Aggression im Straßenverkehr wächst weiter
17.08.2026

Foto: Kirstin Zeidler, Leiterin Unfallforschung des GDV © GDV
Das Klima auf deutschen Straßen wird immer rauer und aggressiver. Dies zeigt die regelmäßig erhobene Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Versicherer (UDV) zu Verkehrsklima und Sicherheit im Straßenverkehr. „Nahezu alle 23 ermittelten Werte für aggressives Verhalten haben sich seit der letzten Studie 2023 nochmal weiter verschlechtert, einige sogar deutlich“, sagt UDV-Leiterin Kirstin Zeidler. Die Forschenden beobachten diesen Trend bereits seit zehn Jahren.
„Jeder zweite Autofahrende muss sich sofort abreagieren, wenn er sich über andere ärgert“, so Zeidler (55 Prozent, 2023: 50 Prozent; 2016: 29 Prozent). Fast die Hälfte drängelt mitunter, wenn der oder die Vorausfahrende vermeintlich bummelt (47 Prozent, 2023: 36 Prozent; 2016: 29 Prozent). Und fast ein Drittel schert nach dem Überholen schon mal so dicht ein, dass der andere bremsen muss (32 Prozent; 2023 und 2016: 24 Prozent).
Radfahrende verhalten sich ähnlich: 43 Prozent erzwingen hin und wieder die Vorfahrt (2023: 28 Prozent) und fast jeder zweite überholt Autos auch mal links oder schlängelt sich durch den Verkehr (48 Prozent, 2023: 34 Prozent). „Es ist verantwortungslos, aus Wut oder um schneller ans Ziel zu kommen die Gesundheit oder das Leben anderer aufs Spiel zu setzen“, sagt Zeidler. „Dabei sehen die meisten die Probleme bei anderen, nicht bei sich selbst.“ Wie auch schon in den Vorgängerstudien klaffen Selbst- und Fremdbild weit auseinander. So antworten 92 Prozent aller Autofahrenden, dass sie Radfahrende besonders rücksichtsvoll überholen. Gleichzeitig beobachten 86 Prozent, dass andere zu eng überholen.
Das Selbstbild Radfahrender ist ebenso geschönt: 48 Prozent geben zu, Autos auch mal links zu überholen oder sich durch den Verkehr zu schlängeln, wenn sie rechts nicht vorbeikommen. 83 Prozent beobachten dieses Verhalten bei anderen Radfahrenden.
„Das Leben wird immer hektischer, wir sind quasi permanent erreichbar, der Druck nimmt zu“, so Zeidler. „Das geht auch am Straßenverkehr nicht vorbei, die Zündschnur wird kürzer.“ Auch die Nutzung des Smartphones am Steuer nimmt bedenklich zu. Jeder vierte schreibt während der Fahrt zumindest ab und an Nachrichten, jeder fünfte nutzt soziale Netzwerke. Besonders verbreitet ist das Handy am Steuer bei den 18- bis 35-Jährigen (63 Prozent), zunehmend aber auch in den höheren Altersklassen (42 Prozent der 36- bis 55-Jährigen, 22 Prozent der 56- bis 69-Jährigen). „Der Zeitgeist läuft der Sicherheit entgegen“, so Zeidler.
Polizeikontrollen erwarten die Befragten inzwischen etwas häufiger, erleben sie de facto aber selten. Auch das Strafmaß empfinden viele als mild. Kontrollen und Sanktionen sollten daher verschärft werden. -psychologinnen gefordert, Konzepte gegen aggressives Verhalten im immer dichter werdenden Verkehr zu entwickeln. Kampagnen sollten auf ein rücksichtsvolleres Miteinander abzielen.
Weitere Ergebnisse der seit 2010 regelmäßig durchgeführten UDV-Studie: Die meisten Verkehrsteilnehmenden in Deutschland fühlen sich im Straßenverkehr sicher (58 Prozent; 2016: 62 Prozent) – Männer (66 Prozent) noch deutlicher als Frauen (48 Prozent). Daher befürworten Frauen schärfere gesetzliche Maßnahmen auch stärker als Männer. Beide Geschlechter sprechen sich vor allem für die Null-Promille-Grenze im Kraftfahrzeug (74 Prozent) und für eine neue, zusätzliche 1,1 Promillegrenze für Radfahrende (rund 72 Prozent) aus. So stark wie nie zuvor plädieren die Befragten zudem für Tempo 130 auf Autobahnen (rund 60 Prozent), Tempo 80 auf Landstraßen (rund 53 Prozent) und Tempo 30 in Städten (rund 43 Prozent). (mho)

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