktstimmung nicht euphorisch ist. Institutionelle Investoren halten signifikante Goldbestände, was auf Offenheit gegenüber Absicherung hindeutet. Ein Markt, der steigt und gleichzeitig konservative Absicherung aufweist, besitzt eine gesunde Struktur. Die erwartete Marktbreite für 2026 beruht wie gesagt nicht auf spekulativer Hoffnung, sondern auf fundamentaler Logik: Investitionsprogramme, Produktivität, Normalisierung der Zinsen und strukturelles Gewinnwachstum.
Fazit: Widerstandsfähigkeit durch Strukturwandel
Trotz dieser konstruktiven Lage existieren reale Risiken. Politisch motivierte Zollerhöhungen könnten kurzfristig zu „stagflationären" Effekten führen. Sollte sich der Gewinnzuwachs erneut stark auf große Technologieunternehmen konzentrieren, könnte der erwartete breite Marktimpuls ausbleiben. Ebenso besteht das Risiko, dass Produktivitätsgewinne langsamer eintreten als prognostiziert. All diese Risiken sind jedoch nicht struktureller Natur, sondern abhängig von externen Entscheidungen oder zeitlichen Verzögerungen. Die grundlegende Stärke des US-Marktes 2026 beruht auf Effizienzgewinnen, Technologieintegration, moderater geldpolitischer Normalisierung und nachhaltiger Investitionstätigkeit. Diese Faktoren sind weit weniger volatil als geopolitische Schlagzeilen.
Alles weist darauf hin, dass 2026 nicht den Übergang in eine Abschwächung markiert, sondern den Eintritt in eine Phase, in der technologische, fiskalische und produktivitätsgetriebene Kräfte das Fundament der US-Wirtschaft dauerhaft stärken. Die makroökonomische, technologische und fiskalische Struktur der USA führt zu einer seltenen Konstellation: moderates, aber stabiles Wachstum, sinkende Inflation, eine normalisierende Zinsstruktur, ein industrieller Investitionszyklus, eine diffuse KI-Produktivitätswelle und global robuste Kapitalzuflüsse. 2026 ergibt sich daraus kein Bild eines fragilen Spätzyklus, sondern das Bild einer Wirtschaft, die auf einer neuen Strukturebene angekommen ist. Die Verknüpfung von Technologie, Reindustrialisierung und Produktivität schafft eine Basis, die der US-Wirtschaft Stabilität und Expansionskraft verleiht.
Für die Aktienmärkte bedeutet dies: Die fundamentale Leistungsfähigkeit bleibt hoch. Die Marktbreite nimmt sogar zu. Die Gewinne wachsen überdurchschnittlich. Und die strukturellen Treiber sind stärker als die zyklischen Risiken. Die USA bleiben damit nicht nur der dominante Aktienmarkt der Welt, sondern 2026 auch der widerstandsfähigste.
Marktkommentar von Maik Komoss, Managing Partner der Vates Invest GmbH und Portfoliomanager des Vates Aktien USA

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